Horror-Date: Der durchgeknallte Fessel-Freak

Jeder hatte schon einmal ein Date, das total danebenging. In dieser Serie erzählen wir davon.
Von Katja Lewina
Illustration: Jessy Asmus

Dating-Situation: Treffen mit Partybekanntschaft als frischer Single

Geschlecht und Alter des Dates: Männlich, 28

Horror-Stufe: 8

Ich kannte Vadim* um ein paar Ecken – er war die absolute Partygranate. Und weil die Feier-Nächte mit ihm zu den legendärsten in meinem Leben zählten, war ich gleich Feuer und Flamme, als er mich eines Abends fragte, ob wir nicht mal was zu zweit machen wollten. Das konnte nur gut werden, da war ich sicher.

Und so war es zunächst auch. Das Essen beim Franzosen rührten wir kaum an. Stattdessen tranken wir umso mehr. Vor zwei Monaten hatte ich eine langjährige Beziehung beendet und kannte noch immer nur zwei Stimmungslagen: stille Trauer und absolute Euphorie. Zum Glück war Vadim so aufgekratzt wie immer, und ich ließ mich nur allzu gern von ihm anstecken. Wir überschlugen uns geradezu vor Pointen und Absurditäten, schrien uns – zum Verdruss der anderen Gäste – Witze zu und kreischten laut, statt zu lachen. Vadims Hand war bald in meinem Schritt zugange und meine in seinem. Es war klar, wo das alles enden würde: bei ihm zu Hause.

„Hey, hast du Lust auf was Abgefahrenes?“, fragte Vadim, als wir beide nackt waren. Seine Hand verschwand unter dem Bett. Als sie wieder oben war, hielt sie etwas fest, das wie ein paar Rollen schwarzes Klettband aussah. „Fesseln“, sagte Vadim. „Die hab ich heute gekauft. Hast du Bock?“ Und wie ich Bock hatte. In meiner Beziehung war am Ende alles Abenteuerliche aus dem ersten Verliebtheitsrausch zu Gunsten von „Sonntagfrüh Löffelchenstellung“ wegrationalisiert worden.

Es gab ihn, diesen kleinen Moment, während Vadim nacheinander meine Hände und Füße an den jeweiligen Bettpfosten fixierte. Ich lag alle Viere von mir gestreckt, unfähig, mich groß zu bewegen. Unwohlsein flackerte auf. Immerhin war ich ihm ausgeliefert, und das, ohne ihn wirklich zu kennen. Was, wenn er irgendeinen Scheiß mit mir baute? Doch da war Vadims Zunge schon zwischen meinen Beinen, und alle Gedanken waren wie weggewischt.

Als wir fertig waren, legte er sich neben mich und strich mit seiner Hand zärtlich über meinen Körper. Ich war noch immer fixiert. Für die nächste Runde, wie Vadim gesagt hatte. „Hast du eigentlich ,Spun‘ gesehen?“, fragte er. Hatte ich nicht. Also klärte er mich auf: „Da ist so ein Meth-Junkie, der fesselt eine Frau genau so an sein Bett, wie du jetzt gefesselt bist. Dreht Heavy Metal auf, volle Pulle. Die wollen grade loslegen. Aber da kommt ein Anruf: Ein wichtiger Job wartet. Der Typ meint, dass er gleich zurückkomme, aber dann vergisst er sie. Hm. Waren das Stunden? Oder Tage, die sie da lag?“ Vadim lachte. Das Unwohlsein flackerte wieder. Ich lachte trotzdem mit. Klar, wenn ich den Film gesehen hätte, würde mir auch so eine Assoziation kommen, beruhigte ich mich selbst.

Vadim stand auf und ging zur Anlage. „Lust auf Slayer?“, fragte er und lachte wieder. Jetzt gruselte ich mich wirklich. Und zwar nicht nur wegen der unsäglichen Mucke, die den Raum mit einer schrecklichen Wucht penetrierte. Was, wenn er mich einfach nicht mehr losmachte? Wenn er total durchgeknallt war? Wer von meinen Freunden kannte ihn denn wirklich? Fieberhaft überlegte ich nach Strategien, dem mutmaßlichen Psycho zu entkommen, ohne mir etwas anmerken zu lassen. Ich wollte ihn nicht noch unnötig reizen. Womöglich täte er mir sonst noch was an.

Doch als Vadim mit einem Pulvertütchen neben meinem Kopf auftauchte und fand, wir beide sollten jetzt mal was ziehen, setzte bei mir die Ratio völlig aus. Alles in mir schlug Alarm, an Vorsicht war nicht mehr zu denken. „Spinnst du?“, schrie ich. In diesem Moment erkannte ich nicht mal meine Stimme wieder. „Du hast doch jetzt nicht vor, dich abzuschießen, während ich gefesselt bin! Mach mich sofort los!“ – „Bleib cool“, singsangte Vadim, „bleib cool. Du bist doch sonst nicht so schreckhaft. Alles nur Spaß.“ Aber tatsächlich: Er löste die Klettverschlüsse.

Meine Panikattacke schien seine Stimmung überhaupt nicht verändert zu haben, ganz im Gegenteil. Während ich noch völlig bedröppelt im Bett hockte und nicht wusste, ob ich wütend sein oder drüber lachen sollte, holte er Oliven, Käse und Wein aus der Küche. Die Nacht wurde tatsächlich noch ganz schön. Aber sein Angebot auf ein weiteres Date wollte ich nicht annehmen.

*Name geändert

 

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