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Ich gestehe: Ich hasse es, Dinge zu reparieren. Ich hasse es, in oder außerhalb meiner Wohnung handwerklich tätig werden zu müssen. Ich habe kaum Werkzeug zu Hause. Ich will, dass die Arbeit jemand anderes für mich macht. Meistens muss mein Freund dafür herhalten. Und ich lasse es immer so aussehen, als hätte er die Rolle des persönlichen Handwerkers selbst gewählt. Das läuft ungefähr so ab:

Freund: „Was ist denn mit der Flurlampe?"
Ich: „Wieso?"
Freund: „Die ist kaputt?!"
Ich: „Ach jaaa, ich weiß. Aber es geht schon noch, das Licht aus dem Bad tut's auch."
Freund: „Oh Mann."
Ich: „Ich mache das schon irgendwann. Aber wenn ich einmal anfange, kann ich ja nirgends mehr aufhören. Mein Rooter spinnt, im Bad müssen die Schrankgriffe neu gebohrt werden, an der Decke der Gardinendraht mal nachgezogen werden, in der Küche ist die Handtuchhalterung abgebrochen, der Türgriff ist lose .... Hab ich keinen Bock drauf."
Freund: „Zeig mal."
Ich: "Ist doch egal.... ja okay, na gut..." (Stehe genervt auf und schleppe mich in verschiedene Richtungen): „Na daaaa, und daaaa, und daaaa halt. Ich hasse es, dass immer was zu tun ist..."
Freund: „Ja, so ist das Leben, stell dich nicht so an. Ist doch schnell gemacht. Wo ist dein Werkzeug?"
Ich: „Hab keins, weißt du doch."
Freund: „Wie überlebst du eigentlich?"
Ich: „Ach, lass es einfach. Ist doch mein Problem."
Freund: „Ich komm morgen mit Werkzeug vorbei, das kann man ja nicht mit ansehen."

So oder so ähnlich läuft es immer, wenn in meinem Leben etwas nicht mehr funktioniert, von dem ich voraussetze, dass es funktioniert und deshalb nicht einsehe, dass ich Zeit dafür aufwenden muss, es zu reparieren: die Rückleuchte meines Fahrrads, den Reißverschluss an meinem Rucksack, den linken Lautsprecher meiner Kopfhörer, den Arbeitsspeicher meines Laptops.

Ich verschließe die Augen vor diesen Dingen, quengele ein bisschen rum und spiele eine Mischung aus gleichgültig und unfähig, bis ihr einschreitet und sagt: "Schluss. Wo ist das Problem, ich mach das jetzt!"

Es ist nicht so, dass ich wirklich denke, ich wäre nicht in der Lage, ein Loch zu bohren, ein Kabel zu entwirren oder mein Rad frühlingstauglich zu machen. Die Vorstellung, das super resolute Werkstatt-Girl raushängen zu lassen, gefällt mir ja sogar total gut! Nur weiß ich eben viel zu gut, dass ihr Jungs auf mein Quengeln meistens sofort reagiert. Ihr habt diese ehrenhafte „Ich schau mir das mal an"-Hilfsbereitschaft und irgendwie werde ich dann auch das Gefühl nicht los, dass es euch gefällt, „der Durchgreifer" zu sein. Kein Problem, denke ich dann und lehne mich zurück. Ein paar alte Rollenmuster lasse ich schon durchgehen, solange sie zu meinen Gunsten ausfallen.

Ich ahne aber auch, dass das eine schreckliche Unart ist. Dass ich mich schämen sollte. Und deshalb müsst ihr jetzt bitte mal Stellung beziehen: Wie nehmt ihr diese Sache wahr? Fallen euch solche miesen Mäh-ich-will-das-nicht-ich-kann-das-nicht-Spielchen auf? Nerven sie euch? Sollten Mädchen wie ich uns mit dieser Einstellung schleunigst vom Hof machen und in Reparaturhinsicht endlich mal erwachsen werden? Sollen wir die Sache öfter mal umdrehen? Das heißt: Euch mal verträumt den Staubsauger halten lassen, während wir tatkräftig eure Wohnzimmerwand verdüblen?

Auf der nächsten Seite findest du die Antwort von jakob-biazza.



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Vor allem anderen erst mal: Danke! Danke, dass du diese Frage stellst – auch, wenn ich sie erstmal mit einem inbrünstigen „Jein“ beantworten muss. Ja, es nervt uns wahnsinnig, und nein, das tun wir gerne, ergibt hier allerdings mal kein maues einerseits/andererseits. Es sind zwei Ergebnisse derselben Begründung. Und die geht so:

Wenn ich Emanzipation richtig verstehe, kann jeder endlich alles tun. Ihr in Käfigkämpfen antreten, wir Knöpfe annähen. Ihr Karriere machen, wir Kinder großziehen. Wir Hemden bügeln, ihr uns. Und vice versa natürlich. Großartig! Für den Alltag einer Partnerschaft würde ich daraus nun weiterfolgern, dass man dem anderen – ob nun aus pragmatischer Arbeitsteilung oder Altruismus – nach Möglichkeit bei all dem hilft (oder ihm eben das abnimmt), was man selbst besser kann. Heißt: Natürlich tragen wir euch gerne das schwere Paket (die Einkäufe, das Fahrrad in den Keller, die Koffer aufs Zimmer). In aller Regel sind wir stärker. Ergo: Wir können’s besser.  

Das gilt für viele andere Dinge aber nicht (mehr). Oder zumindest nicht mehr zwangsläufig. Es mag vielleicht Zeiten gegeben haben, in denen es ein evolutionärer Vorteil für und von uns war, von der Jagd wieder in die Höhle zu finden, Eindringlinge in die Flucht schlagen und Feuer machen zu können. Aber die sind vorbei. Wenn unser Orientierungssinn wirklich jemals besser war als eurer, dann haben uns Navigationssysteme und Smartphones depraviert. Aus, vorbei. Die Sonne geht im Westen unter. Mittags oder wenn’s regnet wissen wir genauso wenig wie ihr, wo wir hinlaufen. Zum Feuermachen gibt es Streichhölzer, gegen den Eindringling Sicherheitsschlösser oder die 110.  

Es bleibt also nicht sehr viel, in dem wir euch körperlicher überlegen sind. Und leider haben wir von den Dingen, die unsere Väter noch ölverschmiert oder staubig selbst konnten, auch viele nie gelernt. Ich weiß weder, wie man einen Dübel in die Wand treibt, noch, wie man eine Lampe oder einen Lichtschalter anschließt (Pole? Erdung? Löten? Schrauben? Spax?). Über Motoren brauchen wir nicht zu reden und einen Fahrradschlauch habe ich noch nie gewechselt. Traurig. Aber wahr.  

Wenn wir solchen Kram also für euch erledigen, tun wir Dinge, die ihr genauso tätet: im Internet recherchieren, die Eltern anrufen, rumprobieren, fluchen, scheitern, weinen, zu einem Spezialisten gehen.  

Und ja: Das nervt extrem! Es gibt keinen vernünftigen Grund, dass wir im Urlaub mit der Karte vorm Gesicht herumrennen, von den acht Autostunden sieben fahren, euren Computer einrichten, die Fahrradkette wieder einfädeln oder uns um den Telefonanbieter kümmern. Ein Mann bekommt von der Telekom keine besseren Auskünfte als eine Frau (niemand bekommt von der Telekom schließlich brauchbare Auskünfte), das Menü des neuen Fernsehers hält für euch dieselben Funktionen bereit, wie für uns.

Das ist jetzt wiederum nicht ungalant gemeint. Ich werde euch auf ewig jede Gitarre der Welt stimmen, wenn ihr dabei Hilfe braucht. Schließlich habe ich das mal beruflich gemacht und kann es richtig gut. Ich entkorke mit Wonne und meinem Taschenmesser jeden Wein und kümmere mich auch sonst um alles, was euch plagt. Nur eben nicht automatisch. Wenn ihr schon mal ein Loch in eine Wand gebohrt habt, greift doch einfach wieder zu Akku-Schrauber oder Hilti, wenn was aufgehängt gehört. Und wir halten euch dann gerne den Staubsauger.