Jungs, gibt es den Alpha-Mann wirklich?

Immer zum Wochenende: Mädchen fragen Jungs fragen Mädchen. Weil manches kapiert man einfach nicht, bei denen.
wlada-kolosowa

In meiner Heimatstadt stehen McDonald's und Burger King einander direkt gegenüber. Uns Mädchen bringt das zur Verzweiflung. Nachts stehen wir oft eine halbe Stunde davor und sind nah am Verhungern, obwohl die Kalorien direkt vor unserer Nase sind. Der Grund: Wir können uns nicht entscheiden. Die einen wollen die knusprigen Burger-King Pommes, die anderen den Ein-Euro-Salat. Der Großteil der Gruppe sagt: "Mir persönlich ist es eigentlich egal". Und trotzdem stehen wir. Und stehen. Und suchen den Konsens. Wir argumentieren, erörtern und entscheiden demokratisch. Am Ende ist mindestens die Hälfte unglücklich, auch die, denen es "eigentlich egal" war. Die andere Variante ist: Wir gehen nach Hause. Hungrig. Bei Jungs ist es einfacher: Einer sagt "Megges" und das Rudel trabt geordnet in die vorgegebene Richtung. Dem Alpha-Mann hinterher. Faszinierend. Wenn überhaupt, dann wird bei uns die Führung wie eine Staffel übergeben, ja nach Situation. Es gibt feste Rollen: die Organisatorin, die Schulter zum Ausheulen, die Trendsetterin, die Entertainerin. Bei Entscheidungen haben aber alle das gleiche Stimmrecht und jede kann ein Veto einlegen: Will eines der Mädchen auf keinen Fall zu Burger King, muss die Gruppe sich beugen. Außerdem sind die Strukturen komplizierter: A kann mit B und D, aber nicht mit C. C kann mit B und auch mit D, aber nur bedingt mit E - straffe Führung ist unter solchen Vorzeichen kaum möglich. Wehe also der, die versucht, die Herrschaft an sich zu reißen. Dann gibt es Zank und Meuterei. Oft schon ist die Übeltäterin deswegen im Exil gelandet. Wenn ich hungrig und betrunken im Bett liege, wünsche ich mir fast ein bisschen Diktatur herbei. Das Leittier spricht, der Rest folgt. Schnell, effizient und ohne, dass jemand beleidigt ist. Vielleicht täuschen wir uns da aber auch. Wie ist es eigentlich bei euch? Gibt es den Alpha-Mann wirklich? Oder reicht es vielleicht, im richtigen Moment lauter als die anderen zu grölen?


Liebe Mädchen, wir leben weder in der Steinzeit noch im Kindergarten. Wir sind erwachsene, vollwertige, im demokratischen Geist erzogene Mitglieder dieser Gesellschaft. Früher, in grauer Vorzeit und im Kindergarten, da gab es sie noch, die Tierchen, die Widerspruch mit einem Tritt ans Schienbein ausmerzten. Aber heute? Heute sind wir zivilisiert. Jeder darf seine Meinung sagen und die Gruppe nimmt bestimmt Rücksicht. Im Allgemeinen sind wir sehr kollegial zueinander, respektieren uns gegenseitig und machen Kompromisse. Auch ohne ewig zu diskutieren. Allerdings gibt es Einschränkungen. Zum Beispiel müssen wir aus Effizienzgründen den Exzentriker ignorieren. Der hat nämlich immer Extrawünsche. Er will unbedingt einen Döner essen, wenn die Gruppe vor dem Burger King steht. Der Exzentriker will aber auch vor der Dönerbude einen Schokomilchshake haben. Auf solche Freaks kann die Gruppe leider keine Rücksicht nehmen. Ähnlich ist es mit dem Vielquassler, der ständig zu allem seine Meinung sagt, sie aber gleich mit einem „Wir könnten aber auch mal …“ relativiert. Zu viele Worte verlieren an Gewicht und werden wertlos. So jemand kann doch, wenn es darauf ankommt, keine Entscheidung treffen. Es gibt da aber noch jemanden. Der ist eher still und schaut ernst. Er greift nur im entscheidenden Moment ein, wenn der Exzentriker mit seinen Extrawünschen alle nervt, der Quassler in einen Monolog verfallen ist und der Rest genervt rumsteht. Er spricht dann plötzlich mit tiefer, kräftiger Stimme und, wenn er Bayer ist, sagt er: „Jetzt gehma Döner essen.“ Basta. Wir machen das dann so. Vielleicht ist diese Person unser Leitwolf. Nur würden wir ihn nie so nennen. Das liegt daran, dass wir mal etwas von der Evolutionstheorie gehört haben, wonach das Alphamännchen auch immer die meisten und schönsten Frauen abkriegt. Demokratie ist vielleicht eine Illusion, aber wir glauben daran. Wer will sich denn schon selbst gerne Beta-, Gamma oder gar Omega-Männchen nennen? johannes-siebold