Wie werde ich Bürgermeister?

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„Bürgermeister" klingt nicht wie etwas, das man sein will. „Stadtrat" auch nicht. Und Rathäuser sind für die meisten uns Gebäude, in denen spießige Menschen Dinge beschließen, die wir nur mitbekommen, wenn sie spektakulär oder etwas lächerlich sind. Wie sie zustande kommen, damit haben wir uns nie beschäftigt. Dabei betreffen uns Stadtratsbeschlüsse andauernd. Und eigentlich könnten wir mit beschließen – als Bürgermeister, zum Beispiel, oder als Stadträtin. Warum also nicht einmal einen Blick riskieren?

Zunächst einmal: Lokalpolitik ist besser als ihr Ruf. „Es wird immer gesagt, wir kümmern uns um die Absenkung von Randsteinen", meint Verena Dietl (SPD), die seit 2008 den Stadtteil Laim im Münchner Rathaus vertritt. „Das greift zu kurz." Tatsächlich wird im Stadtrat viel Alltagsrelevantes beschlossen, aber abgesenkte Randsteine sind nur ein kleiner Teil des Spektrums, das von der Fernwärmeversorgung, über Fördergelder-Großbudgets bis hin zu Architekturwettbewerben für kommunale Gebäude reicht. Irgendetwas sollte auch für dich dabei sein. Das Schöne an allem: „Wenn man einen Beschluss erreicht hat, sieht man die Auswirkungen direkt. In der Kommunalpolitik ist man sehr nah dran", sagt Dietl, die 31-jährige Diplom-Sozialpädagogin.

Wenn du mit beschließen möchtest, suchst du dir am besten eine Partei, die zu dir passt – und zwar auf der Bundes- wie auf Kommunalebene. Das kannst du herausfinden, indem du fleißig Parteiprogramme vergleichst und auf den Treffen der Ortsvereine vorbeischaust. Dass du dich im Ortsverein wohlfühlst, ist wichtig, denn er wird deine politische Heimat bleiben. Ihn musst du auch überzeugen, dass du in den Stadtrat gehörst – er schlägt dich nämlich für einen Listenplatz vor. Wie schnell das geht, hängt neben deinem Engagement auch davon ab, ob für deinen Stadtteil gerade Stadträte gesucht werden und wie ernst deine Partei die Nachwuchsförderung nimmt. Auch Quotenregelungen spielen manchmal eine Rolle. Hast du es auf die Liste geschafft, kommt der Wahlkampf. Du bestreitest ihn vor allem mit deinem Ortsverein und er ist – so viel ist sicher – ein veritabler Wochenendfresser. Deine Freunde bekommen jetzt nicht mehr so viel von dir mit, schließlich musst du Plakate aufhängen, Diskussionen bestreiten und Infomaterial verteilen.

Vor allem lernst du deine wichtigste Klientel kennen: Den Bürger aus deinem Stadtteil. In aller Regel will er etwas von dir. Du musst jetzt zuhören, vermitteln, dass du seine Anliegen ernst nimmst. Gleichzeitig darfst du aber nicht zu viel versprechen. „Man muss sich und den anderen klarmachen: Es gibt nicht für jedes Problem eine Lösung", meint Verena Dietl. Am Wahltag dann die Stunde der Wahrheit: Hast du es in den Stadtrat, wird es erst einmal verwirrend. Ein Stadtrat ist nämlich eine Welt für sich: Es gibt Gremien, Ausschüsse und Fraktionen, aber auch Institutionen und Strukturen, von denen du nie gehört hast. Alles ist furchtbar anstrengend. Dabei wolltest du doch loslegen.

Kein Stress, meint Verena Dietl. „Man darf jetzt nicht zu viele Erwartungen haben, vor allem nicht an sich selbst." Gib dir also Zeit, dich in der Fraktion zurechtzufinden. Mache dir deine Ziele bewusst und finde heraus, in welchen Ausschüssen du sie am besten verwirklichen kannst. Wer in welche Ausschüsse kommt, beschließt die Fraktion, sie vergibt auch die Sprecherposten. Sprecher sind wichtig, denn sie tragen in den Ausschüssen die Position der Partei vor, die zuvor schon in der Fraktion diskutiert und offiziell verabschiedet wurde. In den Ausschüssen tauschen die nun Parteien ihre Meinungen aus und bereiten Beschlüsse für die Vollversammlung vor. In der Vollversammlung werden sie schließlich verabschiedet.

Eigene Ideen kannst du vor allem in der Fraktionssitzung einbringen. Leider dauert es, bis etwas passiert. „Jüngere wollen oft alles sofort erreichen", sagt Verena Dietl. Dabei ist es besser, in kleinen Schritten vorzugehen. „Es gibt Leute, die seit 20, 30 Jahre mit dabei sind und Neuankömmlinge erst einmal skeptisch beäugen. Mit ihren Erfahrungen sollte man sich auseinandersetzen." Zu sehr darf man sich aber auch nicht anpassen. Abwägen, also. An Kompromisse musst du dich jetzt sowieso gewöhnen. Neben deiner persönlichen Überzeugung steht immer das große Ganze, zu dem neben der Fraktion auch schwierige Haushaltslagen gehören.

Auch muss man gelegentlich Vorgaben aus der Landes- und Bundespolitik umsetzen, hinter denen man nicht steht. „Diese Abhängigkeit nervt schon", meint Dietl. „Manchmal geht gar nichts, obwohl man gute Ideen hat." Doch davon darf man sich nicht abhalten lassen. Oft genug geht nämlich etwas. Und du als stolzer Stadtrat, bekommst es direkt mit. Du kannst dann zum Beispiel sagen: „Das mit dem Nachtbus war meine Idee." Oder: „Ohne mich würde diese Spielplatz noch immer aussehen wie eine Müllhalde." Oder, oder, oder.

Dass alles so greifbar ist, ist, wie gesagt, das Schöne an der Lokalpolitik. Ob es dann tatsächlich so schön ist und du so einen langen Atem hast, dass du bis zum Bürgermeister durchhältst, musst du sehen. Einen Versuch ist es aber wert.

Zugegeben: Das mit den Randsteinen hat Therese Meitinger (30) auch erst gedacht.


Fünf mal Rathaus-Wissen für Einsteiger:

1. Die meisten Stadträte sind ehrenamtlich tätig. Sie bekommen für ihr Engagement eine Aufwandsentschädigung, die von Stadt zu Stadt unterschiedlich ausfällt. Aufwandentschädigungen müssen versteuert werden und es wird erwartet, dass man an seine Partei etwas abgibt.

2.Kommunalpolitik ist viel Klein-Klein. Um hier nicht den Überblick zu verlieren, muss man gut organisiert sein und strukturiert arbeiten.

3. Wer seine kommunale Karriere bis zum Bürgermeisteramt durchhält, hat gute Chancen auf ein Stück Ruhm. Bürgermeister sind nämlich beliebte Straßen-Namensgeber. Leider handelt es sich dabei meistens um tote Bürgermeister.

4. Im Stadtrat werden nicht nur Vorgaben der Bundes- und Landespolitik umgesetzt, mit dem Deutschen Städtetag gibt es auch ein Gremium, das Städteinteressen auf Bundesebene vertritt.

5. In München sind Bezirksausschüsse ein guter Einstieg in die Lokalpolitik. Diese Organe beschäftigen sich besonders mit den Belangen von einzelnen Stadtteilen. 

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