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Illustration: Daniela Rudolf

Ich liebe meine Mutter. Manchmal schreiben mir Leser und beschweren sich darüber, dass ich meiner Mutter gegenüber undankbar wäre. Das ist Unsinn. Ich weiß durchaus zu schätzen, was sie alles für mich macht. Zum Beispiel mixt sie mir jeden Morgen einen Smoothie. Das ist sehr nett. Es ist aber echt sau schwer, darüber zwei Seiten zu schreiben. Und spätestens nach der dritten Folge würden manche Leser maulen: „Och nö, nicht schon wieder ein Artikel über Smoothies.“ Deswegen konzentriere ich mich in meinen Texten lieber auf die Momente, wo sie mich auf die Palme bringt. Wenn man sich sieben Tage in der Woche gegenseitig auf dem Schoß hockt, kommt das nämlich auch mal vor. Und meistens ist es unterhaltsamer.

Ich denke aber, meine Mutter weiß, wie diese Texte gemeint sind. Jedenfalls sitzt sie jeden Sonntag am Frühstückstisch und aktualisiert minütlich die Seite von Jetzt.de um zu gucken, ob die nächste Folge schon online ist. Und bei allem Respekt vor den Lesern: Das ist letzten Endes das einzige, was mich interessiert. Nachdem meine Freundin mich verlassen hat, gab mir meine Mutter Halt und ein Dach über dem Kopf. Das habe ich nicht vergessen. Deswegen habe ich dieses Jahr auch ein besonderes Muttertagsgeschenk für sie: Ich fliege mit ihr nach Estland. Nur wir beide. Ein Wochenende in Tallinn.

„Guten Tag, wir sind die Familie Br. und fliegen heute nach Tallinn“

Als wir dafür vorgestern vor unserer Haustür in ein Taxi stiegen, sagte meine Mutter zum Fahrer: „Guten Tag, wir sind die Familie Br. und möchten bitte zum Flughafen. Wir fliegen heute nämlich nach Tallinn.“ Sie kürzte unseren Familiennamen natürlich nicht ab, das mache nur ich, weil sie im Text lieber anonym bleiben möchte. Diesen Satz wiederholte sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Es war mir sehr peinlich – und es passierte noch ein paar Mal.

Bei der Gepäckkontrolle: „Guten Tag, wir sind die Familie Br. und fliegen heute nach Tallinn.“

An der Kasse des Duty-Free-Shops: „Guten Tag, wir sind die Familie Br. und fliegen heute nach Tallinn. Was kostet das Wasser?“ Dafür, dass sie kein Facebook hat, weil niemanden ihre Daten etwas angehen, haute sie die Information ganz schön häufig raus.

Unsere Maschine hatte gerade erst abgehoben, schon stand das halbe Flugzeug auf und lief zum Klo, wo sich eine Schlange bildete. Ich war schon lange nicht mehr auf einer Flugzeugtoilette, aber das Pinkeln über den Wolken muss bei sehr vielen Menschen auf der Bucket-Liste stehen. Gleich unter „Hundeschlittenfahren in Lappland“ und über „Eine Arschbombe in den Titicacasee machen“. Anders kann ich mir diesen Ansturm nicht erklären.

„Plätze direkt am Klo. Super. Fast wie in der ersten Klasse“, jubelte meine Mutter

„Plätze direkt am Klo. Super. Fast wie in der ersten Klasse“, jubelte meine Mutter, die es immer schafft, das Positive in einer Situation zu sehen.

„Ja, total super.“ Meine Mutter kramte in ihrer Handtasche. „Guck mal, was ich uns im Duty-Free-Shop gekauft hab, als du auf dem Klo warst.“ Sie fischt zwei grüne Nackenrollen heraus, von denen sie mir eine reicht und sich die andere um den Hals klemmt. Darauf ist die Film-Figur Shrek zu sehen, die ihre grünen Arme um ihre Kehle schlingt. Es sah ein bisschen so aus, als würde der Oger meine Mama in den Schwitzkasten nehmen. „Als Dankeschön für die Einladung.“

„Äh...“

„Leg sie mal an.“

Ich will meine Mutter nicht verletzen. Sie hat es gut gemeint. Also erfüllte ich ihr den Wunsch und bedankte mich artig.

„Gleich viel bequemer, oder?“

„Hm.“

Ich konnte die Blicke der anderen Passagiere in der Pipischlange spüren. Zum Glück dauerte der Flug nicht allzu lange.

Wir betraten eine Bar mit Neon-Leuchten – ein Puff, wie sich schnell herausstellte

Und ich gebe es gerne zu: Die letzten beiden Tage in Tallinn mit meiner Mutter waren wirklich schön. Sie hatte sich vorher mehrere Reiseführer gekauft und daraus ein abwechslungsreiches Programm für uns zusammengestellt, mit interessanten Sehenswürdigkeiten aber auch erholsamen Pausen in Restaurants, die leckeres Essen servierten. Bloß einen Zwischenfall gab es dann doch gestern Abend.

Nach dem Abendessen wollten wir noch in eine Bar gehen. Dazu muss man wissen, dass Tallinn Wert auf die Pflege seiner mittelalterlichen Historie legt und daher viele Gastronomiestätten entsprechend dekoriert sind – was nicht unbedingt unser Geschmack ist. Wir mussten eine Weile durch die Straßen laufen, bis wir schließlich eine Bar mit Neon-Leuchten über der Eingangstür sahen und eintraten. Sie war ein Puff, wie sich schnell herausstellte. Kaum hatten wir am Tresen auf zwei Barhockern Platz genommen, setzte sich auch schon eine sehr dicke Frau im weißen Negligé und mit einem monströsen Busen neben mich: „Hello. I am Tina from Jamaica. Where are you from, honey?“

Ich hab mich mit klopfendem Puls zu meiner Mutter umgedreht und gesagt. „Wir müssen hier weg. Sofort.“ Die dachte aber gar nicht daran. Denn in der Ecke an der Decke über der Bar hing ein Fernseher, wo eine alte Folge von Derrick in einer fremden Sprache lief.

„Derrick“ rief meine Mutter begeistert zu einem bulligen Kerl hinter dem Tresen, den ich für den Puff-Daddy hielt. Er wirkte allerdings mäßig interessiert an dieser Information.

Die eigene Mutter aus einem Puff schleifen: Check!

„Die Serie kommt aus Deutschland. Lief bei uns 20 Jahre.“ Sie machte eine abwinkende Handbewegung. „Ach was sage ich denn, 25 Jahre.“ 

„I am sorry madame, but I dont speak German“, antwortete der Zuhälter.

Dafür spricht meine Mutter so gut wie kein Englisch. „DIE SERIE KOMMT AUS DEUTSCHLAND“, wiederholt sie daher den gleichen Satz, bloß lauter. Als könnte sie mit Dezibel die Sprachbarriere durchbrechen.

Weil ich Angst hatte, der Zuhälter könnte denken, meine Mutter brülle ihn an, und deshalb wütend werden – und weil Tina from Jamaica anfing, meinen Oberschenkel zu streicheln – griff ich meine Mutter daraufhin am Oberarm und zerrte sie nach draußen. Die eigene Mutter aus einem Puff schleifen: Check!

So, ich muss Schluss machen. In ein paar Stunden geht unser Flieger zurück nach Deutschland und vorher möchte ich meine Mutter zur Feier des Muttertages noch zum Frühstück einladen. Den Smoothie mixt heute mal jemand anderes. 

Unser Autor möchte lieber anonym bleiben. Seine Mutter ist zwar mit dieser Kolumne einverstanden, möchte aber nicht mit ihren Freundinnen darüber reden müssen.

Du bist jünger als 60 und bereit, unseren Autor aufzunehmen, damit er nicht mehr bei seiner Mama wohnen muss? Dann schreib ihm am besten direkt an: Mutter.Soehnchen83@gmx.de

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