„Am Ende war ich nur noch ein Nichts“

Den Begriff „toxische Beziehungen“ hört man überall. Aber was steckt dahinter?
Von Tami Holderried

Illustration: Jessy Asmus

Kontrolle. Das ist das erste, was Ninas* Freund will, wenn er nach Hause kommt. Breitbeinig steht er dann Frühabends in der Tür und mustert die Wohnung. Sind auch keine Gäste da? Sind die Kinder ruhig? Ist die Wohnung aufgeräumt? Steht das Essen auf dem Tisch? Schon bei der kleinsten Störung rastet er aus. Dann schreit er Nina an, sagt, sie sei eine schlechte Mutter, bedroht sie. 

Nina war damals um die 30 Jahre alt, hatte vier Kinder und erlebte solche Ausraster fast täglich. Nichts konnte sie richtig machen — egal was sie tat, ihr Freund hatte immer etwas auszusetzen. Wenn Nina sich mit Freunden treffen wollte, musste sie das heimlich tun. Besuch war nicht erlaubt, irgendwann durfte nicht mal mehr ihre Mutter zu ihr nach Hause kommen. Ihr Freund bestimmte was sie anziehen durfte (keine zu tiefen Ausschnitte) und verbot ihr, sich zu schminken. Er kontrollierte ihr Handy und ihre Rechnungen.

Er selbst war manchmal tagelang weg, meldete sich nicht. Nina war dann alleine mit den Kindern und machte sich Sorgen, weinte viel. Wenn er wieder auftauchte war sie einfach froh, dass es ihm gut geht. Sie traute sich nicht, Fragen zu stellen. Er machte was er wollte — sie durfte nichts selbst entscheiden.

Jedes Mal, wenn sie sich dann doch traute Probleme anzusprechen, gab es Streit, schlimmen Streit. Und dafür reichte Ninas Kraft irgendwann nicht mehr. Also akzeptierte sie seine Ausraster, seine Verbote, seine Launen. Heute sagt sie: „Am Ende war ich nur noch ein Nichts.“

Nach sechseinhalb Jahren Beziehung ging Nina schließlich mit ihren Kindern ins Frauenhaus. Und fand dort zum ersten Mal etwas Ruhe.

Wann ist eine Beziehung toxisch? Und wann nur mies?

Was Nina erlebt hat, nennt man heute eine toxische Beziehung. Wieviele Menschen von solchen „giftigen Partnerschaften“ betroffen sind, dazu gibt es keine genauen Zahlen. Das liegt auch daran, dass viele Betroffene sich für diese Beziehungen schämen und deshalb mit niemandem darüber sprechen. Aber: Wer über die Symptome dieser Beziehungen liest, dem fällt meist jemand aus dem eigenen Bekanntenkreis ein, der schon mal in so einer Beziehung war. Oder, er oder sie hat vielleicht sogar selbst Ähnliches erlebt. Vielleicht fehlte einfach ein passendes Wort dafür. In den letzten Jahren wird vor allem der englische Begriff „toxic relationships“ immer häufiger verwendet. Aber wann ist eine Beziehung wirklich toxisch, und wann einfach nur mies?

Hört man Ninas Geschichte, will man sie ziemlich bald fragen: Warum hast du nicht einfach Schluss gemacht? Gabriele Leipold ist Paartherapeutin in München und kennt viele Fälle von toxischen Beziehungen. Sie weiß, warum es den Opfern so extrem schwer fällt, sich zu trennen: „Der Partner wird in diesen Beziehungen idealisiert. Man fühlt sich dem Partner unterlegen und nimmt auch Verhaltensweisen hin, die eigentlich inakzeptabel wären.“ Durch ständige Beleidigungen sinkt das Selbstwertgefühl des schwächeren Partners immer weiter, die Angst vor einer Trennung wird so immer größer. Nina sagt: „Ich habe ihn einfach wahnsinnig geliebt.“ Und genau das ist laut Leipold typisch für toxische Beziehungen: „Intensives Leid wird von den Betroffenen mit großer Liebe verwechselt. Und die Verliebtheit verklärt in solchen Beziehungen den Streit.“ Leipold sagt, gerade wegen des häufigen und schlimmen Streits nehme man die wenigen positiven Momente umso intensiver war. Ein extremes Auf und Ab also, durch das die Betroffenen die Partnerschaft falsch bewerten.

Toxische Beziehungen sind eben nicht einfach nur schlechte Beziehungen. Dass man trotz großen Leids nicht vom Partner loskommt, genau das zeichnet eine toxische Beziehung aus.

Emotionale, soziale und finanzielle Abhängigkeit

Laut Leipold spielen auch Abhängigkeiten in toxischen Beziehungen eine große Rolle — emotional, aber oft auch sozial und finanziell. Der schwächere Partner wird, so wie Nina damals, sozial isoliert, darf sich nicht mehr mit Freunden und Familie treffen. Über das gemeinsame Konto werden die Ausgaben des Partners kontrolliert und auch in der gemeinsamen Wohnung ist auf einmal sehr klar, wer die Macht hat.

Als Ninas Freund bei ihr einzog, schmiss er alles weg, was ihr gehörte. Sogar den Toilettendeckel tauschte er aus. Allein seine Sachen durften in der Wohnung bleiben. Und Nina protestierte nicht, aus Angst vor dem nächsten Ausraster. Gabriele Leipold sagt, auch das sei typisch für toxische Beziehungen: „Der schwächere Partner gerät immer mehr in eine Vermeidungshaltung — er bemüht sich, Konflikte zu umgehen, aus Angst vor einer Eskalation oder dem Verlassenwerden.“

Das belastet den schwächeren Partner nicht nur psychisch — viele werden sogar körperlich krank. Studien aus den USA haben gezeigt, dass Menschen, die längerfristig in toxischen Beziehungen steckten, ein höheres Risiko hatten, Herzprobleme zu entwickeln. Grund dafür ist laut den Wissenschaftlern der ständige hohe Stresspegel. Auch Gabriele Leipold sagt: „Eine Partnerschaft kann einen Menschen so sehr schwächen, dass alles andere nicht mehr funktioniert.“

In sechs Jahren Beziehung versuchte Nina immer wieder, sich zu trennen. Mal hielt es eine Woche an, mal einen Monat, mal nur ein paar Tage. Das lag auch daran, dass ihr Freund in den Trennungsphasen immer wieder den Schalter umlegte: Er war dann liebevoll, zuvorkommend, sprach davon, wie sehr er sie liebt und zurückwill. Und obwohl er ihr schon Stunden später Dutzende SMS mit Beleidigungen und Drohungen schickte, wollte Nina ihm glauben. Und nahm ihn wieder zurück.

Der dominante Partner leidet oft an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Toxische Beziehungen sind laut Leipold meist On-Off-Beziehungen. Von außen sieht es deshalb so aus, als könnten die Partner nicht ohne einander leben — aber wenn sie zusammen sind, tun sie sich gegenseitig nicht gut. Die guten Phasen in der Beziehung würden irgendwann immer kürzer und reichten nicht mehr aus, um sich von den vielen Streits zu erholen. „Viele Betroffene denken, dass sie ihren Partner heilen können. Aber das funktioniert nicht“, sagt die Therapeutin.

Denn die dominanten Partner in toxischen Beziehungen leiden meist unter einer narzisstischen oder paranoiden Persönlichkeitsstörung, wie die Expertin erklärt. „Diese Menschen sind manipulativ, überheblich und wenig selbstkritisch. Sie benutzen den Partner für ihre Zwecke.“ Deshalb seien Beziehungen mit Menschen, die unter einer narzisstischen oder paranoiden Persönlichkeitsstörung leiden, immer extrem schwierig. Leipold sagt: „Diese Menschen verdrehen vieles — der Partner hat das Gefühl verrückt zu werden. Er oder sie weiß nicht mehr, was wahr ist und was nicht.“

Weil Männer deutlich häufiger von narzisstischen und paranoiden Persönlichkeitsstörungen betroffen sind, sind in heterosexuellen Beziehungen meist Frauen die „Opfer“, wie Leipold erklärt. Aber auch Männer können unter toxischen Partnerinnen leiden. So wie Sebastian*, heute 31 Jahre alt. Vor zwei Jahren trennte er sich endgültig von seiner damaligen Freundin. Nachdem er zuvor schon zweimal Schluss gemacht hatte. Aber seine Ex-Freundin hatte ihn ihn immer wieder überzeugt, es nochmal zu versuchen.

Der erste Schritt zur Besserung: Tagebuch schreiben

„Die Beziehung war ein Minenfeld. Es gab ständig riesige Streits, die oft tagelang dauerten“, erinnert sich Sebastian. Schon Kleinigkeiten machten seine Freundin wütend — wenn er eine Kaffeetasse stehen ließ oder sich mit seinen Freunden treffen wollte. Dinge, über die man in einer normalen Beziehung einfach sprechen kann. „Bei uns war das gleich so: Wenn du die Tasse nicht wegräumst, liebst du mich nicht!“, sagt Sebastian, „Ich hatte das Gefühl, so will sie mich gefügig machen und unter Druck setzen.“

Manchmal zweifelt Sebastian damals an sich selbst: „Irgendwann dachte ich, vielleicht liegt’s ja wirklich an mir. Vielleicht bin ich hier der Verrückte.“ Erst, als er mit einem Freund das erste Mal offen über die Probleme sprach, wurde ihm klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Den endgültigen Absprung schaffte er zu dem Zeitpunkt trotzdem noch nicht: „Weil es manchmal so krass scheiße war und dann aber wieder krass schön, gerät man in eine Abhängigkeit — man will immer wieder zurück zu dem Schönen. Und ich habe sie eben geliebt.“ Aber als die Hochs immer seltener wurden und die Tiefs immer häufiger, konnte Sebastian irgendwann nicht mehr. Er merkte, dass die Beziehung ihm nicht gut tat. Und trennte sich zum dritten und letzten Mal.

Dass viele Menschen Probleme haben, sich von einem toxischen Partner zu trennen, ist laut Therapeutin Leipold typisch: „Um aus einer toxischen Beziehung herauszukommen, braucht man Hilfe. Zum Beispiel von Freunden, der Familie oder vielleicht auch von Therapeuten. Die Gefahr eines Rückfalls ist bei den Betroffenen sehr hoch.“ Merkt man selbst, dass in der eigenen Beziehung etwas schief läuft, empfiehlt die Expertin als ersten Schritt: Tagebuch schreiben. Das helfe, sich vor Augen zu führen, wie die Beziehung wirklich läuft. „Ansonsten tendiert man dazu, in den kurzen schönen Phasen alles Negative zu verdrängen“, so Leipold.

Freunde sollten zuhören und für den Betroffenen da sein

Was kann man tun, wenn man sieht, dass ein Freund oder eine Freundin in einer toxischen Beziehung steckt? Alle drei, Sebastian und Nina und auch die Expertin raten vor allem: Zuhören und für den anderen da sein. Gabriele Leipold sagt: „Man kann immer nachfragen: Wie fühlst du dich? Und erst dann konkrete Hilfe anbieten, um den anderen nicht zu verschrecken.“ Der Schritt, sich und anderen einzugestehen, dass etwas falsch läuft, sei nämlich häufig schon schwierig genug für die Betroffenen. Aber niemand sollte sich damit abfinden, so unter einer Beziehung zu leiden. Leipold sagt: „ Man muss sich klarmachen: Beziehungen müssen nicht so sein. Es gibt gute Beziehungen.“

Hilfe können sich Betroffene bei verschiedenen Stellen holen:

https://weisser-ring.de/

http://www.die-arche.de/

http://hilfe-in-der-krise.de/

www.tusch.info

* Nina lebt heute weit weg von ihrem Ex-Freund und hat den Kontakt abgebrochen. Weil sie Angst hat, dass er sie finden könnte, hat sie uns gebeten anonym zu bleiben. Sebastian will seine Ex-Freundin nicht bloßstellen, deshalb haben wir auch seinen Namen und sein Alter geändert.

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