Jungs, warum habt ihr kein Gefühl für Farben?

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Die Mädchenfrage:
Wenn man im online-Shop einen Pullover bestellt, muss man oft nicht nur die Größe auswählen, sondern auch die Farbe. Da hat man dann die Auswahl zwischen schwarz und weiß, aber auch zwischen Ecru, Petrol, Mahagoni und Camel. Wir haben in all den Jahren, seit unser Kleiderschrank nicht mehr durch Muttis Einkäufe und Tante Doras Geburtstagsgeschenke befüllt wird, gelernt, damit umzugehen und die unterschiedlichsten Farbtöne auseinanderzuhalten. Beizeiten geraten Farben dabei sogar zu einer Art Wissenschaft: Da wird ausgetüftelt, welcher Farbtyp man ist, ob Sommer oder Winter, ob man eher Pastell oder eher knallige Töne am Leib haben will oder sollte, was man besonders gut kombinieren kann und nicht zuletzt, was man diese Saison eigentlich so trägt. Wir finden Farben irgendwie gut, es ist ja auch schön, dass es sie gibt, je mehr, desto bunter und schöner die Welt, drum wollen wir nicht nur Rot, wir wollen Weinrot, Scharlachrot und Braunrot und was es da sonst noch an Abstufungen gibt, wir wollen eine immer noch größere Palette mit den wildesten Namen!

Aber ihr, liebe Jungs, scheint da so ein bisschen emotionslos zu sein. Welche Farben euch gut stehen, das wisst ihr meistens nicht, und die Palette in eurem Kopf für die farbliche Beschreibung dessen, was ihr sehr, enthält Rot, Grün, Gelb, Blau, Weiß, Schwarz, Braun und eventuell noch Beige. Wenn ihr jetzt durch den Herbstwald geht, sind dann wirklich alle Blätter rot und braun, seht ihr nicht die Nuancen? Und wieso interessieren euch Farben eigentlich so wenig? Warum habt ihr einfach kein Gefühl dafür, versteht sie nicht und haltet sie sowieso und überhaupt für total unwichtig?


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Illustration: Julia Schubert


Die Jungsantwort:
Ich trage heute eine graue Hose und ein graues T-Shirt. Ich finde nicht, dass die beiden Kleidungsstücke dieselbe Farbe haben, das T-Shirt ist etwas heller, und nicht ganz einfarbig, das Grau besteht eher aus unterschiedlich hellen Tönen. Meliert nennt man das, hat mir Google eben verraten.

Diese Beschreibung meiner Kleidung zeigt schon: Zumindest bei mir trifft deine Vermutung einigermaßen zu, dass Jungs es mit der Farbenkenntnis nicht so haben. Wenn ihr eine Farbe mit dem Begriff Mahagoni beschreibt, weiß ich natürlich, dass damit ein Braunton gemeint ist. Aber ich könnte niemals sagen, ob es sich um einen hellen oder einen dunklen handelt.

Dass wir mit Farbnuancen so wenig anfangen können, hat damit zu tun, dass sie eigentlich zu keiner Zeit unseres Jungsdaseins eine sonderlich große Rolle spielen. Das fängt schon bei der Haarfarbe an: Während ihr Stunden überlegt, ob man das, was ihr farblich auf dem Kopf tragt, eher dunkelblond, straßenköterblond oder hellbraun nennen sollte, und eure Haare mehrmals in eurem Leben tönt und färbt, haben wir uns als kleine Jungs irgendwann sagen lassen, unsere Haare seien braun. Dabei sind wir geblieben. Wenn wir in der Grundschule Fan einer Fußballmannschaft werden, sind das – zumindest in München – entweder die Roten oder die Blauen. Sollten die Roten mal gegen die ebenfalls rot gekleidete Mannschaft aus Kaiserslautern spielen, ziehen sie eben weiße Trikots an. Klare Fronten, klare Farben – dieses Konzept prägt das Weltbild eines jeden Fußballjungen, und auch im restlichen Lauf unseres Erwachsenwerdens herrscht viel mehr farbliche Eintönigkeit als in eurem Puppen-, Bastel-, Shopping-Kunterbunt. Wenn wir von unserem ersten Sportwagen träumen, ist das ein Ferrari, und den gibt es ja quasi nur in Rot. Wenn wir uns den ersten Anzug kaufen müssen, ist der höchstwahrscheinlich schwarz, damit wir ihn bei allen erdenklichen Anlässen tragen können. Das Hemd dazu muss weiß sein, eh klar.

Das soll jetzt keine Klage sein. Eigentlich schätzen wir diese Einfachheit. Wir sehen keine Notwendigkeit, Nuancen zu kennen, weil wir mit den Grundfarben aus dem Farbkreis in der fünften Klasse ganz gut durchs Leben kommen. Und zur Not behelfen wir uns eben mit Beschreibungen wie hell- und dunkelgrau.

So, und zum Schluss noch ein Verweis auf die Wissenschaft. Die sagt nämlich, dass unter Umständen unser einsames X-Chromosom für unsere Farbprobleme verantwortlich sein könnte. Auf diesem Chromosom liegt nämlich das Gen, das die Informationen für den roten Sehfarbstoff enthält. Wir haben dieses Gen also nur einmal, während ihr zwei davon mit euch herum tragt. Die Forscher haben herausgefunden, dass sich diese zwei Gene recht häufig voneinander unterscheiden, ihr deshalb einen größeren Pool an Sehpigmenten habt und ein breiteres Farbspektrum im Rot-Orange-Bereich wahrnehmen und unterscheiden könnt. Insofern könnte es tatsächlich sein, dass der Herbstwald nur für uns nur rot, gelb und braun ist.

christian-helten

Text: nadja-schlueter - Cover: petfed / photocase.com

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