Jungs, warum dieser Ehrgeiz am Tischkicker?

Immer zum Wochenende: Jungs fragen Mädchen fragen Jungs, weil manches kapiert man einfach nicht bei denen.
anna-kistner
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Illustration: Julia Schubert



Gerade ist es wieder passiert. Zum bereits dritten Mal an diesem Tag. Einer von euch Jungs aus dem jetzt.de-Team ist von Bürotüre zu Bürotüre gelaufen bis er am Ende vier Kollegen zusammengetrommelt hatte. Zu viert seid ihr hinter der grauen Türe mit der unscheinbaren Aufschrift „Archiv“ verschwunden. Ihr habt gemeinsam diesen müffeligen und schummrigen, weil fensterlosen Raum betreten. Ihr wisst: da drinnen steht die Luft. Diese Tatsache hat euch trotzdem nicht davon abgehalten, die Türe der kleinen Kammer sofort wieder hinter euch zu schließen. Ihr wisst nämlich auch: da drinnen steht ein Tischkicker. Und deswegen wird es jetzt gleich sehr, sehr laut werden.  

Seit ein paar Minuten wabern mal wieder markerschütternde Schreie durch den Redaktionsflur. Euer Jaulen und Getöse lässt sich auch dann nicht überhören, wenn man die Türe zur eigenen Schreibstube für die Zeit des Tischkicker-Gemetzels geschlossen hält. Nicht, dass ihr mich falsch versteht: Ich möchte diesen Text nicht dazu nutzen, euch eine Entschuldigung für dieses tägliche Rumgelärme abzuschwätzen. Ich wundere mich bloß. Begegnet man euch in der Redaktionskonferenz, in der Kantine oder vorne am Kaffeeautomaten macht ihr immer einen recht zivilisierten Eindruck. Ihr wählt eure Worte mit Bedacht und Sinn für feine Ironie, ihr tragt geputzte und geschnürte Lederstiefel, zur Jeans ein Jacket. Eigentlich wirkt ihr wirklich nicht so, als würde irgend ein unbezähmbarer Bär in euch stecken, der drei Mal am Tag im Tischkicker-Raum aus euch rausbrechen muss. So klingt es aber immer.  

Man kann diese Verwandlung auch oft in Kneipen beobachten. Hoch konzentriert steht ihr da am Kickertisch, jubelt und stöhnt als ginge es um euer Leben. Und wehe, eines dieser Mädchen will mitspielen und lustig kichernd mit den Stangen kurbeln. Das haben wir schon verstanden, am Kicker geht’s ums Gewinnen. Da muss man alles geben. Alles muss raus. 

Wenn ihr euch im Büro ins Kicker-Kabuff zurück zieht klingt es von außen jedenfalls so, als würdet ihr euch für eine Viertelstunde in heißlaufende Männlichkeitsmaschinen verwandeln. Stimmt das? Könntet ihr uns kurz erklären, welche Kraft am Tischkicker die Kontrolle über euch übernimmt?  


Auf der nächsten Seite, die Jungsantwort - aus dem Kickerzimmer.



Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es noch bei Sat1 oder in der ARD war. Aber ich weiß noch, dass links neben seinem Schreibtisch eine Tischtennis-Platte stand. Harald Schmidt kramte einen Schläger hervor und spielte ein paar Bälle. Ich habe natürlich auch vergessen, ob er gegen Katrin Bauerfeind, Oliver Pocher oder Manuel Andrack antrat und auch warum man im Fernsehen überhaupt Pingpong spielen muss, ist mir entfallen. Der gesamte Speicherplatz für diese TV-Szene ist belegt von diesem einen Moment, den ich in HD-Qualität vor meinem inneren Auge abrufen kann. Schmidt, der souveräne Gastgeber einer Late-Night-Show, schlägt einen kleinen weißen Ball. Der landet im Netz oder neben der Platte (auch vergessen). KatrinManuelOliver jubelt und der plötzlich ehrlich verärgerte Herr im Anzug wirft seinen Schläger mit solcher Wucht auf den Boden, dass dieser auf dem Rand aufkommt und ungebremst zurückprallt. Super-Zeitlupe, HD, Vollbild: Wann immer ich nach Jungs gefragt werde, die übereifrig Sport machen, muss ich an diese Harald-Schmidt-Szene denken. 

Wenn die Archiv-Tür bei uns im Stockwerk ins Schloss fällt, muss man sich einen imaginären Harald Schmidt in diesem winzigen Raum vorstellen. Denn genau wie dieser damals für einen kleinen Moment vergaß, dass er in einem Fernsehstudio steht, blenden die Kickerspieler hinter der Tür für ein paar Minuten aus, dass sie eigentlich in der Arbeit sind. Sie wollen nun nur eins: gewinnen! Und diesem Wunsch muss man natürlich Ausdruck verleihen. Zunächst am Ball, da dort aber alle gleich gut (oder gleich schlecht) sind, sind psychologische und akustische Tricks unerlässlich. Heißt: Man muss brüllen!

Ich kann nicht beurteilen, ob ich im letzten Satz ein weiteres n hätte ergänzen müssen, ob das also eine typisch männliche Eigenschaft ist. Ich kann aber sagen, dass sie mir bei Jungs sehr häufig untergekommen ist: dass diese sich so in eine Sache verstricken, dass sie darüber vergessen, wo sie eigentlich sind und dass man dort normalerweise nicht so rumbrüllt. Sicher kennt ihr Mädchen diese selbstvergessenen Momente auch. Vielleicht sind sie bei euch nicht so laut, vielleicht weniger offensiv, aber ganz gewiss sind sie ähnlich reinigend. Sie lenken ab, machen den Kopf frei und steigern - wohdossiert - sogar die Produktivität. Deshalb muss ich mich jetzt entschuldigen: Ich habe heute noch gar nicht gekickert.

Dirk von Gehlen




Text: anna-kistner - Foto: afp

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