Die Mädchenfrage:

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Torschlusspanik ist so ein hässliches Wort! Und ähnlich hässlich ist die Tatsache, dass dieser Gefühlswust eigentlich nur uns Frauen zugeschrieben wird. Wir haben T., wenn wir mit 17 noch keinen Sex hatten, wir bekommen T., wenn wir mit Mitte Zwanzig immer noch keine Langzeitbeziehung vorweisen können. Und die T. trifft uns angeblich immer dann ganz besonders hart, wenn wir auf die Hochzeit einer guten Freundin eingeladen werden. Ganz zu schweigen von dem riesigen Monster namens Kinderkrieg-Torschlusspanik, die – in Verbindung mit biologischen Tatsachen – angeblich jede Frau heimsucht, die sich dem 30. Lebensjahr nähert. Ich kenne sie durchaus, die Anfälle dieses Gefühls, das mich vor allem immer dann erwischte, wenn sich mein Leben diametral verschieden zu dem meiner engsten Freundinnen entwickelte. Sie sind die Matrix, gegen die ich meinen Gefühlshaushalt abgleiche. Und wenn ich merke, dass mein Leben einen Weg einschlägt, der nicht der Norm entspricht, dann erschrecke ich erst einmal sehr. Es ist nun mal verdammt schwer, ein zufriedenes und ausgeglichenes Single-Leben zu führen, wenn um einen herum das Heiratsfieber ausbricht. Und man fängt auch an, in finsteren Nächten seine freiwillige Kinderlosigkeit zu hinterfragen, wenn innerhalb einer Woche die zehnte frohe Nachricht einer Schwangerschaft hereingeweht ist. In solchen Momenten sucht mich ein diffuses Gefühl heim, das eine Mischung ist aus Neid, Unsicherheit und Angst: Neid auf die offensichtlich schnurgerade funktionierenden Biografien der Bekannten, die immer alles in der genau richtigen Reihenfolge zu tun scheinen. Denen anscheinend all das mit Leichtigkeit gelingt, worüber ich mir nächtelang das Gehirn zermartere oder woran ich schon längst gescheitert bin. Es ist die Unsicherheit, ob die Entscheidungen, die ich bisher getroffen habe, auch die richtigen waren. Und der Angst, ob mir auch gelingen kann, was sie schon erreicht haben. Dunkle, finstere Gedanken sind das, aus denen man nur herauskommt, wenn man sich die eigentlich banale Erkenntnis wieder ins Hirn bimst, dass man die wahren Leben der Anderen nicht kennt. Aber wie ist das denn bei euch, Jungs: kennt ihr dieses Gefühl der Torschlusspanik? Und wann sucht es euch so heim? Oder ist das unselige Vergleichen mit den Anderen tatsächlich und ausschließlich ein weiblicher Makel? Die Jungsantwort liest du auf der nächsten Seite.


Die Jungsantwort: Deine Frage hört sich im ersten Moment partywitzig an. Torschlusspanik, jaja, haha, da kennt jeder wen, der jetzt mal unter die Haube, zur Karriere oder in den Kreißsaal getragen werden muss. Dann habe ich nochmal gelesen und glaube, dass du einen ganzen Komplex ansprichst. Ich muss dir deshalb erst sagen, was ich in deiner Frage alles so lese: Wir gehören doch eher zu diesen postmodernen Menschen, die im Leben eigentlich alle Chancen haben, sich selbst zu verwirklichen, oder? Ob nun alleinerziehend, großfamiliär, unverheiratet, schwul, single - jeder denkbare Lebensstil sollte heute leicht zu leben sein, schließlich haben wir die Toleranz mit der ersten Milch verabreicht bekommen. Aber in Echt kommt mir das anders vor. Mir kommt diese angeblich so kunterbunte Welt der Stile manchmal nur sehr „behauptet“ vor. Sie wirkt formuliert und nicht gelebt. Sie wirkt wie ein ratifiziertes Dokument der Vereinten Nationen, das in Wahrheit keine Wirkung erzielt. Jeder trägt einen Abzug dieses Dokuments in seinem Kopf, um im echten Leben dann doch nach den herkömmlichen Regeln zu leben, die unsere Eltern uns erklärt und die wir sogar verschärft haben. Du sprichst vom ersten Sex, von Langzeitbeziehungen, von Hochzeit und Kindern. Typische Lebensanker eines typischen Menschen. Eigentlich sollten wir, wenn wir das wollen, auf diese Lebensanker pfeifen können. Doch selbst selbstbewusste Menschen überkommt ein Schauer, wenn sie auf Facebook mitbekommen, wie erfolgreich ihre Freunde sind, wer gerade wen ganz romantisch geheiratet hat und wie immer mehr Kinder zu bestehenden Ehen addiert werden. Wir können unser Leben so gut mit anderen Leben abgleichen wie noch nie in der Geschichte und werden dabei ganz kribbelig. Die Idee vom festen Job, von der Heirat und dem Haus im Grünen, die Idee von der Sattelfestigkeit also klebt an vielen von uns wie Teer. (Vermutlich gibt es dafür sogar wieder eine sehr gute Begründung, in der von Hormonveränderung, Alterungsprozessen oder Brutpflege die Rede ist.) Ja, viele von uns Jungs kennen Torschlusspanik. Auch Jungs und Männer haben Mütter und Freunde und einige von uns haben zumindest eine mit Bleistift vorgezeichnete Skizze von dem Leben, das sie sich dereinst einmal wünschen. Bei den meisten wirst du dort etwas von Kindern und Karriere lesen. Das sind Vorhaben, die man, so man sie gut findet, am besten zu einer Zeit beginnt, zu der einen noch keine Rückenschmerzen plagen. Also vor Toresschluss. Auch wir bekommen, wenn wir Single sind, unsere „Andersartigkeit“ ziemlich deutlich vorgeführt. Mit 20 gehst du auf ein Fest und keinen schert dein Familienstand. Mit 30 gehst du auf ein Fest und allerhand Paare werfen dir liebäugige Blicke nach dem Na-das-wird-schon-noch-Prinzip zu. Solche Blicke lösen auch bei uns Torschlusspanik und Selbsthass aus. Das Leben ist eben zurzeit noch bequemer, wenn man der Norm entspricht. Ich kenne Jungs, die sich deshalb Zeitlimits von einem halben Jahr gesetzt haben, um in dieser Zeit mit allen Mitteln eine Freundin zu finden. Ich kenne sogar Jungs, die mir beim fünften Bier gestanden haben, dass sie geheiratet haben, um den Druck von sich zu nehmen. Scheiden könne man sich schließlich immer noch. Und im übrigen kenne ich auch einen Jungen, der mit etwa 20 in den Puff marschiert ist, um sich dort endlich entjungfern zu lassen. Er wollte mitreden können. Klar haben wir es ein bißchen leichter als ihr. Wir bekommen nie den dämlichen Spruch zu hören, nach dem ab 30 „die biologische Uhr tickt“. Ich kann deshalb den Leidensdruck nicht nachvollziehen, der durch solche Aufsager entsteht. Aber ich kann dir zumindest versichern, dass ich einigermaßen gut verstehe, was du beschreibst. Wir sind auf beiden Seiten noch nicht soweit, wie wir es in der Theorie sind. Vielleicht brauchen wir eine neue Moderne, in der Selbstverwirklichung auch tatsächlich mit Selbstverwirklichung zu tun hat. Und nicht mehr nur mit der Kopie des Vorhandenen. peter-wagner