Die Mädchenfrage

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Urlaub. Endlich Ruhe, endlich Zeit, endlich Nichtstun. Und vor allem endlich Sonne, Strand und Meer. Und zwar nichts anderes. Keine Besichtigungen von eiskalten, düsteren Kirchen oder völlig überhitzten, bröckelnden Ruinen, geschweige denn von mediterranen Städtchen mit Touristenabfüll- und -ausnehmstationen. Mein Traumurlaub sieht folgendermaßen aus: Lange schlafen, schnell frühstücken und dann sofort ab an den Strand. Dort kann ich problemlos drei Wochen am Stück verbringen, ohne mich vom Fleck zu rühren und mich auch nur eine Sekunde zu langweilen. Ich liebe es, mein Badetuch mit Steinen zu beschweren, damit es nicht weggeweht wird, Romane, Wasserflaschen, Obst und Sonnenmilch um mich herum in Reichweite zu stapeln und meinen Kopf auf einen der Schmöker abzulegen, damit das Lesen des anderen leichter fällt. Außer ab und zu mal mehr in den Schatten zu rutschen, mich mit Sonnencreme einzuschmieren, zum Abkühlen ins Meer zu hüpfen oder mal ein eis zu kaufen, beschränkt sich mein Bewegungspensum in diesen Wochen darauf, etwa alle 30 Minuten die Liegeposition verändern, damit auch jede Körperseite gleichmäßig gebräunt wird. Wichtig ist dabei, dass zwar möglichst wenig weiße Hautstreifen zurückbleiben, dass man aber mindestens eine Vergleichshautstelle hat, um den Bräunungsfortschritt feststellen zu können. Ich würde dabei allerdings nie soweit gehen, meine Arme lang über den Kopf zu strecken oder das Kinn krampfhaft in die Höhe zu recken, damit auch meine Achseln beziehungsweise die Kinnfalte braun werden. Das ist mir zu affig. Aber in der Sonne am Strand liegen und vor mich hin zu brutzeln, das ist für mich der Himmel auf Erden und Entspannung pur, wäre da nicht mein männlicher Begleiter, der alle paar Minuten etwas Neues entdeckt, das ihm nicht passt: Mal will er den lästigen Sand wahlweise von seinem Badetuch, aus den Ohren oder zwischen den Zehen loswerden, mal stellt er fest, dass er im Liegen nicht lesen kann, außerdem ist das Buch, das er sich mitgenommen hat, doch nicht so toll, wie anfangs gedacht, so dass er sowieso keine Lust zum Lesen hat, mal hat er Hunger, mal Rückenschmerzen vom Liegen und zu heiß ist es sowieso. Da er die Bucht schon dreimal durchschwommen hat und ich mich weigere, Frisbee, Beachvolleyball oder –tennis zu spielen und mich auch nicht in den überhitzten Mietwagen setze, um die Insel, den Ferienort oder was weiß ich was zu erkunden, geht er irgendwann wieder zurück ins Hotel/Appartement/Ferienhaus, sitzt dort auf dem Balkon und liest oder legt sich ins Bett und schläft, bis ich am frühen Abend glücklich und erschöpft vom Nichtstun wieder vom Strand zurückkomme. So geht das drei Wochen lang und jeden Urlaubstag frage ich mich aufs Neue, warum könnt ihr eigentlich nicht am Strand liegen und Fünfe gerade sein lassen, Jungs?


die Jungsantwort

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Neulich habe ich gelesen, dass ein Drittel aller Scheidungen direkt nach dem gemeinsamen Urlaub eingereicht wurden. Das erscheint mir plausibel, angesichts der von dir anschaulich geschilderten Mutation eines tollen Vernunftwesens in ein völlig lethargisches Stück Dörrfleisch. Ich habe Urlaub am Strand nie verstanden und benehme mich dort deswegen genau wie dein Freund, wenn ich nicht zufällig gnadenvoll entschlafe. Ich lese auch gerne, aber lieber auf einem schattigen Bett oder in einem guten Stuhl am Balkon. Am Strand kann ich nicht bequem liegen, es brennt und juckt, ich kriege Kopfweh und einen Sonnenbrand an den Ohren, es klebt und bröselt und alle zwanzig Sekunden stolzieren irgendwelche Biniki-Hinterteile oder Bademeister-Waden vorbei - die und noch tausend andere Sachen gehen mir unheimlich auf den Keks. Klar ist braun werden hübsch, aber Jungs können das nicht so “erarbeiten“ - mit Umdrehen und regelmäßig einschmieren, das will irgendwie nicht zu den BMX-Kerlen passen, die wir noch hinten in der Verhaltenshirnhälfte geparkt haben. Und die eben im Urlaub, fernab von Ernährungs-, Alpha-, Coolnesspflichten, besonders stark zu Tage treten. Früher war es ja so: Spielen, spielen, spielen, hinfallen, spielen, Pommes essen, schlafen. Und irgendwann dazwischen kurz, hängt man mal unwillig an Mamas starker Hand und lässt sich – Hell in Hell! – eincremen. Das Schlimmste auf der Welt: komisch erwachsen riechendes Batzzeug, verteilt von Mamas blöden Frau-Fingern. Braun waren wir am Ende eines Sommers wie kleine Terrakotta-Figuren, ohne dass wir auch nur ein einziges Mal dran gedacht haben – wir wurden es einfach, beim Sandburgen bauen und auf Kletterbäumen. Warum also, sollte es plötzlich richtig sein, drei Wochen lang den ganzen teuren Urlaubstag das zu tun, was man ohnehin jeden Abend macht, nämlich im Warmen liegen, um das zu werden, was man ohnehin wird – braun? Warum nicht lieber segeln, vom Felsen hüpfen, Sand auftürmen und Wettrennen machen? Wir haben Muskeln, wir haben Knie! Warum sollen wir uns still mit uns selbst beschäftigen, das war schon im Kindergarten immer die größte Qual und im Büro oder der Uni-Bibliothek ist es auch nicht viel besser. Urlaub, Alte! Da kann man zur Not auch so Schuhe mit Sprungfedern drunter anziehen oder sich gegenseitig eine Plastikscheibe an den Kopf knallen, Hauptsache, der Körper darf mal was anderes tun. Deswegen bleiben wir nur zehn Minuten zum Trocknen und finden euch übrigens dabei fremd und komisch tussig: Wie ihr da liegt, mit eurem blöden Mankell und dabei bestimmt über Schwangerschaftsstreifen und Gucci-Sonnenbrillen nachdenkt, ja, sorry, aber so sehen diese Bräunungsnixen aus, allesamt unsympathisch. Wir dafür genießen sehr den Moment, an dem wir abends feststellen, dass wir genauso braun sind wie ihr und uns dabei kein bisschen gelangweilt haben.