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Liebe Jungs,

dass ihr euch für scharfe Sachen interessiert, ist eh klar. Richtig scharf findet ihr aber auch alles mit Klinge: Samurai-Schwerter, Filiermesser, Dolche – und das gute, alte Schweizer Taschenmesser. Liegen mindestens drei davon in einem Schaufenster, könnt ihr einfach nicht daran vorbeigehen. Messer scheinen euch geradezu magisch anzuziehen. Vielleicht klappt es ja, wenn ihr frisch verliebt seid und vollauf damit beschäftigt, der Person zu imponieren, die gerade in eurem Arm hängt: Ein sehnsuchtsvoller Blick zu den Messern, ein weiterer zu dem / der Geliebten, ein kurzes Abwägen, und weiter.

So viel Glück hatte ich leider noch nie. Um die Frage vorweg zu nehmen: ja, ich bin auf Mitleid aus. Und dass ihr beim nächsten Mal ganz schnell an den Teilen vorbeigeht. Die sind nämlich lang-wei-lig. Während ihr entzückt vor der Vitrine steht und glasige Augen bekommt beim Anblick von japanischen Santoku Bochos und französischen Laguiole-Klingen, finden wir die Dinger öde. Öde, öde, öde. Wirklich. Wir geben uns ja Mühe – aber wir sehen beim besten Willen nicht ein, was an einem Schneidewerkzeug derart toll sein soll. Es sei denn, man sucht gerade verzweifelt nach einem Werkzeug, mit dem man, sagen wir, ein Stück Fleisch zerteilen oder eine Pizza vierteln kann. Und selbst da tut es eine Schere. Sie tut es sogar besser!

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Also sagt doch mal: Was ist dran an den Messern? Was seht ihr in ihnen? Denn ihr werdet doch jetzt nicht alle plötzlich aufbrechen, euch mit Tropen-Hut und extralangem Buschmesser durch den Regenwald schlagen und dabei alle im Weg stehenden und wuchernden Pflanzen in Kleinholz verwandeln. 95 Prozent von euch werden sogar niemals, wirklich nie (Achtung: Spoiler!) in ihrem Leben einen Survival-Trip unternehmen – bei dem ein multifunktionales Schweizer Taschenmesser zugegebenermaßen ziemlich praktisch wäre. Und dass demnächst die Zombie-Apokalypse über uns hereinbricht, ist auch eher unrealistisch. Aber das nur am Rande.

Versteht mich nicht falsch – auch mit mir geht manchmal die Fantasie durch. Allerdings sehe ich mich in diesen Momenten nicht Angesicht in Angesicht mit einem nordamerikanischen Grizzly-Bären, dem ich in allerletzter Sekunde das Bowie-Knife ins Herz ramme, um ihn abends am Lagerfeuer fachmännisch zu zerlegen – und das, obwohl ich Karl-May-Bücher als Elfjährige verschlungen habe.

Aber bei euch geht’s ja nicht nur um die Befriedigung irgendwelcher Urinstinkte – wenn ich mit meiner Vermutung richtig liege. Ihr schwärmt von einem einigermaßen scharfen Küchenmesser genauso wie vom armlangen Breitschwert. Will man das Ding in die Spülmaschine stecken, bekommt ihr gleich Schnappatmung: „Doch nicht in die Spülmaschine!!!“ Mit einem dermaßen empört-geschockten Gesichtsausdruck, als hätten wir soeben eure Fußball-Glücksbringer-Unterhose in der Mülltonne versenkt. Ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken.

Und da fragen wir uns natürlich: Wo führt das hin? Beziehungsweise: Wo hört das auf? Ist so etwas wie ein Brieföffner oder ein Ananasschneider für euch genauso super wie ein Filiermesser? Oder sind das ganz andere Kategorien? Und was ist jetzt eigentlich so toll an den Teilen? Erklärt uns das mal bitte.

>>>Auf der nächsten Seite die Jungsantwort von jakob-biazza<<<



Liebe Mädchen,

Einspruch beim Schwertgedöns. Dolche, Bowiemesser und diesen Samurai-Kram finden nur Zwölfjährige gut, die gerade Michael Dudikoff als Ninja in „American Fighter II“ gesehen haben – die dann aber sehr. Und Menschen vielleicht, bei denen das noch in irgendeiner Form nachhallt. In meinem Klischeebild haben die auch Kettenhemden, lesen Wolfgang Hohlbein und fahren zu Life-Rollenspielen. Völlig legitim natürlich. Aber ästhetisch doch was ganz anderes.

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Tatsächlich, das aber eher als Randaspekt, würde ich sogar behaupten, die Entscheidung für ein bestimmtes Messer (und ein Messer überhaupt) sagt mindestens so viel über Menschen aus wie die Musik, die sie hören. Oder ihr Lieblingsdrink. Nehmt nur mal Butterflys oder Springmesser – ganz andere Welt als ein Leatherman.

Wir sind bei Messern also, und das macht die Antwort so schwierig, mit mindestens einem Bein im Bereich Ästhetik und Schönheit. Platon und Kant haben sich mit diesen Themen sehr intensiv auseinandergesetzt ohne ganz weit zu kommen. Und die sind viel klüger als wir. Messer sind also schön. Ganz subjektiv – aber damit mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit (Kant). Die wichtigere Frage wäre also eigentlich: Warum, findet ihr sie nicht schön?!

Aber die bringt uns nicht weiter. Schon klar. Ich gehe jetzt also mal von mir aus – und hangle mich von dort im Ausschlussprinzip weiter, in Ordnung? Bei mir sind es gerade Opinel und Laguiole – diese bisschen manirierten Französischen. Mit Korkenzieher.

Dinge, die man damit tun kann:
Wurst aufschneiden Käse aufschneiden Brot aufschneiden Weinflaschen öffnen Bären bekämpfen (sehr eingeschränkt)
Gelegenheiten pro Jahr, an denen das außerhalb der Küche passiert: maximal (!) zehn.

Mit Bär: 0

Tage im Jahr, an denen ich eins dabei habe: 365. Und zwar mit Wonne.

Will sagen: Ich brauche das Messer eigentlich nicht. Also muss es eine emotionale Komponente geben, warum ich es trotzdem so gerne dabei habe. Warum ich es schön finde. Und jetzt tauchen wir leider tief ins Archaische. Ich fürchte, das lässt sich diesmal nicht vermeiden.

Achtung: Messer transportieren (abseits der Küche) Eigenschaften und Einsatzmöglichkeiten, die wir aktiv zwar eigentlich nicht nutzen, die dem Messer aber trotzdem anhaften. Die Situationen, in denen sie – meistens sehr theoretisch, aber immerhin – nützlich sein KÖNNTEN, schwingen implizit mit. Und reichen eben von Wurstschneiden über Speerschnitzen bis zu Bärenkampf und Zombie-Apokalypse. Sie geben uns das Gefühl, wenigstens auf ein paar zusätzliche Eventualitäten in dieser unerträglich komplexen Welt vorbereitet zu sein. Auch, wenn das rational betrachtet fast immer kompletter Unfug ist.

Und ja: Da schwingt Ernährer und Beschützer mit. Was auch erklärt, warum oft nicht mehr ganz klar ist, ob es noch um Messer oder schon um Penisse geht, wenn über das Thema geschrieben wird. So wie hier: „Und wenn sich einmal eine Situation ergibt, in der das gute Stück hervorgeholt und fachgerecht angewendet werden kann, ist die Freude groß, vor allem, wenn weibliches Publikum anwesend ist.“

So. Und jetzt kommt die gute Freundin J. ins Spiel. Die hat auch ein Laguiole-Messer. Hatte sie schon vor mir. Hat sie auch immer dabei. Hat damit mal an der Isar Wurst für die Runde geschnitten. Und Brot und Käse. Und dann hat sie Wein geöffnet. Bären kamen keine vorbei. Zombies auch nicht. War trotzdem beeindruckend. So Ernährer- und Beschützer-mäßig. Sie liebt ihr Messer, sagt sie. Weil Messer eben schön sind. Sehr. Die Chancen stehen also gut, dass ihr das irgendwann alle versteht. Und nutzt. Dann bleiben wir gemeinsam vor dem Schaufenster stehen. Und staunen. Und dann knutschen wir verliebt weiter.


Text: melanie-maier - Illustration: dirk-schmidt; Cover: daniela-rudolf