Die Mädchenfrage:

985728



Der Rasiererhersteller Gilette, das war in letzter Zeit an verschiedenen Stellen zu lesen, hatte in letzter Zeit mächtig mit sinkenden Umsatzzahlen zu kämpfen. Ihr rasiert euch nämlich nicht mehr so gern, sondern tragt momentan lieber viele Haare im Gesicht mit euch rum. Prinzipiell finden wir das natürlich super! So ein Drei- bis Zehntagebart steht den meisten von euch nämlich ziemlich gut. Der "Holzfäller im Wald grillt Selbsterlegtes über dem Lagerfeuer"-Look sticht nun mal den "Ich trage einen Anzug und muss auch im Gesicht seriös aussehen"-Style. Deshalb arrangieren wir uns auch gern damit, dass dieses Gestrüpp beim Küssen manchmal ein wenig kratzt.  

Nur eine Sache irritiert uns ein wenig: Sobald die Härchen auch nur ein paar Millimeter zu sehen sind, fahrt ihr euch ständig mit der Hand über das Kinn. Gerade wenn ihr über etwas angestrengt nachzudenken scheint, klebt die Hand förmlich in eurem Gesicht. Ist der Pelz bereits etwas dichter, gibt es gar kein Halten mehr: Mit nach oben gestrecktem Kinn krault ihr euch ausgiebig am Hals, zupft geistesabwesend an den Barthaaren herum und streicht euch mit nachdenklichem Blick mit beiden Händen über die Wangen. Wenn die Haare über der Oberlippe eine gewisse Zwirbellänge erreicht haben, lasst ihr auch das nicht aus.  

Wenn ich euch so beim durch den Bart wuseln beobachte, muss ich spontan an die Fellpflege bei Affen denken. Das dürft ihr jetzt nicht falsch verstehen. Ich finde das nicht abstoßend, nur halt irgendwie etwas seltsam. Vermutlich, weil wir kein adäquates Pendant dazu haben. Klar, Mädchen können eine Haarsträhne um den Finger drehen. Aber wenn wir das machen, sehen dabei nicht nachdenklich aus, sondern wie naive College Girls bei einem plumpen Flirtversuch.

Also Jungs, was hat es mit dem Bartgezwirbel auf sich? Hilft es euch tatsächlich beim Grübeln? Macht ihr das unbewusst? Oder schwingt da eine Art postpupertäter Bartstolz mit? So nach dem Motto: "Ha! Früher haben mich die Jungs wegen meines mickrigen Flaums ausgelacht. Und jetzt seht euch mal diesen kaiserlichen Backenbart an!" Klärt uns doch bitte mal auf.



Die Jungsantwort von christian-helten:

986024


Ich muss gestehen, ich komme mir jetzt ein wenig ertappt vor. Während ich deine Frage gelesen und über eine mögliche Antwort nachgedacht habe, habe ich mehrmals meine Hand zum Kinn geführt und bin mir durch den Bart gefahren. 

Ich mache das tatsächlich sehr oft. Öfter als mir lieb ist, um ehrlich zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass es etwas seltsam wirkt, wenn ich ständig eine Hand in meinem Gesicht habe. Nein, eigentlich weiß ich es sogar. Ich bin ja bei Weitem nicht der einzige Bartstreichler. Es gibt viele in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, und ich kann nicht behaupten, dass ich vor Bewunderung und Begeisterung erstarre, wenn ich sehe, wie sich andere Jungs durch ihre Gesichtshaare fahren. Ich habe mir schon mehrmals vorgenommen, mir das Bartgezwirbel wieder abzugewöhnen. Bislang ohne Erfolg.  

Ein Bart birgt nämlich tatsächlich ein gewisses Suchtpotenzial. Man muss ihn immer wieder anfassen, er übt eine magische Anziehungskraft auf unsere Hände aus. Warum das so ist, ist schwer zu beschreiben. Am ehesten ist unser Bart ein ziemlich grandioses Spielzeug. Etwas, das ablenkt, mit dem man seinen Händen eine Beschäftigung geben kann, beim Denken, Grübeln und Lernen, beim Fernsehen oder in anderen Momenten, die einen motorisch nur mäßig fordern oder bei denen mal die Gedanken schweifen lässt. Man hat etwas zwischen den Fingern, das erstaunlich vielseitig verwendbar ist, wesentlich vielseitiger jedenfalls als zum Beispiel ein Kugelschreiber. Zudem ist die Bewegung deutlich besser mit einem gesunden Sozialleben vereinbar als zum Beispiel das Nasebohren oder Nägelkauen.  

Und man muss sagen – das ist jetzt keine tiefschürfende psychologische Erklärung und mag euch vielleicht enttäuschen, aber es ist nun mal so: Es fühlt sich einfach gut an, sich durch den Bart zu streichen. Und jede einzelne der vielen verschiedenen Zwirbel- und Streicheltechniken hat ihre eigenen Vorzüge. Um das ein bisschen zu verdeutlichen, seien ein paar Beispiele genannt:  

Da wäre das Korkenzieherzwirbeln, eine gleichmäßigen Drehbewegung, bei der mehrere Haare zusammengefasst ineinander verdreht werden. Diese Technik ist erst bei Barthaaren ab einer stolzen Länge so richtig anwendbar, ist also vermehrt bei Jungs zu beobachten, die ihren Bart mit einer großen Portion Stolz oder gar als eine Art Statement tragen. Man spürt da nämlich jedes Mal, welch prachtvollen Bartwuchs man sein Eigen nennen kann. Auch, wenn er in Wirklich gar nicht so prachtvoll ist.  

Bei kürzeren Haaren, so im Bereich Ein- bis Dreitagebart, müssen wir auf das Über-den-Bart-Streichen zurückgreifen. Ist weniger filigran im Bewegungsablauf, fühlt sich aber auch ziemlich großartig an, vor allem gegen den Strich. Zum Vergleich: Das ist so ähnlich wie der Kopf eines Menschen, der gerade eine frische Zwei-Millimeter-Rasur verpasst bekommen hat.  

Und dann ist da noch das Zupfen. Dabei greifen wir uns einzelne Haare und ziehen ein wenig daran, sodass es ein bisschen ziept oder sogar weh tut in der Haut. Das mag jetzt komisch klingen. Man kann es aber mit dem wonnigen Gefühl vergleichen, das sich einstellt, wenn einen jemand am Rücken kratzt. Das tut auch weh, man kann aber trotzdem nicht genug davon bekommen.  

Zuletzt glaube ich, gibt es aber noch einen weiteren Grund für den Griff in den Bart. Der ist nicht ausschlaggebend und wahrscheinlich vor allem im Unterbewusstsein angesiedelt: Aber ich glaube, wir sind jedes mal, wenn wir uns ans Kinn greifen, ein kleines bisschen überrascht und freudig, dass da wirklich etwas wächst.

Text: paulina-hoffmann - Cover: Roodini / photocase.com