Jungs, habt ihr eine psychologische Uhr?

Immer zum Wochenende: Jungs fragen Mädchen fragen Jungs. Heute: Coole, junge Väter vs. alte, grauhaarige Väter.
martina-holzapfl



Liebe Jungs,

altes Thema Kinderkriegen! Euer, nennen wir es mal: fehlendes biologisches Verfallsdatum, stattet euch mit einer gewissen Tiefenentspannung aus, was das Vaterwerden angeht. Das ist allseits bekannt. Ihr könnt noch viele, viele, viele Jahre Kinder zeugen, wer wird sich da also besonders sputen?

Nun beobachten wir aber in unserem weiblichen Umfeld gerade einen neuen Trend, der mit der biologischen Uhr nicht viel zu tun hat und angesichts dessen wir uns fragen, ob der wohl auch auf euch abfärbt: Die biologische Uhr wird Frauen, zumindest scheinbar, immer egaler. Stattdessen argumentieren sie mit etwas, das wir hier die „psychologische Uhr“ nennen wollen. Diese Psychologische-Uhr-Argumentation wird vor allem von Frauen zwischen 20 und 26 benutzt und geht in etwa so: „Aaaaaaalso, ich weiß zwar, dass ich noch gute zehn bis 15 Jahre Zeit habe, aber mal ehrlich: Will man echt so eine alte Mutter sein? Jetzt bin ich doch noch viel unspießiger und angstbefreiter. Außerdem: Wenn ich jetzt schwanger werde, ist das Kind schon wieder aus dem Haus, wenn ich gerade mal um die 40 bin – da hab ich dann noch ein ganzes Leben vor mir. Ist doch viel besser!“

Jetzt denken wir uns: Diese Haltung ist ja geschlechtsunabhängig, oder? Außerdem haben diese jungen Mütter ja meist auch den passenden, sehr jungen Vater an ihrer Seite, der dann mit lässigem Cap und hochgekrempelten Jeans sein süßes Kind voll Großer-Bruder-mäßig auf den Schultern durch die Stadt trägt und von sämtlichen Bürgern schmachtende Blicke zugeworfen bekommt. Alte, grauhaarige Männer mit Kind kriegen solche Blicke nicht, die kriegen nur „Och wie niedlich“-Blicke. Aber keine „Halleluja, was ein sexy junger Coolvater“-Blicke.

Unsere Frage lautet deshalb, Jungs, habt ihr jetzt neuerdings auch so eine psychologische Uhr? Ist die vielleicht gerade total in? Ist so ein Baby unterm Arm vielleicht das neue Skateboard unterm Arm oder die neueste Sneaker-Special-Edition? Und, um auch noch mal ein bisschen tiefer unter die Oberfläche zu kommen: Leuchtet euch das ganze Konzept des Junge-Eltern-Seins nicht auch alterslogistisch total ein? Will sagen: Findet ihr es nicht eigentlich auch tausendmal klüger, ein junger, angsbefreiter Chillax-Vater zu sein und dann hintenraus wieder mehr Spiel- und Entfaltungsraum zu haben, wenn die Kinder dann aus dem Haus sind, als andersrum?

>>>>> Es folgt: Die Jungsantwort von Elias Steffensen. >>>>>




Liebe Mädchen,

der junge Kollege aus einem anderen Stockwerk ist da interessant. Der war wenigstens eine Zeitlang hochpassionierter Kind-voll-großer-Bruder-mäßig-auf-den-Schultern-Herumträger. Und zwar sehr öffentlichkeitswirksam. Er skatet auch. Aber sein Board hatte er in der Redaktion noch nie unter dem Arm. Manche von uns fanden allerdings immer, dass er sein Kind ausstellt, als würde er gleich einen Kickflip die Treppe runter auf ihm stehen wollen. Und wir fanden ihn in diesen Momenten etwas gockelig und lachten heimlich.

Der Kollege stützt eure These aber vielleicht trotzdem mehr als uns lieb ist. Wobei das „uns“ heute etwas schlechter funktioniert als sonst. Wenn du jetzt auf der Straße zehn Typen fragst, bekommst du mit etwas Pech fünf verschiedene Antworten. Wir sind hier bei einem Thema mit Tendenz zur Genderneutralität. Aber eine leichte, wenigstens gefühlte Schlagseite hat es doch. Und die geht Richtung „Nein, auch diese Uhr haben wir nicht.“ Wenn ihr in Beziehungen nicht irgendwann damit anfangen würdet, über Kinder zu reden, würde das lange nicht auf die Agenda gesetzt. Wir, das scheint mir empirisch ziemlich eindeutig, fangen selten davon an. Aber, und dazu krame ich den Kollegen später dann noch mal hervor, das könnte sich ändern.

Denn so gut euer Begriff von der psychologischen Uhr ist, eigentlich ist es ja zunächst eher eine „soziale Uhr“. Viel gesellschaftliche Prägung schlägt da mit. Und bei uns geht sie wahrscheinlich etwas nach. Unsere Väter waren nämlich zu größeren Teilen noch nicht so jung (hatten aber eher jüngere Frauen). Und als wir in ein Alter kamen, in dem wir anfingen, sie in ihrem Wesen bewusst wahrzunehmen und dann irgendwann etwas später sogar zu reflektieren, kamen sie in ein Alter, in dem sie sich Cabrios kauften und dann irgendwann etwas später sogar Motorräder. Und dadurch ist das für uns noch ein bisschen verknüpft: Kinderkriegen und, nun ja, Coolness oder Souveränität einbüßen. Nachwuchs und Midlife-Crisis, das liest sich für uns noch wie ein semantisches Feld. Und damit scheint es auch wie eine recht rationale Kombination: Wenn wir irgendwann in unseren Vierzigern eh seltsam werden, dann können wir uns die Kinder ja auch für dann aufheben. Und bis dahin noch Chillax-Typen sein, die die neue Sneaker-Special-Edition tragen können, ohne bemüht zu wirken.

So, und jetzt kommt gleich der Kollege wieder. Weil: Man muss etwas, das einem ungeheuer ist, schließlich ein paar Mal sehen, bis es seinen Schrecken verliert. Das gilt in der Mode wie beim Sprung vom Zehn-Meter-Turm wie beim Kinderkriegen. Irgendwann gab es also die ersten Freunde im näheren Umfeld, die welche bekamen. Und mit ihnen langsam die Erkenntnis: Die leben trotzdem noch – offenbar ist doch nicht alles vorbei. Ein paar von ihnen blieben sogar cool. Das, haben wir gelernt, geht also schon mal: Kind haben und jung im Kopf sein. Und jung auf dem Ausweis? Da hat nun so ein Bübchen wie der Kollege Kickflip natürlich schon eine gewisse Strahlkraft. Zumindest, wenn er schmachtende Blicke zugeworfen bekommt. Weil: Man redet und theoretisiert zwar immer über Trendsetter und Zeitgeist und irgendwas, das in der Luft liegt, aber eigentlich sind es ja schmachtende Blicke, die einen Trend zumindest in der Masse begründen.

Also: Treibt uns noch nicht richtig um, diese Uhr. Aber das Ticken kommt schon näher. Der Kollege bekam im Kinderausstellen nämlich mit der Zeit tatsächlich eine gewisse Souveränität. Und wenn wir noch ein paar mehr von den Cap-tragenden, jungen Cool-Daddys auf der Straße sehen, die das mit dieser Selbstverständlichkeit hinbekommen, dann, werden wir denken, können wir das allemal. Wäre doch gelacht!

Text: martina-holzapfl - stm/photocase.de

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