Muss ich mein Handy nachts ausschalten?

Immer wieder hört oder liest man davon, dass Handystrahlung gefährlich ist. Stimmt das jetzt und wenn ja, was macht man am besten dagegen?
marie-charlotte-maas

Bevor ich ins Bett gehe, erledige ich eine Reihe von Ritualen. Ich laufe einmal durch die Wohnung, um zu überprüfen, ob der Herd wirklich ausgeschaltet ist und ob die Haustür abgeschlossen wurde. Meine letzte Handlung gilt meinem Handy. Das schalte ich ab. Immer. Angewöhnt habe ich mir das während der Studienzeit, als mein Freundeskreis Nacht für Nacht auf Partys ging, und dazu neigte die zu Hause gebliebenen Freunde um drei Uhr anzurufen, um zu fragen, ob sie nicht auch noch zur Mediziner-Party kommen wollten. Heute schalte ich mein Handy nachts immer noch aus – aber aus einem ganz anderen Grund. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass die Strahlen gefährlich sind. Mein Freund lacht mich aus. Er sagt, ich sei verrückt – und lässt sein Handy nachts konsequent an. Ich möchte, dass er es dann in ein anderes Zimmer legt. Bin ich paranoid?

„Der wissenschaftlich belastbare Nachweis der Schädlichkeit von Handystrahlung ist bis heute nicht erbracht“, sagt Harald Melcher, Professor für Informationstechnik an der Hochschule Esslingen. „Ein Nachweis unter Laborbedingungen hat bis jetzt nicht geklappt und Nachweise im ´echten Leben´ zu führen ist schwer, weil gleichzeitig andere Faktoren mit im Spiel sind. In Österreich gab es beispielsweise eine später zurückgerufene Studie, die Krebsfälle in einem von Mobilfunk versorgten Gebiet belegte. Dabei waren in diesem Fall zum Untersuchungs-Zeitraum der Studie keinerlei Mobilfunkfunk-Anwendungen in der Nähe des Untersuchungsgebiets installiert.“   Und eine Studie, die die Unschädlichkeit beweist, kann es aus logischen Gründen natürlich nicht geben. Der Experte jedenfalls gibt Entwarnung: „Ein Handy, das nicht benutzt oder bewegt wird, meldet sich nur in bestimmten Intervallen als im Netz noch verfügbar und sendet darüber hinaus nicht“, erklärt Harald Melcher. „Diese Intervalle liegen in Deutschland zwischen 30 Minuten und zwölf Stunden. Ist es ausgeschaltet oder auf Flugmodus gestellt, ist seine Strahlung auf Null reduziert. Einzig Apps moderner Smartphones nehmen häufiger Verbindung zu den entsprechenden Internet-Servern auf und zwingen das Handy zum Senden. Schnurlose DECT-Telefone halten dagegen Kontakt zu ihrer Basis über ein schwaches Dauersignal.“   Was schlussfolgern wir daraus? Hat mein Freund etwa recht und ich muss mein Handy nachts nicht ausschalten? Nötig scheint es nicht zu sein. Oder sagen wir: Es gibt zumindest keine Beweise, dass es nötig ist. Die tauchen vielleicht erst in Jahrzehnten auf.   Mein Freund jedenfalls triumphierte nach diesem Artikel. Darf er auch. Denn so schöpfte er keinen Verdacht, als ich dafür plädierte ein neues Telefon zu kaufen – Retrotelefone mit Schnur sind ja gerade so etwas von angesagt. 

Marie-Charlotte Maas, 28, wird ihr Handy dennoch weiterhin nachts ausschalten. Rituale gehören zum Leben einfach dazu. 

Fünf Tipps für einen gesunden Umgang mit dem Handy: 1. Die Strahlung nimmt mit der Entfernung schnell ab. Je größer die Entfernung zum Kopf oder Körper, desto weniger Strahlung kommt beim Menschen an.

2. Um einen Abstand zu schaffen, kann man zum Beispiel mit Kopfhörern telefonieren.

3. Einige Hersteller bauen die Antennen in die Handys so ein, dass in Richtung des Kopfs weniger Leistung abgestrahlt wird. Fest eingebaute Mobiltelefone in Autos (mit außen angebrachter Antenne) erzeugen übrigens am wenigsten Strahlung bei den Insassen.

4. Telefonieren an Punkten mit gutem Empfang führt zu kleinen Sendeleistungen, an Punkten mit schlechter Versorgung muss das Handy stark senden. So sendet das Handy z.B. auch in geschlossenen oder fast geschlossenen metallischen Umgebungen ("Faradayscher Käfig") sehr stark, z.B. in Aufzügen oder in Autos.

5. Abgeschaltete Geräte, zum Beispiel der Fernseher, sind harmlos. Das gilt übrigens nicht für die Standby-Funktion. Nachttischlampen mit Halogenbirnchen haben einen eingebauten Transformator, der bei vielen der Lampen auch Strom zieht, wenn das Licht ausgeschaltet ist. Das ist eine starke Quelle magnetischer Wechselfelder. Es empfiehlt sich daher eine Steckdosenleiste mit Schalter, denn manche Menschen reagieren empfindlich auf diese Felder und ihr Schlaf wird beeinträchtigt. 

  • teilen
  • schließen