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Für Notfälle habe ich die Kurzwahltaste 1 auf meinem Handy. Diese Taste ist für eine enge Freundin in Münster reserviert, Ansprechpartnerin und Beraterin für Alles. Bei Liebeskummer wähle ich umgehend reflexartig diese Taste. Man kann das Scheitern einer Beziehung in nächtelangen Gesprächen diskutieren – man kann auch zunächst einmal in sich gehen, die Klappe halten, anstatt die Geschichte sofort vor der Welt auszubreiten. Letzteres tun wir leider selten. Wir Mädchen gehen mit unserem Beziehungsschmerz hausieren. Es kommt vor, dass zwei einander unbekannte Mädchen innerhalb von wenigen Minuten ihre intimsten Erlebnisse miteinander austauschen. Wenn das mädchenübergreifende Aufregerthema Typen angeschnitten wird, kommt jede noch so lahmarschige Konversation in Fahrt. Wer uns zuhört und Ratschläge erteilt, ist manchmal fast schon egal. Aus jahrelanger Erfahrung in Krisengelaber kennt man inzwischen die Klagen, und die Bewältigungsstrategien, die man vorschlägt, sind eigentlich immer die gleichen. Es geht auch oft gar nicht darum, die Wahrheit zu erfahren, zu analysieren, wieso das Arschloch nicht will oder wir alles falsch gemacht haben. Wir rationalisieren und dramatisieren, und reden um des Redens willen. Warum? Wir brauchen: offene Ohren, Instant-Trost, Solidarität und eine Leidensgemeinschaft. Wir wollen uns gegenseitig das Fell kraulen - und vergessen, dass man manche Dinge mit sich selbst ausmachen muss. Bei euch Jungs habe ich hingegen das Gefühl, dass ihr lieber alleine mit Liebeskummer klarkommen wollt. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, wie einer von euch aufgelöst bei einem Kumpel in die Tür schneit, von diesem erst mal einen Beruhigungstee bekommt und dann anfängt, sich stundenlang in seinen Armen auszukotzen. Auch habe ich noch nicht von Beziehungsnotkonferenzen unter Jungs gehört. Ich kann mir höchstens vorstellen, dass ihr euch einmal im Jahr in einem ernsten Vater-und-Sohn-Gespräch ein paar philosophische Lebensweisheiten in Hinblick auf Frauen einholt. Also, mit dem redet ihr über Liebeskummer? Wem vertraut ihr euch an? Fresst ihr es in euch hinein? Und wenn ja, wie schafft ihr das alleine? Die Jungsantwort kannst du auf der nächsten Seite lesen!


Die Jungsantwort:

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Was Liebeskummer angeht, so werden wir Jungs irgendwie meistens bitterkalt davon überrascht. Hätten wir nie gedacht, zumindest am Beginn der Karriere als Liebende, dass da ein Schmerz ist, der uns zerreist und aufschlitzt, umhaut und wegbläst. (Ein bisschen wie Kranksein – wir leiden dabei vielleicht sogar mehr als ihr.) Das ist für uns jedenfalls schon erstmal eine Offenbarung: Oha, ich fühle! Aua, und wie! Ohne zu sehr Cowboy-Folien an die Wand werfen zu wollen - irgendwie hatten wir insgeheim und jedes Mal gedacht, wir kämen besser damit klar, irgendwie ist es uns schwieriger, diesen gefühligen Schmerz zu akzeptieren - deswegen rennen wir damit auch nicht gleich zum nächsten Ohr. Uns fehlt dabei die stereotype Routine, die ich euch jetzt mal unterstellen möchte, die ihr mit Büchern, Filmen, Mädchenleben einigermaßen gut auf diese Situation und auf das Verhalten vorbereitet seid. Ihr geht souveräner und aufgeklärter damit um. Wir Jungs denken: So schwarz war es noch in keinem Menschen! So verletzt wie ich bin, huhu, das kann keiner verstehen, ich schreibe jetzt 14 Gedichte mit Tod und Mord und dann lege ich mich für immer irgendwo hin. Dergestalt beispielhafte männliche Liebeskummerbewältigung schildert Selim Özdogan in seinem Roman „Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist“, den jeder ernstzunehmende Junge gelesen haben sollte. Der Protagonist, amtlich herzgebrochen, geht zum Getränkemarkt, schließt sich danach in seine Wohnung ein, kneift die Klingel ab, steckt das Telefon aus, macht die Fensterläden zu und fängt an, mit: trinken, kotzen, heulen, schreien, „Gun Club“ hören. Wochenlang. Ganz allein und ganz verloren. So übertrieben das sein mag, er ist uns schon vertraut, dieser Ansatz: Lieber mit starkem Gegengift alles rausätzen, was wehtut. Oder sich in Arbeit stürzen, bis man auf der Baustelle ohnmächtig wird. Alles verdrängen und reinfressen, sich als einsamer Wolf an seinem Selbstmitleid berauschen, durchbeißen wie durch eine Bergetappe - das sind Therapien, die uns einfallen, angesichts dieser großen, dummen Fleischwunden in Seele, Ego, Gemüt. Das sind ja auch alles Orte, von denen wir tendenziell die Schnauze voll haben. Natürlich wissen wir modernen Jungen auch um die heilende Kraft des „Drüber redens“, das haben uns befreundete Mädchen beigebracht und einen gewissen Teil unserer Reputation bei Mädchen beziehen wir ja vielleicht auch daraus, „reden“ zu können. Deswegen werden wir das wohl auch ab einem gewissen Stadium des Kummers anbringen - denn so schlagen wie ja vielleicht zwei Fliegen mit einer traurig geöffneten Klappe: Wir reden uns das Blei vom Herzen und werden gleichzeitig von einer netten Damen getröstet. Und trösten, das ist in diesem Fall ja ein sehr weites Feld, nicht wahr? Ist ja nicht so, dass ihr jammernde Jungs nicht auch zum Reinverlieben süß fändet, bisweilen? Also, abschließend: Vielleicht erzählen wir auch mal einfach so einem Fremden an der Bar von unseren Liebesangelegenheiten. Das ist dann aber etwas sehr Besonderes und außerdem vom Alkohol zumindest unterstützt. Den guten Freunden gegenüber wollen wir am liebsten gute Freunde bleiben und das inkludiert nicht wochenlanges Trost suchen und Rumheulen. Unseren guten Freundinnen erzählen wir am leichtesten davon, denn die kennen sich ja nun bestens aus. Aber so ganz eigentlich, wollen wir bei richtigem Liebeskummer die Fenster zumachen und vor die Hunde gehen. Und kurz bevor alles zu spät ist, verlieben wir uns neu. Entweder in eine Frau oder wenigstens wieder ins Leben. fabian-fuchs