Lieben bis zum Endgegner

Verlieben scheint heute wie ein schwieriges Computerspiel. Warum stellen wir uns so an?
Von Friedemann Karig

"Wie das typisch ist für meine Generation, habe ich zu viel Auswahl und zu wenig Zeit für die Liebe. Ich investiere lieber in meine Karriere, mein Aussehen oder in Facebook.“ Ja, diese Sätze spricht jemand aus. Ernsthaft. Sogar in Bewegtbild. Die Schweizer Journalistin Yvonne Eisenring, 28, sagt sie in dem Trailer zu ihrem Buch „Ein Jahr für die Liebe.“ Dafür hat sie sich ein ganzes Jahr Zeit genommen. Für 50 Dates in zwölf Ländern. Man muss sich diese Sätze noch mal auf der ungeküssten Zunge zergehen lassen: Karriere. Aussehen. Facebook. Wichtigere Investitionsobjekte als die Liebe.

Puh. Kurz Luft holen.

Foto: inkje / photocase.de

Ein Ego Shooter mit schwierigen Levels

Die gute Nachricht: Yvonne Eisenring hat das Problem zeitgenössischer Liebe erkannt und angegangen. „Wenn man keine Zeit hat, jemanden kennenzulernen - wie soll man sich da verlieben?“, fragt sie. Man plane Zeit ein für alles mögliche. Aber nicht zum Verlieben. Um es selbst besser zu machen, für „das ganz große Gefühl“, machte sie die Liebe zu einem Projekt, in das man eine Ressource steckt, in der Hoffnung, etwas zurückzubekommen. Wie in eine besonders schwierige Aufgabe „investierte“ sie Zeit und Geld und Opportunitätskosten in: „die Liebe“.

Das verstehen wir, denn unser Vokabular ist längst ebenso ökonomisch: Man muss sich Mühe geben, dem anderen Aufmerksamkeit schenken, an der Beziehung arbeiten. Wir sprechen oft von der Liebe wie von einem Aktiendepot, das man behutsam und strategisch aufbauen muss, damit es was abwirft. Oder, romantischer, wie von einem Kinofilm mit Hindernissen und Mühsal und Happy End, oder nein, noch anstrengender: wie von einem Computerspiel. Die Liebe scheint uns wie eine schier unlösbare Aneinanderreihung von sauschweren Levels. Die Rechnung: Zeit mal Mühe mal Können mal Glück gleich… Happy End!

Aber, Darling, mal ehrlich: Stimmt das überhaupt? Oder reden wir uns diesen Ego Shooter nur ein? Und wer ist der Endgegner?

Zuerst wirkt auf die Liebe die simple Logik des Marktes: Wenn sich ein Buch, das im Titel behauptet, wir wären alle beziehungsunfähig (Michael Nast: „Generation Beziehungsunfähig“), zig Mal verkauft, der Autor auf ausverkaufte Tour geht wie eine Mischung aus Dr. Sommer und Justin Bieber, hat das Folgen. Vor allem für den Buchmarkt. Und Probleme verkaufen sich sowieso immer besser als Lösungen. Bücher über die Liebe müssen also gerade vor allem eines: Ein Problem draus machen. Yvonne Eisenring hatte erst keine Zeit, dann für nichts anderes mehr. Ihr Buch ist in der Schweiz schon ein Bestseller. Jetzt ist sie auf Lesetour in Deutschland. 

Warum Liebe weh tut?

„Dass wir uns nicht mehr verlieben können und beziehungsunfähig sind“, findet sie, „das ist doch Quatsch. Wir tun nur nicht genug dafür.“ Statt im Sabbatical einen Yoga Kurs zu machen oder sonst etwas Selbstverwirklichendes, nutzte sie ihr Jahr Auszeit für Erstkontakte mit mehr oder weniger tauglichen Männern. Funktioniert hat das, nun, das Ende des Buches soll hier nicht verraten werden. Jedenfalls überkommt Eisenring die BWLisierung von Liebe nur scheinbar. Für sie ist die Mangelressource nicht Geld, sondern eben Zeit, was nichts anderes als die harte Währung der Aufmerksamkeitsökonomie ist. Die Mechanismen von Knappheit und Verzinsung bleiben die gleichen. 

Diese Ökonomisierung der Emotionen hat die israelische Soziologin Eva Illouz schon vor zwölf Jahren beschrieben. Wie „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“ funktionieren, das ist ihr großes Thema und ihr erster Bestseller. Kurzfassung: Wir denken und handeln im Kapitalismus ökonomisch, also unterwerfen wir unsere Emotionen einer Marktlogik, und fühlen schließlich auch so. Also: wir fühlen uns nicht besonders glücklich. Eva Illouz ist übrigens, zumindest was die Titel angeht, nicht optimistischer als Nast oder Eisenring. Ihr zweiter Bestseller heißt: „Warum Liebe weh tut“.

Yvonne Eisenring

Foto: yvonneeisenring.com

Es gibt überraschenderweise aber Bücher, in denen drinsteht, wie Liebe wirklich funktioniert. Ganz nüchtern wissenschaftlich, biologisch gesehen. Zum Beispiel in Bas Kasts „Die Liebe: Und wie sich Leidenschaft erklärt". Verrückt, was man heute alles über die Liebe weiß – wenn man denn will. Zum Beispiel, dass wir uns, wenn wir aufgeregt sind, leichter verlieben – context is king. Dass Aussehen und Gemeinsamkeiten zählen, viel mehr als Augenfarbe und Musikgeschmack und Altersvorsorge, als alle vermeintlichen Wünsche und Ansprüche, die wir uns aus Eitelkeit und sozialer Erwünschtheit anziehen wie hippe, aber unvorteilhafte Klamotten.

 

„Die Leute sollen erstmal in Ruhe rausfinden, was sie wirklich wollen“, fordert auch Yvonne Eisenring, "nicht was Frauen- oder Männermagazine ihnen an Wünschen vorschreiben“. Ganz zu schweigen von den Pheromonen, die uns nach Immunsystem zueinander sortieren. Dem Zufall. Dem Timing, wann jemandes Herz frei ist und wann nicht. Und dass sich Liebe nach ein paar Jahren verändert. Und zwar biochemisch gesehen vom Drogenrausch zur warmen Badewanne, es also langfristig außer der Investition von Zeit und sonstigen Ressourcen vor allem die Bereitschaft braucht, am Samstagabend nicht zu eskalieren, sondern zusammen um halb elf ins Bett zu gehen. 

 

Die übermenschliche Aufgabe, mich zu öffnen

 

Wer es etwas weniger wissenschaftlich haben will, liest Jonathan Franzens „Die Korrekturen“, ein Roman, dessen Botschaft viele Leser zusammenfassen mit: „Beziehungen sind alle scheiße“. Ich würde hinzufügen: Wenn wir die gleichen Fehler machen wie unsere Eltern. Und das muss nicht sein. Wir sind ja quasi auf der Welt, um es eines Tages besser zu haben, sprich: es besser zu machen. So sieht Psychologin Stephanie Stahl die Reproduktion elterlicher Muster als Ursache der meisten Beziehungs-„Ängstlichkeiten“. In ihrem Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ rät sie uns, das Verhältnis zu Mutter und Vater zu reflektieren und seine Auswirkungen auf unser Beziehungs-Ich heute zu minimieren. „Beziehungsunfähig?“ Auf keinen Fall, findet auch Stahl. Im Gegenteil, unsere Generation sei beziehungsfreudiger und bindungsorientierter denn je. 

 

Das alles, von Illouz über Nast und Kast bis hin zu Stahl, steht in Büchern. Die kann man lesen und sich dann raussuchen, was einem beim Verlieben hilft. Sie liefern Fakten. Keine Entschuldigungen. Im Gegensatz zu der Einflüsterung, wir wären alle kaputt. Oder dass man eben keine Zeit habe für die Liebe, dieses aufmerksamkeitssüchtige Etwas. Nur, die kühlen Analysen werfen uns zurück auf das, was Liebe schon immer war und sein wird: mich. Auf die kleine, übermenschliche Aufgabe, mich selbst okay zu finden. Und mich dann zu öffnen. Mich verletzlich zu machen, mich anzubieten, mich hinzugeben, in der wahnsinnigen Hoffnung, jemand anderes täte das auch. Anders als die Problemprosa unserer Zeit, die mich bequem entschuldigt, bieten diese Erklärungen keine Ausreden. Und werden deshalb weniger gelesen.

 

Denn das Verkaufsargument, die USP (Unique Selling Proposition, würde der BWler sagen) vieler Liebes-Bücher ist nicht die Erleichterung der Schwierigkeiten, sondern die Ablenkung von Verantwortung. „Man hat eben keine Zeit“, also: man ist zeitlich zu arm für die Liebe, und für Armut kann man nichts. Zudem haben alle anderen die gleiche Knappheit. Wer muss also Schuld sein? Das System. Das Heute. Das Signalwort aller Entschuldigung: „heutzutage“.

 

Liebe = die Geschichten, die wir uns erzählen

 

Yvonne Eisenring lebte das Extrem: ein Jahr nur Verlieben. "Wer kann sich das heutzutage schon leisten?", fragen die ersten Leute, denen ich davon erzähle. Die Vereinbarkeit von Liebe und Leben scheint 2016 keineswegs sichergestellt. „Wenn es mehr als ein Jahr dauert, ohne Garantie, wie sollen wir uns dann bitteschön verlieben?" Und leise, aber durchdringend höre ich das Schleifen der Verantwortung auf dem Boden der Tatsachen, wie sie gerade wieder einmal von jedem einzelnen von sich weggeschoben wird.Dass es an sich legitim ist, die Knappheit der Ressource Zeit zu beklagen, dass in der Entschuldigung „keine Zeit für die Liebe“ ein Viertelkörnchen Wahrheit steckt, weil man für viele Sachen wirklich keine Zeit hat, macht diese Verteidigung nicht besser.

 

Und damit nicht genug: Das Schieben der Verantwortung auf die Gesellschaft Slash Kapitalismus Slash Individualisierung trifft auf eine jammernde Überhöhung der eigenen Kompliziertheit. Die wiederum auf einer ironischen Hysterisierung der eigenen Verrücktheit basiert. Man kokettiert mit der psychischen Krise der Liebesunfähigkeit und Ungeliebtheit, nicht obwohl, sondern eben weil man weiß, dass man so liebesunfähig und ungeliebt gar nicht ist. Man nimmt sich und seine Befindlichkeiten und schließlich auch den neo-liberal selbst eingebrockten Zeitmangel wahnsinnig wichtig, um zu behaupten, dass man irgendetwas zu entscheiden hätte. Dass Liebe sich managen lässt. Dass man die Kontrolle hat, wie immer. Und nicht fremdkontrolliert wird, vor allem von den Umständen und Hormonen und anderen Menschen, die mich wollen oder nicht, vor allem aber vom Zufall, diesem miesen Stück!

 

Was an den ganzen schiefen Vorstellungen so problematisch ist? Liebe besteht, das zeigt die Soziologin Eva Illouz in „Warum Liebe weh tut“, vor allem auch aus den Geschichten, die wir uns von ihr erzählen. Die Filme, Bücher, Märchen, die wir uns gegenseitig als Ideale vor die Nase halten und deren Mechanismen wir glauben wollen, und die wir im echten Leben nachspielen, wie Kinder die ewig gleichen Stories um Räuber und Gendarm und Krankenhaus und so. Wir alle tun in der Liebe so, als ob wir liebten, kindisch und gutgläubig, so wie wir als Kinder spielen, dass Polizisten und Ärzte sich wirklich mit Papas alter Krankenkassenkarte als Hauptkommissar ausweisen oder mit Zahnpasta offene Brüche heilen. Und dieses Spiel macht etwas mit uns. Wer an ein Spiel glaubt, glaubt an seine Regeln, und Regeln, an die man glaubt, werden zu Naturgesetzen. 

 

Insofern machen Bücher, welche die Liebe behandeln wie ein Computerspiel, ein Ego Shooter voller Monster und Fallen, oder mindestens wie eine Fremdsprache, die man lernen kann, die aber wahnsinnig schwierig ist, sagen wir, wie Chinesisch! Also wie eine Sprache, mit der man zwar sehr viel anfangen kann, weil Liebe wichtig ist und Milliarden Menschen chinesisch sprechen, aber widerspenstig, mysteriös, geradezu aggressiv schwer ist das alles eben auch – all das beleidigte Kopfkratzen macht die Liebe eher kaputter, als sie angeblich schon ist. Weil zwei, die schmollen, sich schlecht küssen können. 

 

Den Lesern dieser Problemliteratur möchte man sagen: Schuhe an. Rausgehen. Leute kennen lernen. Mit Zeit oder ohne. Verliebte Menschen, diese Wesen vom anderen Stern, behaupten nämlich dreist: Ein Herzschlag reicht manchmal schon.

 

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