Wir sollten öfter in fremden Sprachen flirten

Denn wenn wir uns nicht in der eigenen Sprache bewegen, sind wir manchmal viel mehr wir selbst.
Von Eva Hoffmann

Liebe braucht ja auch gar nicht sooo viele Worte.

Foto: Toa Heftiba / Unsplash / Bearbeitung: jetzt.de

Wenn ich heute an einem Strand diese Plastikliegen mit ausfahrbarem Sonnenschutz sehe, muss ich immer an einen Sommer vor ungefähr zehn Jahren denken: Ich war hochpubertär, der Sand viel zu heiß und die Jukebox zu laut, aber wir hingen trotzdem zwei Wochen lang jeden Tag an genau dieser italienischen Strandbude ab. Hauptsächlich, um uns von den älteren Jungs aus dem Ort, die wir mit ihrem überschaubaren Englisch kaum verstanden, auf ein viel zu klebriges Granita-Eis einladen zu lassen. Danach bräunten wir uns exzessiv auf unseren angestammten Plastikliegen und genau da entdeckte ich den schönsten Liebesbrief meines Lebens. Er kam von Luca, einem der Strandbuden-Jungs, und klebte zusammengefaltet unter dem Sonnenschutz meiner Liege. Obwohl er alle Plattitüden der Welt auf einem DIN-A4-Blatt vereinte, fand ich diesen Brief trotzdem wahnsinnig schön. Weil er ihn nicht in seiner Muttersprache, sondern in sehr brüchigem Englisch geschrieben hatte.

Zwischen den wackeligen Zeilen und der holprigen Grammatik konnte ich einerseits die Anstrengung sehen, mit der dieser Monolog verfasst worden war, und das war schonmal sehr rührend. Andererseits verloren all die überzogenen Liebeserklärungen und Versprechen durch die kleinen Fehler, die sich in jedem Satz versteckten, an Schmalz – und wurden irgendwie okay, ja, sogar schön.

Wenn ich heute an diesen Sommer denke, fällt mir auf, dass ich ein solches pubertäres Geplänkel mit den Jungs aus meiner Schule wahrscheinlich furchtbar gefunden hätte. Und das nicht, weil ich die alle nicht mochte, sondern schlicht, weil diese kleine Romanze ohne ihr gebrochenes Englisch und meine mickrigen Italienisch-Versuche nur halb so schön gewesen wäre. All die Leichtigkeit, der Witz und der Charme der italienischen Strandbar-Jungs wären mit einem Schlag verloren gewesen, hätten sie Deutsch gesprochen. Und das geht mir bis heute noch so: In einer fremden Sprache zu flirten ist viel schöner als in der eigenen.

Wir flirten authentischer, wenn wir eine Fremdsprache sprechen

Ich will Deutsch als Sprache mit dieser Behauptung nicht diskreditieren und niemand braucht die ausgelutschten Klischees vom romantischen Französisch oder dem feurigen Spanisch, um diesen Punkt nachzuvollziehen. Es geht vielmehr um die Atmosphäre, die entsteht, wenn man nicht alles versteht und sich nicht perfekt ausdrücken kann. Denn selten beherrschen wir fremde Sprachen so perfekt wie unsere eigene. Wir machen zwangsläufig Fehler, kommunizieren missverständlich oder verwechseln Worte und Begriffe. Das ist aber kein Grund, sich zu schämen, im Gegenteil: Dadurch eröffnen sich Freiräume, in denen wir ganz wir selbst sind: Wir lachen über den Fehler, werden rot oder erfinden witzige Umschreibungen. Im Gegensatz zu unserer Muttersprache, in der wir jedes Wort mit Bedacht auswählen und dadurch andere manipulieren können, bietet eine fremde Sprache beim Flirten Platz für Authentizität.

Natürlich ist es erst einmal eine Überwindung, einfach drauf los zu plappern, auf die Gefahr hin, sich dabei zu blamieren. Niemand möchte wie beim Vokabeltest früher in der Schule dastehen, stammelnd und rot wie eine Tomate. Aber zum Glück sind wir ja nicht mehr in der Schule und Flirten ist kein Leistungstest. Wenn wir heute bei einem Date nicht hundert Prozent grammatikalisch korrekt sprechen, dann reißt uns hoffentlich niemand den Kopf ab. Und wenn doch, sollten wir uns ernsthaft überlegen, ob diese Person Potenzial für eine zwischenmenschliche Beziehung hat. 

Egal in welcher Konstellation, beim Flirten in einer anderen Sprache haben wir nichts zu verlieren und alles zu gewinnen: Sind wir selbst nicht in unserer Muttersprache unterwegs, lernen wir schneller Vokabeln als in jedem Schulbuch, weil wir im Idealfall alles interessant finden, was die andere Person sagt. Versucht unser Gegenüber, sich in unserer Muttersprache zu verständigen, müssen wir viel aufmerksamer sein als bei einem Date, bei dem beide die gleiche Sprache sprechen. Wir müssen mithelfen, Worte zu finden, uns gegenseitig ergänzen oder Sprach-Insider beibringen. Wenn das Sprachniveau, egal in welcher Konstellation, zumindest für Basic-Kommunikation ausreicht, können dadurch viel absurdere, albernere und witzigere Gespräche entstehen als unter Muttersprachlern.

An dem Punkt, an dem die Grammatik zusammenbricht, entsteht eine besondere zwischenmenschliche Erfahrung

Diese Atmosphäre kann eine manchmal krampfige Date-Situation in Minuten auflockern. Gerade weil wir uns vielleicht nicht perfekt ausdrücken können und besonders Humor in einer anderen Sprache manchmal schwer zu vermitteln ist, können Dates in einer anderen Sprache ganz anders verlaufen als sonst. Meist spricht man erst mal über einfachere Dinge, für die der Wortschatz reicht, bevor man in ernste Gespräche und Diskussionen übergeht.

Aber wenn der Smalltalk überwunden ist, muss man sich spontaner zu helfen wissen, um die Kommunikation am Laufen zu halten. Manche fangen dann an, albern zu gestikulieren, um mit vollem Körpereinsatz die fehlenden Worte zu ersetzen, andere zeigen Fotos oder helfen sich mit einer dritten Sprache weiter. Genau an diesem Punkt, an dem die Grammatik zusammenbricht, aber Humor und Interesse trotzdem noch rüberkommen, entsteht eine besondere zwischenmenschliche Erfahrung, die zwei Muttersprachler nicht zusammen erleben können. 

Ob es dann zwischenmenschlich passt, bleibt wie bei jedem Date eine andere Frage. Und natürlich gibt es von „voulez-vous coucher avec moi“ bis „hola chica“ in jeder Sprache dumpfe Anmachen. Fremdsprachen machen Flirts nicht per se besser, wenn die Flirtpartner nicht stimmen. Aber es ist wesentlich schwieriger, aus Versehen selbst in ein Fettnäpfchen zu treten und einen dummen Spruch abzulassen, wenn man die Sprache und ihre Redewendungen nicht kennt. Statt lahmer Komplimente und umgangssprachlicher Plattitüden muss man erfinderischer werden und selbst schmeichelhafte Worte finden, die meistens unbeholfen und dadurch gleich ein bisschen netter und ehrlicher klingen.

Und wenn ein Flirt in einer anderen Sprache dann trotzdem langweilig wird, ärgern wir uns darüber viel weniger als sonst. Denn immerhin haben wir dann ein bisschen an unserem Französisch, Spanisch oder was auch immer gefeilt. Heute hoffe ich, dass Luca aus dem Italienurlaub das genauso sieht, denn für mehr als ein paar Wassereis auf klapprigen Plastikstühlen hat es dann doch nicht gereicht.

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