Die Mädchenfrage

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Liebe Jungs, langsam weiß ich wieder, warum ich als 14-Jährige meine Brille nur in der Tasche trug: Wegen euch. Heute, als überzeugtes Brillenmädchen, durchlaufe ich nämlich immer wieder ein Szenario: Man unterhält sich angeregt im Schummerlicht mit einem netten Typen, bis er fragt: „Kannst du mal die Brille absetzen?“ – Schon beim Gedanken an diesen Satz bekommt jede Brillenfreundin Bauchschmerzen. Die ganz Aufdringlichen haben da sowieso schon eine Hand am Gestell. Wahrscheinlich habe ich mir deshalb früher die Sehhilfe durchaus abnehmen lassen. Ultrakurzsichtig stand ich dann da, guckte mit Glubschaugen in einen schwammigen männlichen Gesichtsfleck und das alles nur für seinen Erkenntnisgewinn á la „Ja“, „Anders“, „Deine Augen sind größer“. Die Flirtatmosphäre jedenfalls ist dahin. Man kommt sich nicht nur vor wie ein Pferd mit offenem Maul auf dem Auktionsplatz, sondern gleichzeitig vermittelt ihr das Gefühl, Frau sei mit Brille höchst unattraktiv. Zudem alles recht unhöflich: Ich trage nun mal diese Jeans, dieses Top und eben diese (wohlgemerkt todschicke!) Brille. Ich sag' ja auch nicht: „Bleib mal kurz drei Tage stehen, ich will dich mit Bart ausprobieren“. Da ich schwer glauben kann, dass ihr alle Optiker im Geiste seid und lediglich meine Dioptrien ausrechnen wollt, frage ich mich: Was soll das? Ich hatte beispielsweise nie das Bedürfnis, einem schönen Mann seine Brille klauen. Wozu? Brillen sind super. Schick, praktisch (können leicht Augenringe überdecken), modisch und stehen mir - wie ich von tausenden Mädchenstimmen weiß - ganz hervorragend. Mädchen wollen übrigens nie, dass ich die Brille absetze. Da muss also irgendeine sexuelle Geschichte dahinter stecken. Man könnte denken, es liegt daran, dass das markante schwarze Dingelchen in meinem Gesicht aus Versehen „Karriere!“, „Emanzipation!“ oder „Medienwissenschaften!“ schreit und somit Angst und Schrecken vor so genannten „starken Frauen“ verbreitet. Allerdings haben selbige Jungs die gleiche Frage gestellt als ich noch ein süßes silbernes Modell vor Augen hatte. Ich glaube eher, Brillenmädchen wirken auf euch nicht weiblich genug. Höchstens für Speziell-Interessierte, die Erotikschinken mit bebrillten Bossbiestern oder süßen Sekretärinnen verinnerlicht haben. Ja, und selbst hier - genau wie in jugendfreien Filmen - wird vor jeder Kusshandlung die Brille entfernt. Hallo? Knutschen geht doch auch so und ist häufig nicht mal eure Absicht, wenn ihr uns ohne sehen wollt. Warum also? Habt ihr’n Brillenkomplex? Oder werden Brillenjungs etwa auch diskriminiert? Eure abweisende Art jedenfalls hat die Frauenwelt recht verstört. Selbst Kassengestell-Ikone Lisa Plenzke warf in der finalen Hochzeitsstunde für den Liebsten die Brille über Bord. Ebenso sortieren meine Freundinnen für abendliche Tanzveranstaltungen stets die Brille ins Etui und die Linse ins Auge. Das gebe einfach mehr Männer-Feedback, sagen sie. Aber warum? Ich schiebe kurz meine Brille hoch und bin gespannt auf die Antwort. Die Jungsantwort steht auf der nächsten Seite


Die Jungsantwort

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Bevor ich antworte, möchte ich dich bitten, die Brille wieder vor die Augen zu schieben, damit Folgendes klar wird: Brillen sind, wie alle äußeren Merkmale, reine Geschmackssache. Ich kenne mehrere junge Männer (gutaussehend, gesund, erfolgreich, ungebunden), die Brillenträgerinnen sogar bevorzugen. Nach den Motiven ihrer Neigung befragt, liegen ihre Antworten zwischen Belesenheitsindikator und fetischartiger Besessenheit. Dass die Brille immer wieder als ein Hässlichkeits-Attribut herhalten muss (siehe Lisa Plenzke), liegt darin begründet, dass sie eine Schwäche symbolisiert, genauer gesagt: eine Sehschwäche. Früher sollten Schwächen lieber verborgen bleiben. In Billy Wilders Filmklassiker "Manche mögen's heiß" erklärt die von Marilyn Monroe gespielte Sugar an einer Stelle, warum sie Männer mit Brille so attraktiv findet: Weil sie unbedingt einen Millionär abstauben will und davon ausgeht, dass bebrillte Männer reich sind, weil sie vom täglichen Lesen der winzig klein gedruckten Börsenkurse ganz kurzsichtig geworden sind. Das war 1959, und zu dieser Zeit galten Frauen mit Brillen entweder als alte Jungfern, Intellektuelle oder Sekretärinnen, die man allesamt lieber meiden sollte. Es sein denn, man war selbst ein alter Junggeselle, ein Intellektueller oder plante, eine Sekretärin im Anschluss an eine gekonnte Brillenentfernung zu vernaschen. Heute ist das natürlich ganz anders. Die Brille wird vor allem mit Belesenheit und Intelligenz assoziiert, da hast du vollkommen Recht. Was Brillen mit Emanzipation zu tun haben sollen, verstehe ich nicht. Aber Gott sei Dank sind die Zeiten vorbei, zu denen man sich vor intelligenten (oder emanzipierten) Frauen gefürchtet hat. Die Brille ist modisches und praktisches Accessoire zugleich und mittlerweile in so schicken Varianten erhältlich, dass es sogar Menschen gibt, die sich welche mit ungeschliffenen Gläsern besorgen, weil das Gestell ihrer Wahl so gut zu ihrer Augenfarbe (Garderobe, Frisur, Autolackierung, Handtasche) passt. Ich glaube sogar, Paris Hilton hat auch eine. Soweit zur Salonfähigkeit. Ich sage das alles, um zu verdeutlichen, dass Jungs über diese Zusammenhänge bestens bescheid wissen. Wir wissen aber auch, dass Mädchen es mögen, wenn man auf sie eingeht, sich mit ihnen als einzigartiges Gesamtkunstwerk beschäftigt. Vorsichtig natürlich. So wie James Stewart, Gregory Peck oder Cary Grant ihren Brille tragenden Partnerinnen das Gestell sanft von den Öhrchen hakten, bevor sie zum stürmischen Filmkuss übergingen. Schließlich soll weder Gestell noch Gesicht dabei in Mitleidenschaft gezogen werden. Da die erwähnten Helden aber mittlerweile alle tot sind und die Zeiten sich geändert haben, respektieren wir eure moderne Selbstständigkeit und bitten euch höflich, die optische Barriere selbst zu entfernen, um euch für einen kurzen Moment direkt in die Augen schauen zu können. Und du musst schon zugeben, dass jeder Mensch mit Brille anders aussieht als ohne. Ein praktischer Nebeneffekt ist, dass ihr in diesem Moment unsere aufrichtige Unbeholfenheit nicht so gut erkennen könnt. Deutsche Physiognome haben übrigens herausgefunden, dass die Wendung "scharf auf jemanden sein" inhaltlich falsch ist: Bei Sympathie und Hingezogenheit gegenüber einer Person vergrößern sich die Pupillen, man stellt das Bild unscharf. Verrückt, ich weiß. Wenn du also das nächste Mal gebeten wirst, deine Brille abzunehmen, dann versuch, es positiv zu sehen: Du bist dann nämlich gerade interessant, also kann deine Brille so abschreckend schon mal nicht sein. Und vielleicht spielt dein Gegenüber sogar mit dem Gedanken, dich in absehbarer Zeit zu küssen, was dann ja wohl als Kompliment aufzufassen wäre. In dieser Hinsicht seid ihr übrigens klar im Vorteil - wenn uns ein Mädchen bittet, mal eben die Brille abzunehmen, ist es genau so gut möglich, dass sie uns gleich eine scheuert. henrik-pfeiffer