Liebespaare: Isabella, Mike und ganz viel Nähe aus der Ferne

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Isabella, 23, studiert Amerikanistik, Sinologie und katholische Theologie auf Magister. Zusammen mit Mike seit fast drei Jahren. Eigentlich bin ich ein echtes Heimchen. Zumindest habe ich nie ernsthaft an Fernweh gelitten. In der elften Klasse sind all meine Klassenkameraden auf High Schools gegangen und kamen ein Jahr später leicht überdreht zurück, mit GAP-Klamotten und neuen Kilos auf den Hüften. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Nach dem Abi haben alle Weltreisen gebucht, oder sind in Rudeln als Entwicklungshelfer nach Argentinien aufgebrochen. Und ich habe mich wieder gefragt: Brauche ich das wirklich? Schaffe ich das?

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Illustration: Julia Schubert

Irgendwann hat mich aber doch die Neugier gepackt. Familienfreunde aus den USA haben für den Sommer einen Babysitter gebraucht und ich bot meine Dienste an. Danach hatte ich noch zwei Wochen, um die Westküste zu bereisen. Hört sich läppisch an, aber damals war es ein großes Ding: Für mich war es das erste Mal USA, das erste Mal Allein-Unterwegs-Sein, die erste Reise ohne meine Zwillingsschwester. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mit ihr fast alles geteilt: die Schule, die Leistungsfächer, das Auto, den Freundeskreis. Eigentlich mein ganzes Leben. Die letzte Station meiner Reise war Portland. Ich hatte ein Zimmer in der Jugendherberge gebucht, in der Hoffnung, dort jemanden kennen zu lernen, der sich auskennt. Als ich am nächsten Morgen mit meiner Zimmernachbarin in der Küche frühstückte, gesellte sich ein Junge aus Florida zu uns. Er hieß Mike, war kaum größer als ich und genauso alt. Er hatte aber eine so selbstbewusste Haltung und strahlte so viel Entspanntheit aus, dass er Jahre älter schien. Außerdem kannte er sich in Portland aus, weil er schon seit ein paar Tagen da war. Er war genau das, was ich gesucht hatte! Wir verabredeten uns auf einen Kaffee und blieben von diesem Morgen an aneinander kleben. Abends sind die anderen Backpacker in die Bars, wir konnten nicht mit, wir waren ja erst 20. Stattdessen sind wir von Café zu Café gezogen und haben geredet, geredet, geredet… Eigentlich hätte Mike am nächsten Tag den Zug nach Vancouver nehmen müssen. Am Abend hat er aber sein Ticket auf das Datum meines Abflugs umgebucht. Und unsere Mehrbett- in ein Doppelzimmer. Vier Tage später habe ich Mike zum Bahnhof gebracht. Ich durfte nicht mit aufs Gleis und musste im Bahnhof warten, bis sein Zug losfuhr. Da ist er zurück gerannt und hat mich umarmt und sich für die schöne Zeit bedankt. Zurück in Deutschland beschloss ich zwar, das Ganze wie ein Urlaubsabenteuer zu sehen. Trotzdem habe ich ihn fast jeden Tag angerufen. Und mich ganz schuldig gefühlt, wenn ich mich nach anderen Jungs umgeguckte - obwohl mit bewusst war, wie irrational es war. Schließlich hat Mike garantiert das Gleiche gemacht. Über die Monate verblasste aber die Erinnerung an Portland, ich zog zum Studieren nach München und war viel zu sehr mit dem neuen Leben beschäftigt. Als Mike im Dezember für ein Monat zu Besuch kam, habe ich mich eher darauf gefreut, einem Ami Europa zu zeigen, als dass ich mit einer Fortsetzung der Portland-Romanze rechnete. Das hat sich aber ganz schnell geändert, als Mike vor mir stand. Er war so herzensgut, so verlässlich und so interessant! Und ein großartiger Zuhörer. Einen besseren Freund konnte man sich nicht vorstellen. Silvester 2007 haben wir zusammen in Berlin verbracht und uns danach entschlossen, aneinander festzuhalten. Ich habe mir eine Flatrate gekauft mit der ich Mike jederzeit auf dem Handy anrufen kann. Die meisten denken, Fernbeziehungen finden ausschließlich über Skype statt, mich nervt es aber, im Internet zu telefonieren. Zuerst war Mikes Computer dauerkaputt, dann habe ich mich daran gewöhnt, nicht an meinen Laptop gebunden sein, sondern meinen Freund überall mitzunehmen: In die Badewanne, auf Reisen und nachts ins Bett – für den Fall, dass ich Sehnsucht bekomme. Das ist das Tolle an Mike: Er ist immer für einen da. Ganz am Anfang hat er mir versichert, ich könne ihn jederzeit anrufen. Und meinte das auch so. Auch wenn sein Handy wegen der sechs Stunden Zeitverschiebung zu unmenschlichsten Zeiten klingelte. Natürlich war es anstrengend, seinen Alltag an den Wachzeiten des anderen auszurichten. Oder dauernd mit Worten kompensieren zu müssen, was man an körperlicher Nähe oder einfach am gemeinsamen Alltag verpasst. Nach drei Jahren sind wir geübt darin, einander trotz der Distanz am gegenseitigen Leben teilhaben zu lassen. Ich glaube fast, dass wir uns durch dieses Jede-Nichtigkeit-Erzählen-Müssen, näher sind als manche Paare, die nebeneinander leben und sich nichts zu sagen haben. Trotzdem haben wir wie blöde gespart, um die Semesterferien miteinander verbringen zu können. Ich teilte mit meiner Schwester eine Schlafcouch in einer Miniwohnung und jobbte in jeder freien Minute bei Starbucks. Mike hatte am anderen Ende der Welt denselben Arbeitsgeber. Ich weiß trotzdem nicht, ob wir die Entfernung überlebt hätten, wenn wir kein gemeinsames Zukunftsziel gehabt hätten. In diesem Herbst hatte ich endlich so viel Geld zusammen, dass ich ein Semester in einem amerikanischen College bezahlen kann. Ich zog nach Washington DC, Mike suchte hier einen Job. Hätte mir früher jemand erzählt, dass ich zu so etwas fähig bin, ich hätte es vermutlich nicht geglaubt. Durch Mike bin ich ein Situationsmensch geworden. Und viel mutiger. Natürlich vermisse ich es, meine Zwillingsschwester an meiner Seite zu haben. Vor allen Dingen nachts. Mike breitet sich nämlich immer quer über das Bett aus.


Mike, 23, aus Florida. Hat gerade International Relations fertig studiert und jobbt in einem Büro. Vielleicht habe ich einfach ein Ding für Fernbeziehungen. Im Sommer, in dem ich Izzy kennen lernte, wohnte ich in Florida und meine damalige Freundin auf der anderen Seite des Kontinents, in Vancouver, Washington. Dazwischen lagen vier Stunden Flug. Ein Jahr lang tingelte ich artig hin und her und wäre sogar um ein Haar zu ihr gezogen. Im letzten Moment habe ich aber Schiss bekommen und Schluss gemacht. Je länger ich mich mit dem Gedanken beschäftigte, mein Leben an dieses Mädchen zu binden, desto mehr wurde mir klar, dass ich sie nicht einmal richtig mag. Wir kamen dann doch wieder zusammen, aber es wurde nie wieder richtig gut. Ein paar Monate später kündigte meine Exfreundin die Beziehung. Das hat mich so verwirrt, dass ich mir einbildete, die Liebe meines Lebens zu verlieren und sofort einen Flug buchte, um sie zurück zu erobern. Als ich sie aber anrief, um davon zu erzählen, haben wir uns so heftig gestritten, dass klar war: Es gibt nichts mehr zu retten. Die Fluggesellschaft weigerte sich aber, die Tickets zu erstatten und mir tat es leid, sie verfallen zu lassen. Also flog ich trotz allem nach Washington, halb aus Starrsinn, halb, um endlich einen Abstecher nach zu Portland zu machen - die Hauptstadt des Nachbarstaates Oregon, die ich schon immer mal sehen wollte. Komischerweise ging es mir großartig. Ich habe mich selten so selbstbewusst und so befreit gefühlt. Ich glaube, ich habe das auch ausgestrahlt. Im Flugzeug habe ich ein Mädchen angequatscht und gleich ein Date mit ihr ausgemacht. Alles klappte, wie ich es wollte. Ich war unverwundbar! Als ich Izzy beim Frühstück im Hotel sah, fühlte ich mich also wie ein Herzensbrecher. Ich kaute gerade ein Toastbrot mit Marmelade, mein Hauptnahrungsmittel zu der Zeit, weil ich mir wegen der Fliegerei nichts anderes mehr leisten konnte. Ich lächelte, sie lächelte zurück. Ich glaube, Frauen spüren es, wenn ein Kerl nicht auf der Suche ist – und fühlen sich dann eher zu ihm hingezogen. Vielleicht ist das Interesse der anderen ein Gütekriterium. Oder der Junge ist einfach lockerer und sieht nicht so bemüht aus. Mit Mädchen ist es ein bisschen wie mit Glück, oder Erfolg. Wer es schon hat, zieht automatisch noch mehr heran. Ich lud Izzy auf ein Kaffee ein und wir haben uns so gut verstanden, dass ich noch am selben Tag die Zugtickets nach Vancouver umgetauscht habe. Portland mit ihr schien viel spaßiger, als allein durch das Museum meiner vorigen Beziehung zu geistern und die Vergangenheit wiederzukäuen. Und an das Mädchen aus dem Flugzeug habe ich gar nicht mehr gedacht. Als ich Izzy erzählte, dass ich bleibe, hat sie mich vor Freude ganz stürmisch geküsst. Ich war ziemlich perplex, weil sie ja die Schüchterne von uns beiden war. Aber Izzy hat mich noch öfter überrascht. In entscheidenden Momenten war eigentlich immer sie die Mutigere von uns Zweien. Als Izzy mich ein halbes Jahr später vom Flughafen in München abholte, hat sie mir in der S-Bahn ganz verschämt ein essbares Herz in die Hand gedrückt. Es war so ein bayrischer Riesenkeks mit Buchstaben aus Zuckerguss. „Ich liebe dich“, stand da drauf. Das fand ich leicht seltsam, aber auch ganz schön mutig. Wir hatten zwar die vier Tage in Oregon durchgeknutscht, danach aber waren wir ganz vage verblieben. Ich war schon ziemlich verknallt, habe mir aber ihre Telefonnummer eher weniger deshalb aufgeschrieben, weil ich an ein Nachspiel glaubte. Vielmehr dachte ich: Super! Ein kostenloses Bett in Europa! Worauf ich hinaus will: Als ich am Flughafen in München stand, waren wir wieder da, wo wir angefangen hatten. Sie war ein hübsches unbekanntes Mädchen, ich war der Kerl mit dem großen Reiserucksack. Nur diesmal ohne Toastbrot. Wir waren wieder Fremde. Aber diese Fremde haben sich in den nächsten Tagen kennen und lieben gelernt und beschlossen, zusammen zu bleiben. Lange Geschichte kurz erzählt: Drei Jahre sind wir zwischen Deutschland und USA gependelt. Jetzt wohnen wir zwar nicht in einer Wohnung, aber zumindest endlich in der gleichen Stadt. Und diesmal bin ich mir ganz sicher – es ist nicht das Fern-Ding, ich mag sie wirklich. Von Torschlusspanik keine Spur. Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir: Ich will mein Leben mit Izzy verbringen.

Text: wlada-kolosowa - Illustration: Katharina König

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