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Unser Vater lag im Sterben - und wir machten Witze darüber

Dan Marshall hat ein sehr ehrliches Buch über seine kranken Eltern geschrieben.
Interview: Nadja Schlüter
  • Dan Marshall
    Foto: Sharon Suh

Dan Marshall hatte sich gerade ein schönes Leben in Los Angeles aufgebaut, als der Hilferuf aus Utah kam: Der Krebs seiner Mutter war zurück und sein Vater hatte die Diagnose „Amyotrophe Lateralsklerose“ bekommen (besser bekannt unter der Abkürzung ALS und einer größeren Öffentlichkeit präsent seit der „Ice Bucket Challenge“ aus dem Jahr 2014). Mit 25 zog Dan also zurück nach Hause, um gemeinsam mit seinen vier Geschwistern die Eltern zu pflegen – ein Jahr lang, bis sein Vater starb. Heute ist er 33 und hat darüber ein Buch geschrieben: „Home Is Fucking Burning“. Darin wird viel geflucht, laufend werden schmutzige Witze gemacht und alle wirken ein bisschen verrückt. Gleichzeitig ist es aber auch todtraurig. Am 22. Februar erscheint es auf Deutsch unter dem Titel „Meine scheißkranke Familie“ im Atrium Verlag.

jetzt: Dan, redet deine Familie noch mit dir?

Dan Marshall: Als meine Mutter das Buch das erste Mal gelesen hat, hat sie mir eine SMS geschrieben: „Fuck you, Danny, and fuck your book!“ Aber sie ist dann doch damit klargekommen. Ich glaube, sie hat verstanden, dass ich mich nicht über sie lustig mache, sondern nur ihre Art vor Humor mit der Welt teilen wollte.

Und deine Geschwister?

Meine ältere Schwester Tiffany hat es immer noch nicht ganz gelesen, sie sagt, es ist einfach zu schwer für sie, diese Zeit noch mal zu durchleben. Und wegen meiner zwei kleinen Schwestern musste ich noch ein paar Sachen ändern und streichen, sie waren nicht mit allem ganz glücklich...

Sie durften also Passagen ändern?

Ja, sie mussten ja Einverständniserklärungen unterzeichnen, dass ich das Buch veröffentlicht darf. Das war ein ziemlich unangenehmer Anruf, so „Hey Leute, ich weiß, ich hab’ in diesem Buch ziemlich viel beschissenes Zeug über euch erzählt, aber würdet ihr das bitte unterschreiben?“ Aber mittlerweile sind alle glücklich damit.

Das Buch ist aus einem Blog entstanden, den du über die Krankheit und Pflege deines Vaters geschrieben hast. Auf dem Blog und auch im Buch sind die Texte sehr explizit, teils vulgär. Findest du es in Ordnung, die eigene Familie auf diese Art an die Öffentlichkeit zu zerren?

Ich habe mich früh entschieden, so offen und ehrlich über meine Familie zu schreiben wie möglich. Hätte dann jemand gesagt „Dan, das ist schrecklich, lass das“, hätte ich nicht damit weitergemacht. Aber Menschen sind voyeuristisch. Ich glaube, diese Geschichte ist für sie ein Fenster ins wahre Leben, sie können sich mit der Dysfunktion unserer Familie identifizieren. Sie schauen sich unser abgefucktes Leben gerne an und denken: „Immerhin ist mein Leben nicht so abgefuckt wie das Leben der Marshalls.“ Wenn ich etwas zurückgehalten hätte, wäre das Buch am Ende ja auch nur halb so unterhaltsam geworden.

Man kriegt jedenfalls den Eindruck, dass ihr alle die ganze Zeit schmutzige Witze macht. 

Ja, das war Teil unserer Bewältigungsstrategie. Unser heldenhafter, großartiger Vater lag im Sterben, das war einfach sehr traurig – und unsere Reaktion darauf war, Witze drüber zu machen. Wenn wir die ganze Zeit darüber nachgedacht hätten, wie schrecklich das alles ist, hätten wir uns wahrscheinlich umgebracht. 

    • Familie Marshall

    Familie Marshall 2007 im Urlaub in Pompeii: Tiffany, Chelsea, Vater Bob, Jessica, Greg, Dan und Mutter Debi (v.l.n.r.). Foto: Dan Marshall 

    • Familie Marshall

    Familie Marshall am Tag des Abschieds im September 2008. Etwa ein Jahr nach seiner ALS-Diagnose hatte Bob Marshall darum gebeten, dass die Maschinen abgeschaltet werden, damit er sterben kann. Foto: Gary Neuenschwander

In einer Szene sprecht ihr über die Krankheit und tragt dabei alle lustige Pyjamas. Das wirkt irgendwie ausgedacht...

Aber wir hatten diese Tradition wirklich! Ich habe immer noch eine ganze Schublade voll mit Superman- und Batman-Pyjamas.

 

Deine Mutter hat darauf bestanden, dass ihr euren Vater selbst pflegt. Warum?

Sie fand, dass es unsere Pflicht war. Und für meinen Vater war es sicher auch angenehmer, als wenn es ein Fremder macht. Viele Bereiche der Pflege sind sehr intim. Natürlich ist es dir peinlich, wenn du 54 Jahre alt bist, und jemand muss dir die Windeln wechseln und deinen Penis waschen. Und auch, wenn es schrecklich war: Immerhin konnte ich so noch Zeit mit meinem Vater verbringen. Ich dachte ja, ich hätte noch 30, 40 Jahre mit ihm. Und auf einmal war es nur noch eins.

 

Du schreibst auch darüber, dass deine Mutter in dieser Zeit eifersüchtig war.

Ja, es war seltsam für sie. Sie hatte Krebs, sie hat heute noch Krebs. Die Krankheit war immer ein großer Teil ihrer Identität und sie hat immer die volle Aufmerksamkeit bekommen. Auf einmal haben sich aber alle auf meinen Vater konzentriert. Da hat sich was umgedreht. Genauso, wie die Rollen von uns Geschwistern: Wir wurden von den verwöhnten weißen Arschlöchern, für die die Eltern alles getan haben, zu den Kindern, die alles für ihre Eltern tun mussten.

 

Du gehst in dem Buch sehr hart mit dir selbst ins Gericht, du beschimpfst dich regelrecht. Warum? 

Naja, ich habe eine sehr geringe Selbstachtung. Und für das Buch war meine Regel: Ich muss mit mir genauso hart umgehen, wie mit allen anderen auch. Außerdem fühlte ich mich wirklich wie ein Loser: Ich habe meinen Job gekündigt, kein eigenes Geld verdient, und während alle meine Freunde Ärzte und Anwälte wurden, habe ich im Keller meiner Eltern gewohnt und zu viel getrunken. Der Alkohol hat natürlich dazu beigetragen, dass ich depressiv wurde. Ich habe mir in dieser Zeit oft gewünscht, ins Zimmer meines Vaters zu gehen und er liegt im Bett und sagt: „Hey, ich hab nur einen Witz gemacht! Lass uns Basketball spielen!“

 

Wie hat dich dieses Jahr mit deinem kranken Vater verändert?

Lange fiel es mir schwer, die Probleme anderer nachzuvollziehen. Wenn jemand gesagt hat „Mist, mein Auto ist kaputt“, dann dachte ich nur „Ja, okay, mein Vater ist an ALS gestorben.“ Darin bin ich besser geworden, aber natürlich hat es meine Perspektive geändert. Ich bin eher ein Downer als früher, soviel steht fest.

 

Hat das Buch dir geholfen, das alles zu verarbeiten?

Ja. Schreiben ist Therapie. Ich habe damals ja auch den Blog gestartet, weil ich darüber schreiben und sprechen musste.

 

Ist es denn noch mehr als Therapie? Hast du auch eine Message?

Ich möchte einen Teil meiner Einnahmen der ALS-Forschung spenden. Und ich will, dass Leute einen Eindruck davon bekommen, wie schrecklich diese Krankheit ist. Aber die eigentliche Message ist: Du kannst dir nicht aussuchen, wer deine Familie ist, aber ihr müsst euch zusammenraufen und auf die wirklich wichtigen Sachen konzentrieren. Ihr habt nämlich nur eine begrenzte Zeit miteinander. Ich hoffe, dass jemand das Buch liest und danach seine Eltern anruft, um ihnen zu sagen, dass er sie liebt.