Jungs, warum immer der nackte Oberkörper?

Immer zum Wochenende: Jungs fragen Mädchen fragen Jungs. Weil manches kapiert man einfach nicht bei denen. Heute: Nackte Tatsachen im nicht-sexuellen Kontext.
merle-kolber



In den vergangenen Wochen hatte ich zum ersten Mal seit langem einen männlichen Zwischenmieter. Zwar war Alex beim Casting sehr nett, gleichzeitig sah ich der Zeit mit ihm aber auch ein wenig sorgenvoll entgegen. Schließlich bedeutet ein neuer Mensch in der Wohnung, insbesondere wenn es ein Mann ist, dass man einen Unbekannten in seine Privatsphäre eindringen lässt.  

Mit Alex’ Einzug in meine Wohnung fing ich also an, mir bestimmte Gewohnheiten zu verkneifen. Mit der Vormieterin hatte ich stets zusammen gewaschen, bei Alex erschien es mir seltsam, ihn meine nasse Unterwäsche aus der Maschine klauben zu lassen. Ich rannte auch nicht mehr nur mit einem Handtuch bekleidet ins Bad – irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich mit ihm nicht direkt halbnackt auf dem Gang zusammentreffen sollte.  

Alex sah das anders.  

Bereits am zweiten Tag, ich kam gerade von der Arbeit nach Hause, begrüßte mich Alex fröhlich in Anzughose. Nur in Anzughose. Von da an konnte ich genau sagen, was für Unterwäsche er trug, ohne sie je gewaschen zu haben - die Boxershorts lugte ja über dem Hosenbund hervor. Kurz war ich irritiert, dachte dann aber „Vermutlich muss er gleich los und musste sich schnell aus dem Anzug schälen.“ Nichts da. Mit nacktem Oberkörper folgte Alex mir in die Küche, brutzelte ein Tiefkühlschnitzel und erzählte mir dabei seine ersten Eindrücke von der neuen Stadt. Dass er halbnackt war, schien er gar nicht weiter wahrzunehmen. Ich war verwirrt, schob es schließlich aber auf den heißen Tag.  

Die folgenden Wochen wurde mir allerdings klar, dass man den Sommer nicht für alles verantwortlich machen kann. Alex war immer halbnackt. Beim Schlafen, beim Frühstück, beim Staubsaugen. Und dabei überraschend asexuell. Hatte ich in einem Anfall von Größenwahn noch gedacht, er wolle mich vielleicht mit der Nummer beeindrucken, war irgendwann klar, dass er die eigene Nacktheit wirklich nicht wahr nimmt.  

Irgendwann erzählte ich einer Freundin von meinem Nackidei-Nachbarn, überraschenderweise kannte sie die Situation selbst zu gut: Die Freunde ihrer kleinen Schwestern würden auch immer mit nacktem Oberkörper beim Frühstück sitzen, selbst, wenn die potenzielle Schwiegermutter dabei wäre. Sie selbst und ihre Mutter fänden das irritierend, sonst aber keiner. Sie vermutete, das wäre ein Zeichen spätpubertäter Coolness und würde sich auswachsen.  

Nun ist mein Zwischenmieter aber bereits 25. Also frage ich mich: Hat meine Freundin recht und es wächst sich bei ihm nur sehr spät aus? Oder steht diese ganze Oberkörperfrei-Sache für etwas anderes – nämlich dafür, dass ihr gar nicht wisst, dass so ein Oberkörper für Frauen auch etwas attraktives ist. Nehmt ihr ihn vielleicht eher wie eure, sagen wir mal, Unterschenkel wahr? Oder, und ich hoffe ihr weist das entrüstet zurück, ist der nackte Oberkörper eben doch ein Balzsignal und ich check’s nur nicht? Also liebe Jungs – Bauch rein und, äh, Brust und Antwort raus!

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Die Jungsantwort 

Es ist Sommer, das Thermometer zeigt 23 Grad. Säße ich beim Niederschreiben dieser Antwort zu Hause und nicht in einem Büro, an dem theoretisch jederzeit ein SZ-Chefredakteur vorbeilaufen könnte, trüge ich mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit kein T-Shirt. Würde ich als Zwischenmieter in einer Mädchen-WG in die Küche gehen, um mir ein Tiefkühlschnitzel zu braten (sofern ich Tiefkühlschnitzel briete), wahrscheinlich auch nicht. Beim Frühstück in Anwesenheit einer potenziellen Schwiegermutter: T-Shirt! Aber so was von!

Anhand dieser Beispiele erahnt ihr vielleicht schon: Unser nackter Oberkörper hat was mit Sich-Zu-Hause-Fühlen zu tun. Mit Freiheit, mit Zwanglosigkeit, mit „Hier kann ich tun und lassen, was ich will.“ Es verhält sich damit ähnlich wie mit all diesen kleinen, aber befreienden Handlungen, zu denen Menschen neigen, wenn sie in den Feierabend- oder Freizeitmodus wechseln: Haargummi lösen, Schuhe ausziehen, in die Jogginghose steigen. Je informeller und zwangloser die Umgebung, desto eher laufen Menschen barfuß herum – und desto eher liegt bei uns das T-Shirt in der Ecke (vorausgesetzt natürlich, die Temperatur stimmt). Dann kann der Luftzug des geöffneten Fensters uns über die Schultern streichen oder uns kühlen, wenn wir grade einen Kasten Spezi in den dritten Stock getragen haben. Wir fangen tendenziell ja schneller und ausgiebiger an zu schwitzen als ihr, da fühlt sich ein bisschen wehende Luft oft schon an wie die Vorstufe zum Köpfer in den Badesee.  

Die Oberkörpernacktheit ist also ein gezielter sommerlicher Entspannungs-Move. Was natürlich heißt, dass uns schon bewusst ist, dass eine nackte Jungsbrust nicht in jeder Situation passend ist. Die Frage ist also nicht, wie wir unseren Oberkörper sehen. Die Frage ist, wie wir die Situation beurteilen. Dein Mitbewohner fühlte sich bei dir wahrscheinlich schnell willkommen und heimisch. Und die Freunde der kleinen Schwester haben vor deren Mutter wohl einfach wesentlich weniger Respekt als ich vor dem SZ-Chefredakteur.  

Das bedeutet aber nicht, dass wir unseren Oberkörper niemals als Ausdrucksmittel in Sachen Balz benutzen. Ihr habt zu oft den Surferdudes am Strand hinterher geschaut und ein Schmacht-Augenrollen vorgeführt, wenn jemand die Wortpaare Brad Pitt und Fight Club in einem Satz benutzt hat, als dass wir nicht wüssten, dass ein männlicher Oberkörper im Gegensatz zu einem männlichen Unterschenkel euer Interesse wecken und Eindruck machen kann. Deshalb haben wir Hanteln unter dem Bett liegen und nehmen uns immer wieder vor, regelmäßig Sit-ups zu machen. Und je nach Beschaffenheit unserer Bauch-, Brust-, Rücken- und Schultermuskulatur – beziehungsweise ihres Selbstwertgefühls diesbezüglich – setzen wir unseren nackten Oberkörper auch bewusst als Balzmittel ein. Meistens ist das aber recht leicht zu entlarven: ein etwas zu verkrampftes Baucheinziehen hier, ein Muskeln-Anspannen mit Blick in das spiegelnde Fenster da.

Wenn dein Mitbewohner also mal wieder staubsaugt, achte doch mal drauf, wie er sich verhält, wenn er am Spiegel im Flur vorbei muss.

Text: merle-kolber - Foto: _gleb_pokrov/photocase.com