In dieser Webserie klemmen Dildos in der Tür

"Kuntergrau" ist zwar ein furchtbarer Name – das Projekt tut der Serienlandschaft ansonsten aber sehr gut.
Von Friedemann Karig

Noah und Jan sind zusammen. Aber im Bett läuft es nicht. Noah will, dass Jan ihn "schlägt und dominiert". Jan hat Angst: "Irgendwann reichen ihm seine scheiss Pornos nicht mehr. Dann muss ich's doch machen. Oder ich kann zusehen, wie er abhaut und es sich woanders holt."   

So beginnt die Webserie "Kuntergrau". Sie handelt von schwulen Jungs und ihren mehr oder weniger alltäglichen Problemen: Liebe, Sex und Akzeptanz. Vermengt mit viel schwuler Selbstironie. "Du wirst schon mit 'nem blauen Auge davon kommen ", tröstet ein Freund Jan in der ersten Folge. Und fügt dann an: "Okay. Noah kommt mit einem blauen Auge davon."  

Das ist aufwändig produziert. Die Schauspieler sind okay bis hölzern. Die Musik ist gut. Die Szenenbilder eher Ikea. Ein bisschen Kitsch, ein paar gute Sprüche, eine halbwegs erträgliche Disko-Szene (was mehr ist, als man von allen anderen deutschen Serien, Web oder TV, behaupten kann).   

Also alles genau so, wie eine Soap eben ist: Etwas peinlich. Etwas übertrieben. Etwas viel Klischee. Aber Kuntergrau ist einen Tick liebevoller als die verbotenen Lieben und gute/schlechte Zeiten dieser Welt. Man merkt, dass sich die Macher Mühe gegeben haben. Und etwas zu sagen haben.   

Als ambitionierte Film-Laien trafen sie sich im "anyway", einem schwul-lesbisch-bisexuellen Jugendzentrum in Köln. Sie beschlossen, schwule Webserien zu produzieren. Bei "Kuntergrau", ihrem dritten Projekt, macht der eine Drehbuch, der andere Catering, der nächste Regie. Viele auch mehrere Jobs gleichzeitig. Alle sind schwul und wohnen in oder um Köln. Die Serie spielt auch dort, was den Stefan Raabs dieser Welt wieder Vorlage für ein halbes Dutzend dummer Witze gegeben hätte. Was wiederum auch schon mehr als genug Erklärung sein dürfte, warum es wichtig ist, dass es diese Serie gibt.   

Denn natürlich – wozu das verschweigen? – blitzt beim heterosexuellen Zuschauer ab und zu Befremden auf. Zwei Jungs gehen aufs Club-Klo, einer zieht Kondome raus, dreht dem anderen den Rücken zu, Hose runter, Stöhnen. Oder: Noah und Jan probieren ein bisschen Fesselspiele, "warst du ein böser Junge?" fragt Jan. Am nächsten Tag klemmt ein schwarzer Dildo in der Tür und versaut Jan seinen beleidigten Storm-Off.  

Ach so, ja, ist halt eine schwule Serie, denkt man. Warum wundere ich mich eigentlich? Diese Mini-Irritation ist gut. Denn sie klingt schneller ab als der Streit zwischen Noah und Jan, weil Jan ins Ausland will und Noah nichts davon erzählt, bis der eine Broschüre für ein Erasmus-Semster in Holland in Jans Rucksack findet. Es bräuchte, will das wohl sagen, also viel mehr Kuntergrau.

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