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Comrade Allah kämpft gegen die Schwarzfüße: Guerilla-Organisationen und ihre Webseiten

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Screenshot: jetzt.de Die Gruppe: Fronte di Liberazione Naziunale Corsu (F.L.N.C.) (oder in der Sprache des Feindes: Front de libération nationale de la Corse) Wer ist das? Die FLNC sieht sich als korsische Befreiungsbewegung. Sie richtet sich vor allem gegen Frankreich und in Korsika ansässige Franzosen, besonders die so genannten „pieds noirs“, Schwarzfüße, also ehemalige Bewohner von Französisch-Algerien, die nach dem Ende des Algerienkrieges nach Korsika umgesiedelt wurden. Daraufhin regte sich Widerstand unter der einheimischen Bevölkerung, die italienische Wurzeln hat. Zu den Gründungsmythen der FLNC gehört es, dass ihre Gründungsväter Mitte der siebziger Jahre einen Weinkeller in Aleria besetzte, weil der französischstämmige Weinbauer angeblich Wein panschte. Als die Polizei die Besetzung beenden wollte, kam es zu einer Schießerei, bei der zwei Polizisten starben. Seitdem gilt die Besetzung als Geburtsstunde der FLNC. Begrüßung: „1976 – 2006: 30 Anni Di Resistenza Corsa“ steht in der Schreibmaschinen-Optik von RAF-Bekennerschreiben auf der Startseite der FLNC – dann geht es aber munter in Französisch weiter. Soviel Ausrichtung auf die Zielgruppe muss offenbar sein. Was erfahren wir? Jede Menge Räuberpistolen aus der Geschichte der FLNC, garniert mit ideologischen Grundlage-Werken, dem Grün- bzw. Weiß-Buch der FLNC. Darin wird hergeleitet, warum die FLNC immer und allezeit eines hat: recht. Deswegen trägt das Grünbuch (Titel: „A Liberta O A Morte“) auch den Namen „Bibel der Front“. Das soll beim Leser hängen blieben: Wer nach Korsika kommt, soll gefälligst daran denken, dass es Korsika ist und keine französische Provinz. Und natürlich, dass die FLNC zu den Guten gehört, jede Gegenmeinung eine böse Lüge Frankreichs ist und überhaupt – Tod, äh, Moment: Freiheit! Multimedia-Material: Der korsische Widerstandsliebhaber kann sich ein Video über die Geschichte der FLNC anschauen, in dem zu einpeitschender Propaganda-Mukke Autos abfackeln und patriotische Patrioten Patriotisches sagen. Web 2.0-Gimmick Auf der Seite gibt es einen kleinen Zähler, auf dem – durch Landesflaggen gekennzeichnet – aufgeführt wird, wer aus aller Welt gerade auf der Seite surft. Außerdem poppt gelegentlich ein Fenster auf, das vor dem Runterladen von Pornos warnt. Was verschwiegen wird: Die interessante Phase der FLNC, in der sie sich in die „FLNC – canal historique“ und die „FLNC - canal habituel“ aufspaltete. Beide Gruppen bekämpften sich in Folge vor allem gegenseitig: Die Mitglieder brachten sich leidenschaftlich gegenseitig um – wer genaueres über die Dynamik des Konflikts wissen will, liest in „Asterix auf Korsika“ nach. Leider auch kein Thema auf der Seite: Die FLNC schuf ein neues Wort im Französischen, das Verb „plastiquer“. Es spielt auf das bevorzugte Werkzeug der FLNC an, den Plastiksprengstoff. Inzwischen gilt die FLNC mehr als Gangsterbande denn als Befreiungsorganisation.


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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Screenshot: jetzt.de Die Gruppe: Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia-Ejército del Pueblo (FARC - EP) Wer ist das? Die kolumbianische FARC ist der Methusalem unter den Guerilla-Bewegungen: Sie gilt als die am längsten aktive Rebellenorganisation Südamerikas. Die FARC sieht sich als marxistisch-leninistische Volksbewegung und kämpft ihren Aussagen nach für die Revolution. Ziel soll eine revolutionäre Entwicklung sein, an deren Ende ein kommunistischer Staat steht, allerdings in „bolivarischer“ Prägung. Damit bezieht sich die FARC auf den Befreier Südamerikas von der Kolonialherrschaft, Simón Bolívar. Die FARC entstand aus bewaffneten Einheiten der Kommunistischen Partei Kolumbiens, als offizielles Gründungsjahr ist 1964 angegeben. Den Namenszusatz EP, Volksarmee, gab sich die FARC 1982. Damit einher ging eine offensivere Ausrichtung dieser Guerilla. Zwischenzeitig soll die FARC – zusammen mit anderen kolumbianischen Guerilla-Bewegungen wie beispielsweise dem Ejército de Liberación Nacional ELN – fast ein Drittel des kolumbianischen Staatsgebiets kontrolliert haben. Im Laufe der 90er Jahre stieg die FARC in den Drogenhandel mit Kokain ein. Heute zählt sie nach Meinung von Beobachtern neben ihren Gegenspielern im kolumbianischen Bürgerkrieg, den paramilitärischen Gruppen der „Autodefensas Unidas de Colombia“ (AUC), zu den größten Drogenproduzenten des Landes. Zweites finanzielles Standbein der FARC sind Entführungen. Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union führen die FARC als Terrororganisation, Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International werfen der FARC schwere Menschenrechtsverletzungen vor. Begrüßung: Ein fein ziseliertes Logo, flankiert von zwei lachenden Guerilleros, grüßt von der schnittigen Startseite der FARC-EP – dazu gibt es denn auch aus Waschmittel- und sonstiger Werbung bekannten Hinweis, dass man schon seit geraumer Zeit auf dem Markt sei, im Falle der FARC: 42 Jahre. Was erfahren wir? Wie es sich für eine ordentliche marxistisch-leninistische Bewegung gehört, gibt es Kommuniques, Stellungnahmen und Erklärungen haufenweise, ganz nach gusto aufgeschlüsselt nach Mitteilungen des Secretariado del Estado Mayor Central, sozusagen dem Zentralkomittee der FARC, das ganz gerne Grüße an Brüdervölker ausrichtet, oder Mitteilungen einzelner Blocks und Fronten , den militärischen Einheiten der FARC, die in Art von Pressemitteilungen bekannt geben, wo sie wann welche Hinterhalte gelegt haben. Außerdem dabei: eine Geschichtsstunde über Kolumbien oder eine eigene Seite für Studenten, die zum Kampf im Untergrund aufruft. In Auszügen ist das Ganze auch auf Englisch verfügbar. Der Link zu deutschen Fassung führt auf eine Fehler-Seite der Zeitung „junge welt“. Das soll beim Leser hängen blieben: Die FARC kann am besten von allen Guerilla-Organisationen Webseiten programmieren. Und ansonsten: Venceremos – wir werden siegen! Multimedia-Material: Bilderstrecken über das Leben als Guerillero oder – gewissermaßen Revolutions-Pinups – die Frauen in der FARC. Wer will, kann sich aber auch ein Video erbeuteter Waffen angucken. Web 2.0-Gimmick Einfach auf den Unterseiten auf das Wappen der FARC links oben klicken – schon kommt man nicht zurück auf die Startseite, sondern bekommt die Hymne der FARC eingespielt, und zwar mit Pauken und Trompeten. Außerdem gibt es für alle großen und kleinen Revolutionäre den original FARC-Kalender 2007 als PDF zum Herunterladen – denn auch die Revolution hat Termine, hermano. Was verschwiegen wird: Dass vor allem eine Gruppe den revolutionären Kampf der FARC führt: Kinder und Jugendliche. Ein großer Teil der geschätzten 17 000 Kämpfer der FARC sind Minderjährige, die in der Guerilla einen Ausweg aus der Armut sehen. Auch zu ihren Verflechtungen in den Drogenhandel halten sich die FARC bedeckt: In ihrem Kalender spricht sie sich für eine Legalisierung der Drogen als einzigen Weg gegen den Drogenhandel aus – erstklassig dialektisch gedacht für eine marxistische Organisation, die selbst in Drogen macht.


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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Screenshot: jetzt.de Die Gruppe: حماس Oder für alle Ungläubigen: Harakat al-muqāwama al-islāmiyya - Hamas Wer ist das? Die Hamas versteht sich als islamische Widerstandsbewegungen in Palästina, die für die Errichtung eines islamischen Gottesstaates kämpft, der außer den bisherigen Palästinensergebieten auch das heutige Gebiet Israels umfassen soll. Das Wort, das bei der Beschreibung der Hamas häufig fällt, ist „Muslimbruderschaft“. Dabei handelt es sich um eine fundamentalistische Bewegung des Islams, die man vielleicht am besten als islamistische Heilsarmee begreift: Die Muslimbrüderschaft, noch zu Zeiten britischer Herrschaft im Nahen Osten entstanden, tritt gewissermaßen als Wohltätigkeitsorganisation auf, die beispielsweise Krankenhäuser oder andere soziale Einrichtung unterstützt und sich der Ausbreitung des Islam verschrieben hat. Aus dieser Muslimbruderschaft heraus entwickelte sich Ende der 80er Jahre im Westjordanland und im Gazastreifen die Hamas als radikaler und bewaffneter Arm. Im Gegensatz zu Palästinenserorganisation Fatah, die weltlich ausgerichtet ist, versteht sich die Hamas ausdrücklich religiös. Nach ihrer Entstehung verschrieb sich die Hamas einem „immerwährenden Dschihad“ und entwickelte sich zu einer Terror-Organisation, die für eine Vielzahl von Selbstmordattentaten verantwortlich ist. Sowohl die Europäische Union als auch die Vereinigten Staaten führen die Hamas als terroristische Vereinigung. In den vergangenen Jahren trat die Hamas auch als politische Partei auf. Im Januar 2006 gewann sie bei den palästinensischen Parlamentswahlen die absolute Mehrheit. Der Wahlsieg wurde weder von der Fatah noch von der internationalen Gemeinschaft anerkannt. In Folge kam es Machtkämpfen, die vor kurzem in den Kämpfen um den Gazastreifen gipfelten, in denen die Hamas alle Fatah-Anhänger vertrieb und den Gazastreifen faktisch besetzte. Begrüßung: Tja, gute Frage – alles Arabisch auf der Webseite, die im Netz, beispielsweise auf der deutsche Wikipedia-Seite, als inoffizielle Hamas-Webseite genannt wird. Keine Ahnung, ob das überhaupt stimmt, aber ohne Arabisch gibt es keine Erkenntnis – es steht aber Hamas im Logo. Auf der Dachseite des Ganzen kann man aber auch auf eine englische Version gucken – aber Vorsicht, die Lautsprecher schön leise drehen, sonst bläst einem der Chor der Hamas mit ihrem „Enigma“-artigen Sound die Ohren weg. Was erfahren wir? Arabisch ist eine ganz schön schwere Sprache. Und auf der englischen Seite, dass tapfere Hamas-Kämpfer Isrealis zurückgeschlagen hätten, der israelische Präsident ein Verbrecher sei und die Fatah im Westjordanland dauernd Hamas-Anhänger verhaftet. Das soll beim Leser hängen blieben: Dass auch radikale Islamisten singen können. Multimedia-Material: Bis auf die Fotos bärtiger Typen auf der Startseite – keins gefunden. Web 2.0-Gimmick Die Hamas ist eher oldschool. Aber einen kleinen animierten Briefkasten gibts, in den dauernd ein Brief eingeworfen wird. Schade. Die Bäche geklärten Honigs, die es angeblich im Paradies zu Schauen gibt, hätte man doch super in Flash animieren können. Was verschwiegen wird: Vermutliche jede Kritik an der Hamas. Sicher kann man es nicht sagen, weil: Arabisch. Auf der englischen Seite aber sucht man Informationen über Opfer der Selbstmordattentate der Hamas vergebens – an angeblichen Beweisen für „zionistischen Terror“ mangelt es nicht. Dafür, dass die Hamas so antiwestlich ist, programmieren sie schön in Englisch: Grafikelemente wie das Logo auf der Startseite sind unter englischen Bezeichnungen abgespeichert.


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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Screenshot: jetzt.de Die Gruppe: Kommunistische Partei Nepals (Maoistisch) – KPN (M) Wer ist das? Die Kommunistische Partei Nepals (Maoistisch) ist eine Abspaltung der Kommunistischen Partei Nepals (Einheitszentrum), womit auch erklärt ist, was diese komische Klammer-Konstruktion im Namen soll. Die KPN (M) sieht sich als bewaffneter Arm strikt maoistischer Ausprägung der Kommunistischen Partei. Die Gruppierung verübte Mitte der 90er Jahre erste Überfälle auf Regierungseinrichtungen. In Nepal, einer stark von Kasten geprägten Gesellschaft, die lange unter monarchischer Regierung stand, schreibt sich die KPN (M) auf die Fahnen, für eine klassenlose Gesellschaft zu kämpfen. Ihre Kämpfer, „Maobadis“ genannt, führten deswegen einen blutigen Guerillakrieg und kontrollierte teilweise bis zu 80 Prozent des Staatsgebiets, ohne aber die tatsächlichen Machtzentren einnehmen zu können. Der Bürgerkrieg wurde auf beiden Seiten mit unerbittlicher Brutalität geführt, in Folge wurde das Parlament des Landes aufgelöst und schließlich der Notstand verhängt. Im Jahr 2006 kam es zu einem Generalstreik, der schließlich zu einer Änderung des Staatsaufbaus Nepals führte: Ein neues Parlament wurde eingesetzt und die Macht des Monarchen beschränkt. 2006 trat die neue Regierung in Verhandlungen mit der Guerillabewegung der KPN (M) ein, die in einem Abkommen zu Beendigung des Bürgerkriegs endete. Seitdem gilt der Konflikt als beendet. Es wird davon ausgegangen, dass die KPN (M) aber weiterhin Truppen unter Waffen stehen hat. Begrüßung: Na wie wohl – „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ steht auf der Startseite der KPN (M), in der etwas freien englischen Übersetzung „workers of the world unite!“. Diese kommunistische Losung sieht in den Schriftzeichen der nepalesischen Sprache super aus, sehr wahrscheinlich gibt es das bald auf roten T-Shirts in Form des Coca-Cola-Logos zu kaufen. Ach ja, rot – selbstverständlich ist die KPN (M)-Startseite ganz in die Farbe der Revolution getaucht. Was erfahren wir? Das übliche Weltrevolutions-Gedöns. Dass die maoistische Ausprägung der Weltrevolution offenbar mit der Stimme von Apu Nahasapeemapetilon spricht, dem Besitzer des Kwik-E-Markts im schönen Springfield – oder nach was hört sich für euch „Long Live Communist Party of Nepal (Maoist)! Long Live Marxism-Leninism-Maoism and Prachanda Path!“ und „Celebrate world over the 10th anniversary of the PW; led by the Nepalese detachment of the Proletarian International.” an? Das soll beim Leser hängen blieben: Auch auf den Gipfeln des Himalajas ist niemals Ruh in Sachen Revolution. Und: Revolution fängt auch bei Mode an. Multimedia-Material: Freunde unglaublich karierter Sakkos kommen hier voll auf ihre Kosten: „Comrade Prachanda, chairman of the Communist Patty of Nepal“ erläutert nämlich auf einem Video anlässlich des 9. Jahrestages des Volkskrieges die aktuelle Lage – mit einem Sakko, dessen Karos die Wirkung von Massenvernichtungswaffen haben. Dagegen hat die Anzugmode der sozialistischen Bruderstaaten DDR und UdSSR glatt Gucci-Format. Web 2.0-Gimmick Keine. Braucht es aber auch nicht – die Genossen Programmierer der KPN (M) beweisen eindrücklich, dass man auch ohne jeglichen Schnickschnack eine Webseite machen kann, die in die Augen sticht. Was verschwiegen wird: Was der Name „Pachandra“ des obersten Genossen und Bruders der KPN (M) in Wahrheit bedeutet – es heißt „Wilder“. Ist aber auch nur ein Kriegsname. In Wahrheit heißt „Comrade Prachanda, chairman of the Communist Patty of Nepal“ Pushpa Kamal Dahal.

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