Jungs, warum macht ihr euch kein Pausenbrot?

Wie kommt ihr ohne Proviant durch den Tag?
Von Eva Hoffmann und Jakob Biazza

Hauptsache: Reset - Geschichten übers Neuanfangen. Hier findest du alle Texte aus unserem Schwerpunkt-Thema.

Illustration: Katharina Bitzl

Die Mädchenfrage:

Liebe Jungs,

Mathieu wird später mal reich und berühmt. Anne ist am coolsten angezogen. Tim ist der witzigste Typ der Schule. Für unser Abi-Jahrbuch wurde jedes Jahr eine aufwendige Umfrage betrieben, um die post-pubertäre Hackordnung klarzustellen. Traurig aber wahr: Die einzige Kategorie, in der ich jemals gewonnen hab, hieß „bestes Pausenbrot.“ Nichts, worauf man mit siebzehn besonders stolz sein kann. Aber mein Talent hat sich gehalten. Noch heute erwische ich meine Kollegen dabei, wie sie neidisch auf mein Ciabatta-Rucola-Parmesan Sandwich starren.

Besonders die Jungs. Die haben nämlich nie so ein selbstbelegtes Turbo-Brot dabei. Dabei gibt es doch nichts, was einen besser durch den harten Vormittag bringt, als die Aussicht auf ein krasses Pausenbrot oder die fette Lasagne vom Vortag. Ich weiß, dass ihr abends auch kocht und vor allem auch gerne esst, warum ist die Mittagspause dann so ein blinder Fleck? Schlaft ihr wirklich morgens lieber fünf Minuten länger, um dann noch hektisch ein liebloses Aufback-Croissant beim U-Bahn Bäcker zu kaufen, das ihr zum Automatenkaffee in der Mittagspause verschlingt? Das kann doch keinen Spaß machen. Und auf Dauer geht es auch ins Geld, oder?

 

Vielleicht ist es ja eine Stilfrage: Zugegeben, die Tupper-Dose mit dem vorgekochten Essen aus der Tasche zu holen, hat etwas sehr Schwabenmuttihaftes (ich darf das sagen, meine Mutter ist Schwäbin!). Nachdem das Essen auf dem Weg zur Arbeit schon ordentlich durchgeschüttelt wurde, sieht es meistens auch nicht mehr besonders ästhetisch aus. Aber die ganze Prozedur mit auspacken, Mikrowelle anschmeißen und sich dann auf das Essen freuen, triggert bei mir sofort ein Gefühl von echter Pause.

 

Meine Kollegen treffe ich an dieser Mikrowelle so gut wie nie. Die krümeln lieber vor ihren Computern die mitgebrachten Teigwaren in sich rein und betonen, wie stressig der Tag ist und dass sie sich „keine richtige Pause“ leisten können. Dabei hängen sie mindestens genauso lange in ihren Drehstühlen ab wie ich und müssen später noch mal runter zum Automaten, weil sie schon wieder Hunger haben. Gemeiner Vorwurf, aber vielleicht blockiert ihr euch ja auch untereinander, weil „Pause machen“ an sich schon ein Zeichen von Schwäche ist. An manchen Arbeitsplätzen kommt zu viel Müßiggang vielleicht nicht so gut.

 

Ich hab da die Erfahrung gemacht: einfach machen. Wer einmal im Büro eine Tuppa-Dose ausgepackt hat, hat nichts mehr zu verlieren. Insgeheim wünscht ihr euch vielleicht auch diese Brotkultur zurück, die ein bisschen nach Schulhofhierarchie und Abi-Jahrbuch schmeckt, aber eben geil ist. Und wenn tatsächlich der Gruppenzwang Schuld ist, dann dürft ihr sicher mal von unserer nächsten Stulle abbeißen, wenn ihr nett fragt. Eure Mädchen

 

 

Die Jungsantwort von Jakob Biazza:

 

 

Liebe Mädchen,

 

jetzt mal mit Verlaub: „auspacken, Mikrowelle anschmeißen und sich dann auf das Essen freuen“, „Turbo-Brot“, in einer „Tupper-Dose“ – da höre ich doch die Rohkostmöhrchen-Schnitzchen schon knacken, und auch dieses blassgrüne Zeug, weiß nicht wie das heißt, Staudensellerie oder so. Und ich sehe die Trekkingsandalen, den Multifunktionsrucksack und dieses Clipband, mit dem man das Hosenbein zusammenbindet, damit es an der Fahrradkette nicht schmutzig wird.

 

Ja, was meint ihr denn?! Natürlich ist das eine Stilfrage! Und was für eine! Menschen, die Essen in Plastikbehältern aus dem Haus tragen, die haben auch eine zweite, extradünne aber dafür extrawinddichte Fleecemütze für unterm Fahrradhelm dabei. Und wahrscheinlich auch Reservesocken und -unterwäsche, Erste-Hilfe-Set, Notfall-Shaving-Kit für ungeplante Übernachtungen (die es nie gibt) und diese goldene Rettungswärmefolie, falls man irgendwo biwaken muss. Es umweht sie eine Aura absoluter, akribischer Vorbereitung auf alle Eventualitäten. Und das wirkt auf eine gewisse Streberart halt immer etwas lebensverspannt. Zumindest auf mich. Glaube aber, dass ich da für viele spreche.  

 

Weil Freiheit – im Sinne von Ungebundenheit – definiert sich für viele ja immer noch als „bar jeden Ballastes“. Das Überflüssige erkennen und weglassen. Durchs Leben Reisen mit leichtem Gepäck und so. Oder besser noch: ohne jedes Gepäck. Man isst, was man auf dem Weg pflückt. Oder jagt. Man schläft, wo das Haupt eben ein Kissen findet. Oder einen bequemen Stein.

 

KEIN Pausenbrot in einer Tupper-Box in die Arbeit zu tragen, ist die maximal-bürgerliche-Wurst-Variante davon. Der letzte peinliche Versuch, sich die eigene Gebundenheit schönzulügen. Das Leben ist noch nicht vorbei, ist noch nicht ganz Volvo-Kombi-Rohkost-Mümmeln, solange ich mir, wann ich will, eine radioaktiv verseuchte Bifi-Roll aus dem Automaten ziehen kann. Und ein Tender! Ein im Grunde lächerlicher Vorgang natürlich. Aber einen Rest Stolz braucht es halt. Irgendwo. Und ich vermute mal, wir sind für diese Form von Stolz und Lüge noch eine Nuance anfälliger als ihr. Könnte mir aber vorstellen, dass wir da irgendwann aufschließen.

 

Weil, wenn wir mal ehrlich sind, dieses Ciabatta-Rucola-Parmesan-Turbo-Brot, das ihr da gerade aus eurer total praktisch geruchsdichten Box rausschüttelt, das sieht schon verdammt lecker aus. (Geht sich da ein Bissen? Ein kleiner?). Bin nur gespannt, wie ihr uns findet, wenn wir dann auch das zu Hause vorportionierte Obst im Tupper rumtragen. Weil: Cowboy stelle ich mir schon anders vor. Aber das fragen wir, wenn’s so weit ist.