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Die Mädchenfrage: Die Zeit "zwischen den Jahren", jene zeitlosen Tage also, die verstreichen bis der Weihnachtsbraten dem Silvester-Rausch die Hand gibt, ist erfüllt mit Familie. Traditionen und Gewohnheiten drängen sich in unser Leben, mitunter drängen sich aber auch Fragen auf, die man eigentlich gerne verdrängt hätte (zum Beispiel: Werde ich wie meine Mutter?) Eine Frage, die mich jedes Jahr wieder umtreibt und die heute und heuer endlich gestellt werden muss, bezieht sich auf den absonderlichen Brauch des Böllerns. Meiner Einschätzung nach gehen von den jetzt nur im Beispiel angenommenen 100 Feuerwerkskörpern, die am 31. Dezember über Deutschland abgefeuert werden, exakt 97 auf euch Jungs. Warum ist das so? Habt ihr ein Böller-Gen oder woher kommt der Reiz für Feuer und Lärm? Ich verstehe das nicht. Und ganz ehrlich: Ein Silvester-Fest ohne Böller fänd ich auch mal ganz interessant. Ihr aber offenbar nicht. Also: Erklärt euch! Aber ohne Feuer und Knaller. Die Jungsantwort liest du auf der nächsten Seite


Die Jungsantwort: Man kann die Frage nach Jungs und nach Böllern auf zwei Arten beantworten (beide ohne Feuer und Knall): Auf die feine (wie Max Scharnigg mit seiner Feuerwerker-Typologie) und auf die einfache Art. Im konkreten Fall ziehe ich letztere vor und sie geht so: Mit dem Feuerwerk an Silvester verhält es sich wie mit dem Grillen auf der Sommerparty. Wir Jungs essen gerne Fleisch, trinken dazu Bier und fühlen uns dann recht wohl - egal, ob die zugehörige Gartenparty von Tante Elsbeth oder der Klassenschönheit veranstaltet wird. Dieses sommerliche Wohlsein stellt sich nur leider immer erst ein, nachdem Tante Elsbeth oder die Klassenschönheit ihr steinzeitliches Männerbild hervor und uns an den Grill geholt haben. „Jungs müssen doch grillen", sprechen sie mit lieblicher wie mit krächzender Stimme unsere animalischen Triebe an und befehligen uns, die Kohle zum Glühen und das Fleisch zum Braten zu bringen. Ehrlich gesagt: Wir wissen gar nicht mehr so genau, ob wir das eigentlich wirklich wollen. Wir werden in diese Rolle des grillenden Mannes gedrängt. Jungs sind schließlich so. Die gleichen normativen Kräfte des Faktischen wirken, wenn es draußen kalt und das Jahr zu Ende wird: Jungs wollen doch an Silvester böllern. Wir wissen ehrlich gesagt nicht mehr so genau, ob wir das wirklich wollen. Wir werden in diese Rolle des zündelnden Mannes gedrängt. In der Kälte der Neujahrsnacht besteht der Unterschied zur Grillparty – neben der Temperatur – vor allem darin, dass die Drängler nicht mehr mit lieblicher oder krächzender Stimme fordern, sondern mit tiefem polterndem Bass unseren Nachnamen brüllen – verbunden mit dem Zusatz: „... stell dich nicht so an, mach mit.“ Diese Nachnamen-Brüller machen schon seit der sechsten Klasse von ihrem polternden Bass Gebrauch und sind auch seit dieser Zeit von der funkelnden Begeisterung des Böllerns erfasst. Entwickelt hat sich seit der frühen Schulzeit lediglich das Budget, das sie für Knallwerk ausgeben. In der Unter- und Mittelstufe wurden die zumeist kleinen Summen für zumeist laute Böller ausgeben. Nach dem Ende der Schulzeit wurden die Beträge größer und die Feuerwerke bunter und vermeintlich technisch ausgereifter. Oft geht diese Technik-Verliebtheit beim Böllern mit einem technischen Studium oder mit einem handwerklichen Beruf im echten Leben zusammen („das Nachglühen des Tischfeuerwerks wird über eine Induktionsschleife des Leuchtfroschs hervorgerufen, der einen mechanischen Prozess wie beim Start einer Rakete hervorruft“, vulgo: Weltraumtechnik). Der Nachnamen-Brüller und der zurückhaltende Eckensteher sind die beiden Grundtypen des männlichen Silvester-Festes. Sie fechten alljährlich einen Kampf um das moderne Männerbild aus. Es handelt sich dabei um keinen offenen Streit, sondern um ein subtiles Spiel von Forderungen und Ansprüchen. Der Nachnamen-Brüller unterfüttert sein Böller-Bild mit einer Kiste voller Argumente, die alle eine Zündschnur tragen. Der Eckensteher versucht seine Zurückhaltung mit der CO2-Bilanz bzw. mit der Geld-Verschwendung des Feuerwerks zu untermauern. Und in den ganz hellen Momenten der Silvester-Nacht, irgendwann zwischen zwölf und halb eins, kann man bemerken, dass sich der Nachnamen-Brüller und der Eckensteher ganz und gar unwohl in ihren Rollen fühlen. Am liebsten würden sich beide lösen wollen von dem Rollenbild des zündelnden Mannes (und des zurückhaltenden Gegenpols), ein Glas prickelnden Getränks heben und das Jahr entspannt beginnen. Aber wie gesagt: Das passiert nur in den hellen Momenten der ja eigentlich eher dunklen Silvester-Nacht. dirk-vongehlen