Liebespaare: Christina, Chaun und die Chippendales

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Christina, 22, studiert Marketing. Las Vegas/ Mainz. Zusammen mit Chaun seit einem Jahr. Nein, wir waren weder verzweifelt, noch einsam, noch rallig. Wir waren einfach nur vier Singlemädchen, die zusammen einen drauf machen wollten, trinken, tanzen, ein bisschen grölen. Wenn man dabei ein paar gutgebaute Männer zu Gesicht bekommt – umso besser. Die Chippendales sind aber keine Boyband, man geht nicht zu den Stripshows, weil man in die Tänzer verliebt ist, hängt sie nicht als Poster an die Wand. Für mich und meine Mädels war die Chippendales-Show in Mannheim nur ein Vorwand um wegzufahren und eine Nacht zusammen zu verbringen. Fast wie Pyjamapartys früher.

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Illustration: Julia Schubert

Zufällig hatten wir ein Zimmer neben dem Hotel der Tänzer gebucht. Nach der Show sind wir auf einen Absacker hin – aus Neugier, und weil ihr Hotel die bessere Bar hatte. Ein paar Chippendales lungerten in der Lounge rum. Die Jungs guckten uns an, wir hielten ihre Blicke, dann kam einer rüber und fragte ob wir nicht mit ihnen in die Disco wollen. Wir wollten, natürlich. Im Club kam Chaun auf mich zu, mein Lieblings-Chippendale. Eigentlich bin ich nicht von der schüchternen Sorte, in dem Moment hat es mir aber die Sprache verschlagen. Chaun war aber furchtbar nett und respektvoll, wir haben sechs Stunden am Stück gequatscht und getanzt, bis die Freundinnen anfingen zu nörgeln. Die letzte Bahn fuhr in wenigen Minuten, ich musste schnell entscheiden, ob ich mitkomme, oder bei Chaun bleibe. Ich blieb, habe ihm aber klipp und klar gesagt, dass Sex nicht drin ist. Ich mag One-Night-Stands nicht und wollte mich schon gar nicht in seine Eroberungssammlung einreihen. Von einem Chippendale abgeschleppt zu werden, wie billig ist das denn?! Chaun hat ob meiner flammenden Tirade nur gelächelt. Ein paar Stunden später habe ich auch verstanden, warum. Es war kein siegessicheres Lächeln, er fand bloß meine Vorstellungen von seinem Frauenverschleiß lustig. Selbst wenn wir gewollt hätten, hätten wir nicht viel anstellen können. Die Jungs teilen sich das Hotelzimmer und als wir das Licht anknipsten, wachte sein Nachbar auf, guckte mich schlaftrunken an und sagte: „Hallo, schön dich zu sehen, ich bin verheiratet.“ Dann schlief er sofort wieder ein. Es war ihm irgendwie ganz wichtig, dass ich das weiß. Ein paar Wochen später kam die Chippendales-Tour nach Wiesbaden, gar nicht so weit von mir entfernt. Ich habe Chaun vorgeschlagen, zusammen auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Und mich ziemlich dumm gefühlt dabei –wie jemand, der seinem One-Night-Stand hinterher telefoniert. Auch wenn ja nichts Onenightstandiges passiert ist. Auf dem Weihnachtsmarkt ist das Machoklischee immer weiter gebröckelt. Chaun erzählte, dass er strippe, weil er für ein Studium spare. Wenn er nicht tourte, arbeitete er tagsüber als Physiotherapeut in Las Vegas, wo die Show zu Hause ist. Außerdem war Chaun strikter Veganer. Es hat ewig gedauert ihn zu überreden, einen Glühwein mit mir zu trinken. Sonst hat er nur ein paar Nüsschen geknabbert. Wir haben danach viel gemailt und ich bin zu einer weiteren Show gefahren, in einem Örtchen, an dessen Namen ich mich nicht erinnern kann. Chaun hat bei keiner dieser Visiten versucht, mich ins Bett zu bekommen. Ich war fast schon beleidigt. Es war natürlich sehr flach, hinter jedem Chippendale einen Aufreißer zu vermuten. Als Marketing-Assistentin sollte ich wissen, dass sie das Image brauchen, um mit dem Produkt erfolgreich zu sein. Es ist wie überall auf der Welt – es gibt solche und solche. Manche Tänzer sind treue Ehemänner, manche leben ihr Testosteron richtig aus. Als ich Chaun ein paar Monate später in Las Vegas besuchte, habe ich keine Wäschekörbe voll Fanbriefe gefunden oder Fotos mit Verehrerinnen. Die Jungs sind sehr eitel, was ihre Körper und die Gesundheit angeht. Ansonsten war Chaun ein ganz normaler Kerl - und ein sehr lieber dazu. Seine Disziplin, sein Wille und sein unersättlicher Wissensdurst hauten mich um. Ich bin fünf Tage in Las Vegas geblieben und habe mich immer mehr in ihn verliebt. Zurück in Deutschland haben wir beschlossen, eine Beziehung zu wagen. Es hat aber fast ein Jahr gedauert, bis ich nach Las Vegas ziehen konnte. In den Monaten dazwischen haben wir Berge versetzt, um unsere geographischen Koordinaten zu synchronisieren. Vor zwei Monaten bin ich in Chauns Wohnung eingezogen. Wie es ist mit einem Chippedale zusammen zu sein? Nicht anders als, sagen wir mal, mit einen Barkeeper, oder sonst jemandem, der nachts arbeitet. Es ist ganz nett mit den Jungs backstage abzuhängen. Aber eigentlich hätte ich es lieber, wenn Chaun abends mit mir vor dem Fernseher lümmeln würde. Eifersüchtig bin ich nicht, war auch nie der Typ dazu. Anders würde es auch nicht funktionieren. Dass andere Frauen von seinem Torso träumen, wurmt mich nicht, erfüllt mich aber auch nicht mit Besitzerstolz. Ich weiß, dass es ein Job ist. Ein knochenharter Job, der aber auch etwas für mich abwirft: Chauns großartigen Körper zum Beispiel. Auf der nächsten Seite erzählt Chaun, wie seine Liebe zu Christina begann.


Chaun, 22, tanzt bei den Chippendales, studiert Ehrnährungswissenschaften und arbeitet als Physiotherapeut. Las Vegas. Irgendjemand hat mir mal die Geschichte von den Kugelmenschen erzählt - Wesen, die aus zwei sich liebenden Hälften bestanden, bis die Götter sie in der Mitte trennten. In der Geschichte sehnten sich die beiden ein Leben lang und suchten einander, bis sie wieder eins wurden. Ich mochte den Gedanken, dass irgendwo meine zweite Hälfte darauf wartete, gefunden zu werden. Ich fing nicht bei den Chippendales an, weil ich möglichst viele Frauen erreichen wollte, damit diese zweite Hälfte ganz sicher darunter ist. Ich hätte sie auch nicht unbedingt unter unseren Fans vermutet. Die Sache mit meinem Job war viel pragmatischer: Nach der High-School brauchte ich Geld für ein anständiges College, viel Geld. Es war schon immer mein größter Traum zu studieren. Einen Kredit aufnehmen, oder meine Eltern anpumpen, kam für mich aber nicht in Frage. Ich mag den Gedanken nicht, jemandem etwas schuldig zu sein und wollte so früh wie möglich auf eigenen Beinen stehen – ob nun bei McDonald’s hinter dem Tresen, oder auf der Bühne. Ich bin weder Partytier noch Rampensau, zwar nicht unbedingt schüchtern, aber eher der nachdenkliche, stille Typ. Ich hatte nie den Drang, mich auszuleben. Das wiederstrebt meinen Überzeugungen und auch meinem Glauben. Ich komme aus Texas, aus einer sehr religiösen Familie. Der Gedanke, dass zu einem Mann eine Frau gehört, wurde mir von Kind auf eingeimpft. Gegen meinen Job haben meine Eltern übrigens nichts gehabt. Gott hat mir einen athletischen Körper gegeben und einen heißen Hüftschwung. Ich habe das Beste daraus gemacht - was ist daran verkehrt? In meinem Reisekoffer ist immer eine Bibel und ich versuche, so oft wie möglich in die Kirche zu gehen. Ich quatsche mit den Fans, das ist ein Teil des Deals, und auch weil ich sehr gern neue Leute kennen lerne. Und ja, natürlich sonne ich mich darin, wenn Frauen mich toll finden. Das muss ja nicht unbedingt bedeuten, dass ich sie mit aufs Zimmer nehme. Vielleicht hat mich die Zeit bei den Chippendales in diesem Punkt sogar etwas gefestigt. Ich war jahrelang von Frauen umgeben. An manchen Abenden haben Tausende gekreischt, wenn sie mich tanzen sahen. Mit der Quantität war ich durch. Ich war bereit für die Eine. Als ich Christina in diesem Club in Mannheim sah, habe ich schon geahnt, dass sie es sein könnte: Sexy Bewegungen, schlanker Körper, und ein Vorhang dunkler, schwerer Haare. Ja, sie wohnte in Deutschland und reiste um die ganze Welt. Ja, wir hatten nur ein paar Abende gehabt, um uns füreinander zu entscheiden - einen in Mannheim, einen in Wiesbaden und einen in einem Städtchen, dessen Namen ich immer vergesse. Nachdem Christina mich – ganz mutig – in Las Vegas besucht hat, war ich mir ganz sicher: Sie lohnt sich, trotz allem. Ich flog ich zu ihr nach Australien, wo sie für ein halbes Jahr arbeitete, sie kam sogar in den Elternurlaub mit, um bei mir zu sein. Ich hatte ja kaum freie Tage wegen meines Jobs und meines Studiums. Wir haben viel zusammen durchgemacht. Aber bei der Liebe geht es auch nicht um Bequemlichkeit. Wer das denkt, hat etwas Entscheidendes nicht kapiert und wird dieses Gefühl nie erleben. Wenn die Liebe ein Kuchendiagramm wäre, hätte er für mich drei gleiche Teile: das erste Drittel ist körperliche Anziehung, das zweite, ob man sich geistig anspricht. Und das dritte ist etwas, was man weder sehen, noch rational erklären kann. Es ist etwas Spirituelles, etwas, was dich berührt, ohne dass du es in Worte fassen kannst. Christina ist alles drei: Sie ist schön und klug und vor allem inspiriert sie mich. Ich kann von ihr lernen, ich wachse mit ihr. Und das ist es doch, worum es in einer Beziehung gehen sollte.

Text: wlada-kolosowa - Illustration: Katharina König

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