Die Mädchenfrage:

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So Jungs, vergangene Woche wolltet ihr ja wissen, ob wir uns von der Natur verarscht vorkommen. Die kritische Zeit der Periode habt ihr angesprochen und auch die Ungerechtigkeit, dass wir es nicht so leicht haben mit dem Im-Stehen-Pinkeln. Nun wird es Zeit für einen Konter: Seht ihr euch wirklich als die von der Natur Bevorzugten? Oder seid nicht womöglich ihr diejenigen, die naturgemäß benachteiligt werden? Schließlich, so zumindest unser Eindruck, werdet ihr ja auch nicht unerheblich von der Natur und ihrer Erfindung namens "Testosteron" verarscht.

Ein Beispiel: Montagmorgen, die U-Bahnen sind mal wieder heillos überfüllt, die Laune eher mäßig. Während ich mich an meinen Kaffee klammere und meine Augen bei weitem noch nicht so weit aufkriege, irgendwelche Männer eingehend zu mustern, steigt bei meinem Gegenüber sichtlich der Testosteronspiegel. Stimmt schon, die Aussichten sind nicht schlecht, aber kann er sich nicht zusammennehmen und aufhören, den Hintern der Frau neben ihm zu begutachten?

Um solche Situationen zu erklären und vielleicht sogar mit Nachsicht zu rechtfertigen, werden oft abgedroschene Floskeln wie „Na ja, Männer denken halt öfters mal mit der Hose“ benutzt. Die Frage heute: Ist das eigentlich so weit an der Wahrheit vorbei? Und wie geht's euch damit?
  
Es ist ja ohnehin schon gruselig genug, wie sehr Menschen generell von Hormonen gesteuert werden. Aber dieses Testosteron stelle ich mir schon als besonders anstrengenden Begleiter vor. Was, wenn man vor der neuen Chefin steht und sich nicht auf das Gesagte konzentrieren kann, weil das Kopfkino nicht mehr anzuhalten ist? Und wie verträgt sich eigentlich die Kombination aus schlüpfrigen Gedanken und Skinny Jeans? Ich stelle mir eine spontane Erektionen in engen Hosen ziemlich unangenehm vor.  

Ihr seht schon, alles kreist um das große T und die Frage, wie sehr es euer Leben wirklich beeinflusst. Zu wenig davon macht euch müde und antriebslos. Zu viel ist auch nicht das Wahre, wie Griffin Hansbury im Interview mit Alex Blumberg für „The American Life from WBEZ“ erzählt hat. Nach einer Hormonbehandlung habe er, der ursprünglich als Mädchen geboren wurde, sich zeitweise wie ein Monster gefühlt. Kaum mehr zu Tränen fähig, oft aggressiv und nicht mehr imstande, sich auf die Sätze zu konzentrieren, die er dem hübschen jungen Mädchen in der U-Bahn gerne gesagt hätte. Einfach weil ihn eine Flut pornografischer Bilder überrollte, während er sie musterte. Natürlich ist das ein extremes Beispiel, aber ist es nicht auch beim „ganz normalen“ Mann ein Stück weit ähnlich? Und wie geht es ihm, also euch, damit, dass eure Gedanken so oft von einemn Hormon gelenkt werden? 



Die Jungsantwort von eric-mauerle:

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Ja, sowas! Wie du das beschreibst, klingt es ja, als hätte das T-Hormon in eurer Vorstellung in etwa die Bedrohlichkeit eines Monsters, des T-Rex aus Jurassic Park vielleicht, der uns durch die Gegend treibt und jagt von Anfang bis Ende und uns arme Würstchen in eine ständige Angst versetzt, dass gleich wieder die Geilheit einsetzen könnte und wir sabbernd, geifernd und spontanerigiert herumstehen. Einleitend muss ich deshalb erst mal ein bisschen Entwarnung geben. Das Testosteron und wir, wir kommen schon miteinander klar.  

Die Situation in der U-Bahn am Morgen zum Beispiel: Die gibt es, das will ich nicht leugnen. Wenn irgendwo ein schöner Hintern ist, schauen wir den an. Auch morgens, wenn wir müde sind, wahrscheinlich auch nach einem 18-Stunden-Lerntag oder einem Transatlantikflug mit fünf Stunden Verspätung. Das stört uns auch nicht, ein Hintern ist tausendmal besser als die Infotainment-Bildschirme in der U-Bahn. Allerdings sollten wir uns natürlich Mühe geben, das nicht so zu betreiben, dass sich jemand belästigt fühlt.  

Aber – und da hast du Recht mit deinen Vermutungen – würde ich nicht so weit gehen, zu behaupten, dass das Testosteron und wir so richtig gute Kumpels wären. Friedliche Koexistenz, so würde ich das vielleicht nennen.

Manchmal ist das Testosteron aber auch ein ganz schönes Arschloch. Nehmen wir doch mal das Surfen im Internet – schließlich sitze ich gerade vor dem Computer, während ich diese Antwort schreibe. Wenn ich jetzt zum Beispiel dem Prokrastinationsdrang nachgeben und meine Mails checken würde, würde mich auf der Startseite meines Mailanbieters mit ziemlicher Sicherheit irgendwo ein „sexy Single-Girl“ anblinken. Außerdem wäre unter Garantie irgendeine Geschichte angeteasert, die mit einer leicht bekleideten, wohlproportionierten Prominenten bebildert ist. Eigentlich interessieren mich diese Promimädchen null. Und trotzdem klicke ich immer wieder auf solche Angebote. Irgendwas in mir – womöglich ist es dieses Testosteron – erteilt den Klickbefehl, schreit lauthals „Oiidaaa, Titteeeen!“, noch bevor mein Gehirn meinem Finger übermitteln kann, dass das nur ein billiger Trick ist und der Artikel mit Sicherheit großer Schrott.  

In solchen Situationen erschrecken wir dann ein bisschen und ärgern uns. Wieder reingefallen, wieder verarscht. So fühlt sich das an. Und wir haben manchmal auch ein schlechtes Gewissen. Denn unser Klickverhalten, also unsere Unterlegenheit gegenüber dem Testosteron, sind ja auslösend dafür, dass so ein Schrott auf Startseiten steht. Sie sind der Grund für viel Schrott im Privatfernsehen. Sie sind der Grund dafür, dass Musiker Musikvideos machen, in denen halbnackte Frauen herumtanzen und -schmachten. Und vermutlich sind sie der Grund für viele andere Missstände auf diesem Planeten.  

Es gibt aber noch weitere Ebenen, auf der uns das Testosteron nervt. Man könnte sogar sagen, es macht uns manchmal Angst. Wir sind ja totale Fans von Treue, ewiger Liebe und Beziehungen, auch wenn manche Klischees das Gegenteil behaupten. Manchmal, wenn wir in so einer Beziehung sind, fragen wir uns dann, ob wir es immer schaffen werden, diesem blöden Trieb nie nachzugeben und immer treu zu bleiben. Ob wir uns nicht irgendwann mal alles versauen, weil der T-Rex lossprintet.  

Und was ist eigentlich, wenn wir älter werden? Das Testosteron wird dann immer noch da sein, wenn auch in geringerer Konzentration. Es wird uns also bestimmt immer noch anstupsen, wenn ihr mit euren Hintern in unserem Blickfeld auftaucht, ungeachtet dessen, ob wir dann 50 sind und ihr 22. Und eines wollen wir ja ganz bestimmt nie werden: ältere Männer, die jungen Frauen an Bars in den Ausschnitt schauen und anzügliche Bemerkungen machen.

Text: lisa-freudlsperger - Cover: cydonna / photocase.com