Wie mache ich mich selbstständig?

Statt nine-to-five-Job die eigenen Ideen verwirklichen und statt dem Chef zu gehorchen der eigene Chef sein: So schön stellt man sich die Selbstständigkeit vor. Aber sie will gut geplant sein - das Lexikon des guten Lebens weiß, wie's geht.
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Dass ich mich eines Tages selbstständig machen werde, wusste ich schon relativ früh. Ich konnte mir nicht vorstellen neun Stunden am Tag in einem Beruf zu arbeiten, hinter dem ich nicht vollständig stehe. Wenn man seine eigene Idee verwirklicht, ist die Motivation viel größer. Dennoch habe ich nach meinem Politikwissenschaftsstudium den Sprung in die Selbstständigkeit nicht sofort gewagt. Ich wollte erstmal als Angestellter arbeiten, um  Referenzen zu sammeln.  

Momentan arbeite ich im Rahmen eines EU-Projekts als Projektleiter. Dort kümmere ich mich um russischsprachige Zuwanderer. Wir versuchen sie mit Hilfe von Coachings in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Auf diesem Gebiet der Arbeitsmarktberatung habe ich mich auch selbstständig gemacht. Ich berate Leute, die auf der Suche nach einem neuen Job sind. Das kann zwei Gründe haben: Unzufriedenheit oder Arbeitslosigkeit. Meine Kunden sind Leute, die sich fragen, welche Wege sie mit Anfang vierzig gehen können. Und da komme ich ins Spiel. Schon als Student habe ich mich um Jugendliche gekümmert, sie bei Schulproblemen unterstützt und ihnen geholfen ihren Weg zu finden. Damals entstand auch die Idee dies irgendwann mit Erwachsenen zu machen.  

„Wer sich selbstständig macht, sollte wirklich bereit sein, die Verantwortung zu übernehmen – und zwar für alles was man tut. Für diejenigen, die oft die Schuld bei anderen sehen und nicht die Verantwortung für sich und die eigenen Entscheidungen übernehmen wollen oder können, ist eine Selbstständigkeit natürlich nichts“, sagt Beate Westphal Vorstandsmitglied von „Gründercafé“, einer Netzwerkplattform für Gründer in Berlin.  

Da ich mir noch keinen Namen gemacht habe, arbeite ich weiterhin in meinem alten Job und kümmere mich nach der Arbeit und am Wochenende um meine Firma. Das ist anstrengend, aber ich nehme die fehlende Freizeit gerne in Kauf, schließlich hoffe ich auch, dass ich eines Tages davon leben kann. In ein paar Wochen wage ich dann den nächsten großen Sprung. Ich höre in meinem alten Beruf auf und kümmere mich nur noch um mein Projekt. In der Anfangszeit wird es finanziell hart werden, aber das Risiko wird sich lohnen. Angst, mit meiner Idee zu scheitern, habe ich nicht. Wenn ich nachts wach liege und nicht schlafen kann  liegt es vielmehr daran, dass mich meine derzeitige Arbeit als Angestellter „schmerzt". Es ist schade, als Arbeitnehmer ausgeliefert zu sein und seine Kreativität und seinen Elan in Bahnen gepresst zu bekommen.  

Auch meine Freunde bestärken mich in meinem Schritt. Meine Mutter dagegen hat Vorbehalte. Das ist aber wohl eine Generationen-Frage: Sie ist selbst eher zurückhaltend und ein gewisses Maß an beruflicher Sicherheit gewöhnt. Das liegt vielleicht daran, dass es für sie in meinem Alter viel leichter war eine Stelle zu finden.   

Zur Absicherung – das ist wohl eine Frage der Erziehung- werde ich freiwillig weiter Beiträge zur Arbeitslosenversicherung und meiner Risikolebensversicherung abschließen, um finanzielle Risiken zu mindern, so dass meine Existenz nicht durch Krankheit ihrer finanziellen Grundlagen beraubt wird.  

„Wenn das Projekt Selbstständigkeit scheitert, hat das häufig bei vielen Menschen ähnliche Gründe. Das Geschäftsmodell war nicht tragfähig, die finanzielle Allgemeinbildung war nicht ausreichend, es gab gesundheitliche oder familiäre Probleme. Darum sollte man sich unbedingt vorher darüber klar werden, ob man tatsächlich ausreichend Hintergrundwissen hat. Und dieses sollte man sich vorab aneignen, nicht erst, wenn das Projekt bereits läuft, erzählt Beate Westphal.  

Marie-Charlotte Maas, 26, hat für diesen Artikel Jochen, 31, protokolliert, der lieber Tag und Nacht für seine eigene Idee arbeitet, als acht Stunden täglich einen Job zu machen, der ihn nicht erfüllt.      

Fünf Tipps für angehende Selbstständige:

1. Bevor ich den ersten Schritt Richtung Selbstständigkeit wage, sollte ich mir darüber klar werden, ob ich unternehmerisch denke oder eher eine Angestellten-Mentalität habe. Das heißt: Man sollte bereit sein die Verantwortung für alles zu übernehmen was man tut. Wer oft die Schuld bei anderen sucht und nicht die Verantwortung für sich und die eigenen Entscheidungen übernehmen will, ist als Selbstständiger fehl am Platz.

2. Vorab überlegen: Welche Qualität hat das Geschäftsmodells prüfen. Welches Problem löst es? Welchen Nutzen bietet es? Außerdem: Mit Brainstorming-Methoden an der Geschäftsidee, an der Wertschöpfungskette arbeiten.

3. Ein praktischer Tipp von der Expertin: Das Buch „Kopf schlägt Kapital“ von Günter Faltin lesen.

4. Unbedingt mit einem fertigen Geschäftsmodell starten und nicht bloß mit einer Idee. So erspart man sich die„Durststrecke“, die Zeit, in der man sich ausprobiert und vielleicht nichts verdient.

5. Es gibt erfolgversprechende und weniger erfolgversprechende Geschäftsmodelle. Die Expertin rät daher dazu sich die Preisträger vom ZDF-Gründerpreis, vom Impulse Turn-Arounder sowie vom Ernst&Young Entrepreneur of the Year anzuschauen. Bei der Analyse dieser Geschäftsmodelle kann man lernen, wie ein tragfähiges Geschäftsmodell aufgebaut wird.

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