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Die Mädchenfrage

Liebe Jungs,

Ich gebe zu: Meine erste Trennung verbrachte ich verstärkt in der Nähe meiner Katze. Sie hatte, so ganz rational betrachtet, kurzfristig eine gewisse Mann-Ersatzfunktion: Eine Katze ist haarig, warm, liegt auf einem herum und macht laute Atemgeräusche. Alles Punkte, in denen ihr euch vielleicht wiedererkennt. Eigentlich ist die Katze aber ein Haustier, wie jedes andere auch. Trotzdem: Die Kombination Katze und Frau führt bei manchen Männern zum Einlegen des inneren Rückwärtsgangs.

Das ist nämlich so ein fieses Klischee, das man als katzenliebende Frau nicht ganz loswird: Frauen mit Katzen, oder auch "Cat Ladies", seien so ziemlich der polare Gegenpart zu "Cat Woman". Kein Latex, kein Lidstrich, kein Hüftschwung, sondern eher: Jogginghose, vom Weinen gerötete Augen, ein Pott Eiscreme auf dem Schoß und daneben ein Dutzend haarige Miezen. Das finde ich als Frau, die nicht nur Jogginghosen und Katzen, sondern auch einen Hüftschwung besitzt, ziemlich ärgerlich.

Wenn Männer Katzen haben, werden ihnen Fotoserien gewidmet - keine Spur vom Stigma der Altjungfer. Aber nur weil ein kleiner Teil der weiblichen Bevölkerung über 65 seinen Haushalt mit Katzen überbevölkert, wird der Katzenbesitz popkulturell mit weiblicher Vereinsamung gleichgestellt.

Dabei sind Katzen genau genommen als Partnerersatz sogar ziemlich ungeeignet: Sie verschwinden oft tagelang, kratzen viel und kacken tendenziell eher neben das Klo, als hinein. Außerdem: das Tier der ewigen Treue ist doch eher der Hund. Hundefrauen sind in Euren Köpfen aber die doch eher die Coolen, die langbeinig-gekonnt Frisbees und Stöckchen über die Wiese werfen und die vielleicht auch irgendwas super auf Ex kippen können. Gegen sie wirken Katzenfrauen: verzweifelt, vereinsamt, unsexy. Oder?

Erklärt uns das mal: Habt ihr wirklich Angst vor Katzenfrauen? Weht Euch mit dem Duft des Katzenklos auch automatisch ein Hauch von Verzweiflung entgegen? Oder stimmt das alles gar nicht und es ist euch in der Regel scheißegal, ob wir mit Riesenlabrador oder einer Armee an norwegischen Waldkatzen zusammenwohnen, solange wir neben euch einschlafen?

>>> Die Jungsantwort von jakob-biazza >>>


Liebe Mädchen,

in einer sehr fernen Zeit habe ich lange in einer Band gespielt. Und in der gab es für Live-Konzerten eigentlich nur zwei wirklich wichtige Regeln: 1) Halte den Keyboarder vom Wodka fern. 2) Wenn du nach der Show mit einem Mädchen sprichst, kläre so schnell, wie das eben geht ohne sonderbar zu wirken, ob sie eine Katze hat. Lautet die Antwort "ja", checke, ob nicht wenigstens im Fernsehen was läuft.

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Noch jemand da? Dann mit derselben Überzeugung nachgereicht: Musiker auf Tour degenerieren ohne jede Ausnahme zu präpubertären Arschlöchern. Und die Frau, die ich gut kenne, ist eine schwer bezaubernde Katzen-Närrin. Noch stemme ich mich trotzdem dagegen, dass so ein Viech in die Wohnung kommt. Aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre halte ich es aber für wenigstens fragwürdig, ausgerechnet diesen Kampf zu gewinnen.

So. Und nun der Versuch, aus diesem Start noch so etwas wie eine brauchbare Theorie zu drechseln. Was ich mit dem Einstieg nämlich schon sagen wollte: Ja, es gibt dieses Bild, das du beschreibst. Nicht ganz in echt natürlich. Wer ernsthaft sagt, dass Frauen mit Katzen alle verhärmte Jungfern sind, der glaubt wahrscheinlich auch, dass Schwarze alle Rhythmus im Blut haben. Aber mit dieser so schwer zu klärenden Mischung aus Ironie und Ernsthaftigkeit taucht es schon im Unterbewusstsein auf. Wenigsten bei mir. Und nach einer nicht repräsentativen Umfrage in meinem Umfeld auch bei anderen.

 Ich sage nicht, dass das gut ist oder richtig. Aber da ist es, das Bild.

Tiere sind für uns ein Luxusartikel - die erwirbt man, um etwas Fehlendes zu kompensieren


Über das Warum muss ich nun wild spekulieren und interpretieren – und dabei zunächst betonen, was für eine an sich widernatürliche Idee es für urbane Menschen ist, überhaupt ein Tier zu halten. Was, bitte, haben Hund, Katze, Meerschweinchen, Papagei, Kaninchen oder Zierfisch zwischen Stuck und Dielenboden verloren? Eben. Für den Großteil von uns ist ein Tier keine Notwendigkeit wie einstmals vielleicht ein Hofhund. Wenn man etwas aber eigentlich nicht braucht, ist es ein Konsum- oder Luxusartikel. Man erwirbt die, um etwas zu kompensieren oder dem Leben etwas hinzuzufügen, das vermeintlich fehlt. "Wer ein Tier hat, egal welches, sucht eine Nähe, die sonst fehlt", hat der Kollege mir vorhin herübergerufen. Kluger Mann, würde ich sagen.

Du bist also entweder selbst die Katze (selbstbestimmt, eigenständig, blabla) oder du legst dir eben eine zu – hätte ich daraus beinahe gefolgert. Aber das mit dem Kompensieren mittels Tier, das ist natürlich eigentlich ein Unisex-Ding. Und: Es ist meiner Meinung nach bei allen Tieren derselbe Mechanismus. Warum die Katze da jetzt mit mehr Symbolik aufgeladen ist als andere Tiere, weiß ich einfach nicht. Vielleicht, weil sie von Haus aus mit mehr weiblichen Attributen besetzt ist? Mit weniger als laienhaftem Mythologiewissen würde ich mal behaupten, dass Forscher ja zum Beispiel auch immer noch nicht sagen können, warum Bastet, die Tochter des Sonnengottes Re, ausgerechnet als Katzengöttin dargestellt wird. Wäre also viel Anspruch, das jetzt hier hinzubekommen.

Was ich aber zu deiner letzten Frage sagen kann: Nein, es ist uns in der Regel nicht scheißegal, ob ihr "mit Riesenlabrador oder einer Armee an norwegischen Waldkatzen" zusammenwohnt. Da geht es aber hauptsächlich um die Quantität. Wenn ich auch nur ein winziges Bisschen recht habe mit meiner Theorie, will ich nämlich lieber nicht wissen, was man mit einer solchen Armee alles kompensiert.

Text: valerie-dewitt - Illustration: dirk-schmidt