Wie gehe ich mit Trauer um?

Trauern tut weh. Doch wenn man weiß, wie es richtig geht, frisst einen der Schmerz jedenfalls nicht auf. Die Frage der Woche aus dem Lexikon des guten Lebens
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Vorletztes Jahr im Sommer starb meine Oma. Sie war schon länger krank und ich wusste, dass sie nicht mehr lange leben würde. Trotzdem war da immer noch die irrationale, alberne Hoffnung, dass sie wieder gesund würde. Meine Oma wurde 82 Jahre alt. Andere Großeltern sind mit 80 wirklich alt, sind bereit zu gehen, wollen teilweise gar nicht mehr leben. Meine Oma war anders.

Bis weit über 70 hatte sie als Ärztin gearbeitet, anschließend viele große Reisen unternommen: Mexiko, Sri Lanka, USA, Martinique- meine Oma hatte mehr von der Welt gesehen als ich. Und sie hatte noch viel vor. Das war es, was uns als ihre Familie am traurigsten machte. Meine Oma hatte noch nicht abgeschlossen, sie war fit und agil und wurde durch die Krankheit mitten aus dem Leben gerissen. Ich war am Boden zerstört. Ich versuchte so viel Zeit wie möglich bei ihr zu verbringen, fuhr oft nach Hause, um sie zu sehen. Natürlich konnte ich nicht immer bei ihr sein, schließlich hatte ich mein eigenes Leben, mein Studium, meine Freunde.

„Viele Leute haben nach dem Tod eines Angehörigen ein schlechtes Gewissen. Sie denken, dass sie zu wenig da waren, zu wenig Unterstützung gegeben haben. Diese Vorwürfe darf man sich nicht machen. Man muss sich vor Augen führen, dass das der Lauf des Lebens ist, zu dem auch der Tod gehört. Und dass es nichts geändert hätte, wenn man öfter angerufen hätte oder vorbeigekommen wäre", sagt Diakon Tobias Rilling, der beim Trauerzentrum Lacrima arbeitet, einem Dienst der Johanniter in München. Als meine Oma schließlich im Krankenhaus lag, sollte ich ein Praktikum im Ausland antreten. Ich haderte mit mir und schließlich war es meine Oma, die sagte, dass ich gehen soll. Es ging ihr den Umständen entsprechend gut und so trat ich die Reise an. Nur fünf Tage später wurde ich von meiner Familie zurückgerufen. Meiner Oma ging es sehr schlecht. Ich brach mein Praktikum ab und fuhr zurück. Als ich zu Hause ankam, war sie nicht mehr wirklich ansprechbar. Ich redete trotzdem mit ihr. Nur zwei Tage später starb meine Oma.

Dass ich die Gelegenheit hatte, sie noch mal zu sehen und bei ihr zu sein, hat mir viel gegeben. Es hat mir ein bisschen von meiner Trauer genommen. Meine Freunde, die meine Oma kannten, schrieben mir E-Mails und kamen zu ihrer Beerdigung. Für diese Unterstützung bin ich bis heute dankbar. „Wenn jemand aus der Familie eines Freundes stirbt, sollte man sensibel auf den Betroffenen zugehen und seine Hilfe anbieten, aber ihn auch nicht erdrücken. Am besten man verhält sich wie immer, denn Normalität gibt Kraft. ", sagt Tobias Rilling. Bis man über den Tod eines Menschen hinweg ist, kann lange dauern: „Wie lange man trauert, ist ganz unterschiedlich und hat auch oft mit dem Umfeld zu tun. Hat man Rückhalt bei Familien und Freunden, ist es leichter zu bewältigen", sagt Tobias Rilling. „Trauer ist ein Prozess mit Höhen und Tiefen. An Geburtstagen oder Familienfesten, wenn man merkt, wie die Person fehlt, kommt oft alles wieder hoch. Das ist normal und gesund."

Marie Charlotte Maas, fehlt ihre Oma auch zwei Jahre nach ihrem Tod noch sehr. Oft denkt sie: Das muss ich ihr erzählen, das würde ihr gefallen. Und das ist dann irgendwie auch wieder schön.

Fünf Tipps, wie man richtig trauert:

1. Ritualarbeit ist wichtig: Eine Kerze anzünden, Bilder anschauen und so Gefühle zulassen. Sich Zeit für Trauer einräumen und sich selber Gutes zu tun. Einfach auf der Parkbank im Wald sitzen und in die Ferne schauen. Nicht versuchen, die Traurigkeit durch viel Arbeit zu verdrängen.

2. Je offener man mit dem Verlust umgeht, desto schneller findet man ins Leben zurück: Nur wenn ich gut trauere, kann ich auch wieder lachen. Die Trauer sei ein evolutionäres Geschenk an uns Menschen, um diese Krise zu überstehen, sagt Tobias Rilling. Ungesund ist es, wenn man das Trauern unterdrückt, denn dann bricht sie sich eines Tages, oft Jahre oder Jahrzehnte später, Bahn.

3. Jemanden suchen, dem man sagen kann: „Ich bin traurig, hör mir bitte zu." Wer ein größeres Bedürfnis nach Trost und Aussprache hat, kann sich an Experten wenden. Es muss keine Psychotherapie sein, sagt Tobias Rilling, denn Trauer ist ein Gefühl und keine Krankheit. In fast allen Städten werden Treffen für Trauernde angeboten.

4. Jeder zeigt seine Trauer anders: Manche weinen viel, andere organisieren zum Beispiel die Beerdigung. Auch das ist eine Möglichkeit seine Traurigkeit zu verarbeiten und dem Verstorbenen Wertschätzung zu zeigen.

5. Man muss den Verstorbenen nicht glorifizieren. Es ist durchaus erlaubt über gute und schlechte Seiten zu reden. Es ist erlaubt auch die Macken zu würdigen. Auch das gehört zur Gedächtnis- und Trauerarbeit. 

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