Sammelgeschenke sind böse

Weil sie der Sieg der Faulheit über die Freundschaft sind.
Von Friedemann Karig
Illustration: Daniela Rudolf

Mein Handy vibriert, Nachricht bei Whatsapp, neue Gruppe. Betreff: „Julis Geburtstagsgeschenk.“ Angewidert strecke ich das Handy von mir wie einen Apfel voller Würmer. Oh nein, denke ich. Nicht die nächste Freundin, deren Geschenk im Rudel gejagt und erlegt wird, weil sich die einzelnen Tiere alleine nicht trauen. Stattdessen werden sie angestiftet von einem Freund oder einer Freundin, vom Alpha-Tier des Freundeskreises, der oder die sich um die Organisation kümmert, sprich: härter das Geld eintreibt als Russisch Inkasso, unerbittlicher die Gratulationskarte unterschreiben lässt als Geheimpolizisten die Geständnisse, alle Abweichler und Vergesser skrupellos emotional erpresst, bis sie einknicken und doch einen Zwanni beisteuern zu was auch immer die Juli sich dieses Jahr angeblich wünscht.  

Ist die Finanzierung halbwegs sichergestellt, wird losgezogen und ein teurer Kopfhörer, Rucksack, Winterjacke, whatever gekauft. Irgendein austauschbares Konsumgut im Preisbereich 150 bis 500 Euro, je nachdem wie viele Freunde mitmachen – und solche, die sich für Freunde halten oder nur vom Organisationskomitee entschlossen genug am schlechten Gewissen gepackt wurden.

Bei der Geburtstagsparty, wenn es denn eine gibt, wird das Geschenk mit großen Hallo und Karte übergeben. Gibt es keine Party, wird die Übergabe fotografiert und wieder auf Whatsapp in der Gruppe geteilt. So oder so tut das Geburtstagskind überrascht, Bussi Bussi, alle sind erleichtert. Bis in zwei Wochen, wenn der Torben Geburtstag hat. Prost.

Und ich stehe am Rand und frage mich wie jedes Mal, was mich daran so stört. Denn das fragt ihr euch gerade auch, oder? Ist doch eine super Sache, sowas Nützliches zusammen zu schenken, was einzeln niemals zustande käme? Ist doch toll, wenn die Freunde zusammenlegen? Was soll daran verkehrt sein?

Das Sammelgeschenk entmenschlicht

Ich schenke euch meine Antwort: Das Sammelgeschenk ist zuerst einmal der Sieg der Faulheit über die Freundschaft. Denn wer nicht einmal für seine engeren Freunde in der Lage ist, ein individuelles Geschenk, und sei es nur jedes Jahr ein Buch, das gefallen könnte, zu finden, ist entweder kein Freund. Oder eben sehr faul. Und mal ehrlich, die allermeisten schreiben auf Whatsapp nur deshalb „voll dabei, super Idee, danke fürs Organisieren“, weil sie sich mit diesem Ablasshandel freikaufen von der Verpflichtung, selbst etwas zu finden.

Schlimmer noch: Das Sammelgeschenk entmenschlicht. Schenken verkommt hier zu einer Mikro-Mutation von Kommunismus: Jeder gibt zu anderen Geburtstagen, was er hat, und kriegt an seinem eigenen Geburtstag, was er braucht. Gewinn und Verlust bleiben ungefähr gleich. Man reicht Güter quasi-planwirtschaftlich im Kreis weiter. Einigt sich auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner an Geschenk, das garantiert nicht wehtut und garantiert nicht überrascht.

Das Individuum, die wundervolle Einzigartigkeit des Beschenkten spielt eine Nebenrolle, wird auf seine dringendsten Bedürfnisse reduziert. Hauptsache, alle können den To-Do-Punkt „Julis Geschenk“ von ihrer Liste streichen. Die Juli oder der Torben bekommen irgendein kostspieliges Stück Kapitalismus, das sie sich sonst vielleicht nicht oder erst später kaufen würden. 

Der Beschenkte ist jedoch selbst schuld. Denn allermeistens hat das Organisationskomitee den Wunsch doch direkt vom Geburtstagskind erfahren, und ja verdammt, manche von euch haben doch sicher schon einmal taktisch geschickt, drei Wochen vor dem eigenen Wiegenfest dem halben Freundeskreis erzählt, dass das iPad jetzt endgültig putt ist und ein neues voll teuer. Tut doch nicht so. 

Wenn ich schenke, schenke ich gezielt

Nein, ich schenke nicht immer super individuell, manchmal auch gar nicht. Ich bin weder bastelbegabt noch sonderlich organisiert. Ich vergesse Geburtstage. Ich bin ein schlechter Schenker. Aber wenn ich schenke, schenke ich gezielt, als Ich. Nicht als gesichtsloses Kollektiv in einer Diktatur der verordneten Zuneigung und Wertschätzung. 

Es gibt natürlich Sammelgeschenke, die sind so gut, treffend, lustig oder eigen, dass sie ihre Berechtigung haben. Aber mal ehrlich, wie häufig ist denn die von einem kreativen Trio aufwändig selbst gestaltete Tischdecke, die liebevoll restaurierte Vespa für den Vespa-Fan, die Reise ans Grab des kürzlich verstorbenen Pop-Idols inklusive seines Lebenswerkes auf Vinyl? Meistens bleibt es doch bei etwas, das jeder jederzeit auf Amazon bestellen kann, wenn die Kreditkarte nur genug Deckung hat. Für mich fühlt sich das an, als wäre die Freundschaft und ihre einmal im Jahr stattfindende Wertschätzung aka Geburtstag durch das Sammelgeschenk genau auf diesen Deckungsbetrag reduziert. 

Neulich hatte ich Geburtstag. Ich bat vorher darum, mir nichts zu schenken. Ich bekam von den meisten nichts, von manchen doch etwas. Es war nützlicher, leckerer, sinnloser, toller Kram dabei. Käse, Hemdentasche, Zigarettenetui. Es war, wie meine Freunde sind: nicht immer da. Aber wenn, dann wunderbar und überraschend und echt. Es war für mich. Ich liebe jedes dieser Geschenke.

Mehr Geschenk-Ideen: 

  • teilen
  • schließen