Mächtige online: Ségolène Royals Sehnsüchte

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Der Empfang auf der Seite: Sehr sanft. „Zukunftssehnsüchte“, das Motto der Seite, ist weiß auf ein hellblaues Stück Himmel geschrieben, zartrosa Wolken ziehen daran vorbei. Darunter, im selben Farbton, ohne Wolken, aber mit Madame Ségolènes Lächeln, kündigt sich der Präsidentschaftspakt an. Darin erklärt die Royal schwarz auf weiß, dass sie, in enger Zusammenarbeit mit dem Volk selbst, 100 Vorschläge für Frankreich vertritt. Sie will die Anliegen jedes einzelnen Bürgers zur persönlichen Kaufkraft, zum Kampf gegen Gewalt, zu Umwelt und Bildung öffentlich machen: „Das, was ihr gesagt habt, habe ich gehört. Das, was ich wusste, habt ihr bestätigt. Ich wollte, dass die Bürger wieder das Wort ergreifen, damit ich ihre Stimme mittragen kann; ihr habt es nicht länger verdient, dass man sie umschreibt im Schatten solcher Programme, die man genauso schnell vergisst, wie sie verfasst wurden. Die Versprechen müssen gehalten werden, sie müssen glaubwürdig sein.“ Was erfahren wir? Über Madame selbst? Nicht viel. Eine Biographie ist zwar angelegt, aber sehr zurückhaltend platziert und etwas dröge. Man erfährt in erster Linie, wofür sich Ségolène Royal als Abgeordnete einsetzt: die Gleichberechtigung, sinnvolle Familiengesetze und eine Jugend mit Arbeitsplatz, ohne Gewalt. Man liest wolkige Sätze, nämlich, dass Madame Royal sich immer bemüht hat, „ihr politisches Handeln so konkret wie möglich in die Tat umzusetzen“. Sämtliche Aussagen der Kandidatin zu Sozialpolitik, Wirtschaft und Kultur sind aber in der Rubrik „Was ich über ... gesagt habe“ gespeichert. Was darin steht, von Kultur über Umwelt bis zu Europa, kommt sinngemäß noch einmal extra in einzelnen Diskussionsforen vor.

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das soll beim Leser hängen bleiben: Mitmachen lohnt sich. Ségolène Royal ist die Anwältin die Volkes: sozial engagiert und allzeit präsent. Der geneigte Betrachter kann mehr als 80 Videos aufrufen, die Madame Royal stets lächelnd auf Wahlkampftour zeigen: in Fernsehtalkshows, im Parlament, in der Banlieue. Ihre Laune scheint immer bestens zu sein, das Ohr ständig offen für Neues. Die Seite ist auch reich an Mitmachmöglichkeiten: Mit einem Klick leuchten rote, grüne, gelbe und blaue Farbtupfer auf, die kurzzeitig an Icons aus der Klingeltonwerbung erinnern. Sie sind für interaktive Diskussionsrunden gedacht, die Ségolène Royal selbst mit einem schwungvoll unterschriebenen Statement und einer Videobotschaft einleitet. Im Sinn eines Frontalunterrichts hält sie außerdem zu jedem Thema acht bis vierzehn Fragen bereit, deren Klärung sie ihren interessierten Mitarbeitern empfiehlt. „Wie verwirklicht man das republikanische Versprechen von der Erziehungsgleichheit?“/ „Wie erlaubt man es jedem Jugendlichen, sich voll am Arbeitsmarkt zu integrieren?“ So funktionieren, das ist wohl der Gedanke, Demokratie und Basisarbeit virtuell. Für wen ist die Seite gedacht? Für alle, die ihr Vertrauen in die Politik verloren haben. Und sich von Ségolène Royal erhoffen, dass sie es ihnen mittels direkter Volksbefragung zurückgibt. Man kann ihr nicht vorwerfen, sie würde nichts tun: Die Seite ist in unzählige Foren gegliedert, es gibt wahrscheinlich kein Detail, das sie nicht bedacht hat. Allein: Sie in diesem Wust aus Informationen auf ein klares Ziel festzunageln, und ihr ein Versprechen abzunehmen, an dem man sie messen kann – das fällt schon schwer. Die griffige Prägnanz, die man von Politikern gerne erwartet, geht in der Bleiwüste der „Zukunftssehnsüchte“ verloren. ++++++ Hier kannst du andere Texte aus dem Label „Mächtige online“ nachlesen.

  • teilen
  • schließen