Liebespaare: Liebe auf den ersten Fußball-EM-Titel

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In Folge 2 der neuen Kolumne Liebespaare erzählen Daniel, 26, der in Berlin regenerative Energien studiert und und Raphaela, 22, Anglistik-Studentin aus Potsdam vom Beginn ihrer Liebe. Daniel erzählt Ja, es war Verliebtheit auf den ersten Blick. Natürlich nicht so, wie in Disneytrickfilmen: Zum ersten Mal gesehen und augenblicklich beschlossen, den Bund fürs Leben zu schließen. Aber der Moment, an dem ich Raphaela zum ersten Mal gesehen habe, war tatsächlich die Stunde Null meiner Verliebtheit, der zage Anfang von etwas Großem. Es war ein Donnerstagabend im Juni, das erste Deutschlandspiel der EM. Ich saß mit meinen Kumpels in einem überfüllten Biergarten an der Spree, war schon etwas bierselig und auch ein bisschen breit. Es ging mir gut. So gut, wie es einem nur im Sommer gehen kann, in einem Biergarten, nach einem Tag voller Sonne.

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Illustration: Julia Schubert

Das Spiel sollte bald losgehen, die Bänke waren gepfropft voll, als sich ein Pärchen zu uns vorkämpfte. Der Kerl kannte wohl Gregor, einen meiner Freunde, also wir rutschten noch enger zusammen, um ihm Platz zu machen. Das Mädchen setzte sich auf Gregors Schoß, nur wenige Zentimeter von mir entfernt. Sie hatte ein ärmelloses Top an und unsere Arme haben sich andauernd berührt, Haut an Haut, weil wir so zusammengepfercht saßen. Und ein bisschen auch mit Absicht. Sie hat gut zu diesem Abend gepasst. Und toll gerochen. Nach Sommer irgendwie. Ob ich mir damals schon vorgestellt habe, wie es wäre, mit ihr zusammen zu sein? Ich weiß es nicht. Ich muss gestehen, ich habe nicht viel gedacht an diesem Abend. Ich war mit dem Fühlen beschäftigt, mit den paar Zentimetern warmer Haut an meinem Arm. Und damit, einigermaßen artikulierte Sätze von mir zu geben – was nicht gerade einfach war in meinem wohligen Tran. Am liebsten hätte ich gar nichts gesagt, sondern einfach nur stumm und glücklich da gesessen, gefangen in meiner Wahrnehmung, fast autistisch. Als das Mädchen in der Pause an die Bar verschwand, versuchte ich, hastig ein paar Informationen aus Gregor auszuquetschen. Sie hieß Raphaela und war die Mitbewohnerin des Kerls, mit dem sie herkam und nicht seine Freundin. Rap-ha-ela, dachte ich nur, Rap-ha-ela. Bloß nicht vergessen, bevor sie zurückkommt. Und dann stand sie schon vor mir, lächelte und setzte sich wortlos an meine Seite. Und ich wusste, es ist der Anfang. Ich wusste es einfach. Auf der nächsten Seite: Raphaelas Version der Geschichte.


Raphaela erzählt Ich kann keinen durchschlagenden Moment festmachen, keinen Drehpunkt, an dem die Schwärmerei in Verliebtheit übergegangen ist. Würde es ein imaginäres Fotoalbum im Kopf geben, in dem man besondere Momente speichert, dann kann ich natürlich „Fotos“ benennen, die ich besonders gern vor dem geistigen Auge hervorkrame. Beim Sich-Verlieben geht es aber nicht nur um schöne Sekunden, es hat auch immer etwas mit einer bewussten Entscheidung zu tun. Und hier liegt das Problem: In den ausschlaggebenden Augenblicken meines Lebens bin ich immer irgendwie ohnmächtig gewesen – mein Gedächtnis hat sie nachträglich ausradiert und mich mit dem Ergebnis allein gelassen. Von dem ersten Abend, an dem ich Daniel kennen lernte, gibt es übrigens kaum Aufnahmen im Erinnerungsalbum. Das Meiste ist durch das Gedächtnissieb gesickert. Ich weiß nur noch, dass ich mit meinem Mitbewohner Fussball gucken wollte und wir auf einen alten Freund trafen, der dort mit seinen Kumpels war. Ich setzte mich neben den hübschesten der Clique, Daniel. Ich glaube, das machen Mädchen automatisch so. Immer wenn man einem Jungsgrüppchen begegnet, rankt man sie im Kopf und orientiert sich am Bestplatziertem - unabhängig davon, ob man tatsächlich Interesse hat. Es war sehr warm an diesem Abend und Daniel wirkte etwas entrückt. Deutschland hat gewonnen. Viel mehr ist von der ersten Begegnung nicht hängen geblieben. Der Fotoalbum fängt viel später an. Meine erste lebendige Erinnerung: Wir laufen gemeinsam nach Hause und Daniel legt seine Hand um mich, zum ersten Mal. Und ich bin ganz überrascht und steif, weiß nicht, wohin mit meinen Händen und traue mich auch nicht, mich anzulehnen. Also laufe ich nebenher, wie ein Fremdkörper, und habe gleichzeitig Angst, dass er seinen Arm wegnimmt. Daniel hat aber nicht losgelassen, obwohl ich so hölzern war. Ich habe dann eine Wette mit dem Schicksal abgeschlossen: Wenn er mich bis zur Haustür im Arm behält, wird er mein Freund. Und so war es dann. Vielleicht war das schon der Entscheidungsmoment. Ich weiß es nicht. Aber ich bin mit dem Ergebnis glücklich.

Text: wlada-kolosowa - Illustration: Katharina König

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