Mächtige im Netz: Nancy Pelosi

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Der Empfang auf der Seite: Stellt von vornherein klar, worum es geht auf speaker.gov: Um Nancy Pelosi, Sprecherin des amerikanischen Repräsentantenhauses, und ihre Meinung zu jedem Thema, das in den USA irgendwie von Relevanz zu sein scheint. Zahlreiche Teaser versprechen Informationen zu Pelosis Ansichten zu diesem Thema, Pelosis Rede zu jener Gesetzesvorlage, als Pressemitteilung oder gleich als Videoclip. Angesichts des Boom-Themas Klimawandel schlägt Pelosi in der Initiative Green the Capitol beispielsweise vor, dieses zum CO2-neutralen Raum zu machen, indem man auf erneuerbare Energien umsteigt. Dass auch die obligatorische Portion Patriotismus nicht fehlen darf, wird ebenfalls schnell klar: Die ganze Seite ist in den Farben der US-Flagge gehalten und Frau Pelosi lächelt dem Besucher vor dem Hintergrund des wehenden Sternenbanners stolz entgegen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Was erfahren wir? Sehr viel. Nicht nur über die Person Pelosi selbst, sondern auch zum Repräsentantenhaus, das sie im Januar diesen Jahres zur Sprecherin gewählt hat. Besonders detailliert der erst im März eingerichtete Blog mit dem schönen Namen The Gavel, der englischen Bezeichnung für den Hammer, mit dem Richter oder eben der Vorsitzende des Repräsentantenhauses für Ruhe sorgen. Pro Tag werden hier mindestens drei Einträge zum Tagesgeschehen gepostet, meistens von Mitarbeitern aus Pelosis Büro, manchmal aber auch von ihr selbst. Heute fanden sich dort zum Beispiel Meinungen in den Ruhestand getretener Generäle zum Iraq Accountability Act. Oft kann man sich die wichtigsten Reden im Original ansehen, was besonders für die Lesefaulen unter uns sehr angenehm ist.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das soll beim Leser hängen bleiben: Knapp zusammengefasst lässt sich alles auf die folgende Grundaussage herunterbrechen: Die Demokraten sind die Guten. Sie haben genug von der Dominanz neokonservativer Falken, wollen mit "Hoffnung, Glaube und Optimismus" eine Wende herbeiführen und Amerika wieder auf den richtigen Weg führen. Der führt vor allem anderen zunächst mal raus dem Irak. Da das Repräsentantenhaus zum ersten Mal seit 1995 von einem Sprecher aus demokratischen Reihen geführt wird und George W. Bush sich deshalb erstmals seit Amtsantritt einem Gegengewicht in der Gesetzgebung entgegen sieht, wird Nancy Pelosi als Verkörperung dieser Aufbruchstimmung inszeniert. Für wen ist die Seite gedacht? Am ehesten wohl für potentielle Wähler, die von der Qualität Nancy Pelosis und ihrer Partei überzeugt werden sollen. Auch wer tagesaktuell über das Geschehen im Repräsentantenhaus informiert sein und in politischen Diskussionen mit Detailwissen über Senatsdebatten und Gesetze glänzen will, dürfte auf seine Kosten kommen. Wer so etwas eher trocken und langweilig findet, sollte speaker.gov eher meiden. Oder sich schnell auf die Kid’s page weiterklicken. (siehe: Interessantes Detail) Bestes Feature: Current Legislation: In dieser Rubrik sind alle derzeit aktuellen Gesetze und Gesetzesvorlagen thematisch sortiert und erklärt. Angenehmerweise wird hier nach dem Prinzip „Vom Allgemeinen ins Detail“ verfahren. Zunächst erfährt der Leser grob, worum es geht, zum Beispiel um die Anhebung der Mindestlöhne, und kann sich dann über die Buttons „Learn More“ tiefer in die Materie vorarbeiten, bis er schließlich bei der tatsächlichen Gesetzesvorlage bzw. dem Gesetz angelangt, der spezifiziert, unter welchen Bedingungen das Mindestgehalt um wieviel angehoben wird. Sehenswertester Beitrag: Pelosis kleine Enkelin Madeleine Prowda, die einen Tag vor Vereidigung ihrer Großmutter eine Lobesrede hält. Auch wenn es sich um eine PR-Inszenierung handelt, bringt das Filmchen wenigstens einen Hauch von persönlichem Touch auf die Seite. Zum Beispiel, wenn Madeleine erklärt, dass Oma Pelosi nicht nur total cool ist, weil sie die erste Frau ist, die den Posten des Sprechers des Repräsentantenhauses innehat, sondern auch, weil sie sie immer zu so vielen „fun places“ mitnimmt: Ins Kapitol und die Schokofabrik. Interessantes Detail: Die Kid’s Page. Hier vermarktet sich Nancy Pelosi als Granny Pelosi, erklärt den Wählern von morgen ihre Aufgabe und zeigt Bilder, auf denen ihre Mutter der kleinen Nancy bei den Hausaufgaben hilft. Leider ist die Aufmachung mit fetzigem Stern als Rahmen eher peinlich geraten. Dafür finden die Kleinen nützliche Links, auf denen der politische Prozess in Regierung und Repräsentantenhaus erklärt wird.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Schön ist auch die Idee, die Seite auch in einer spanischen Version anzubieten. Leider ist davon bisher nicht mehr umgesetzt als der Button, der in Zukunft zur übersetzten Ausgabe führen soll, sowie ein knapper Absatz auf Spanisch, der die politischen Ziele Pelosis umreißt.

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