Jungs, was ist eure größte männliche Angst?

Immer zum Wochenende: Jungs fragen Mädchen fragen Jungs. Weil manches kapiert man einfach nicht, bei denen.
mercedes-lauenstein

In dem Repertoire meiner Ängste stoße ich neben allgemeinen Schwarzfahr- Prüfungs- und den generellen Verunglückungsängsten auf eine mit der Aufschrift „Nur für Mädchen“. Sie sagt: Junge, versuch’ es gar nicht erst, du wirst sie nicht nachspüren können. Hinter dem Etikett versteckt sich die schlichte Angst vor dem Verfall der eigenen Attraktivität mit steigendem Alter. Der Verlauf der weiblichen Attraktivität verhält sich nämlich völlig entgegengesetzt zu dem Verlauf der männlichen Attraktivität. Wie sagt man so stereotyp: Mit Männern ist es wie mit gutem Wein - der muss erst ordentlich reifen, bevor er richtig gut ist. Wir erinnern uns an die Mittelstufe, in der mit euch sexuell noch nichts anzufangen war. Neugierig haben wir uns in die Jungs der Oberstufe oder heimlich in unsere Lehrer verknallt. Neben ihnen waren wir der französische Cidre, dessen Reiz stets in seiner jungen, unmittelbare Spritzigkeit besteht. Parallel zu eurem, mit der Zeit immer noch mehr Tiefsinn und Selbstbewusstsein entwickelnden Charakter, kippen wir allerdings früher oder später sehr unelegant und schräg in die vergärende Muffsäuerlichkeit um. Es ist mir fast unangenehm so geringschätzig über das weibliche Altern zu schreiben – aber es äußert sich darin ja nicht meine tatsächliche Überzeugung so fies, sondern nur meine Angst. Ganz unvermittelt und nachdrücklich drängt sie sich mir auf – wie Ängste es eben gerne tun. Da kann ich noch so selbstbewusst versuchen, sie ihrer Waffen zu entledigen. Euch Jungs also eines Morgens den ersten Anzeichen von grauen Schläfen entgegenzwinkern zu sehen - den gerade erwachenden Charme eines George Clooney-Stenzes gebührend begrüßend – während für uns im selben Moment in Anbetracht unserer ersten Bindegewebsschwächen eine ganze Welt zusammenbricht. Wir sehen uns am nächsten Tag schon in einem leeren Bett aufwachen: Ihr habt uns für ein Glas Cidre verlassen. Da können wir nicht gegen an, fürchten wir. Das ist sie also, unsere Mädchenangst: In der unaufhaltsamen Verdorrung gefangen zu sein. Kein schönes Kopfkino. Zum Schluss kommt es natürlich nur auf die innere Haltung, die stolze Ausstrahlung und vor allem auf die intellektuelle Verbindung zwischen zwei Menschen an. Wir wissen das. Der vernünftige Selbstschutzmechanismus diktiert es uns. Aber Jungs, jetzt sagt ihr doch mal ganz ehrlich: Ihr habt doch auch so eine blöde Angst, oder? Worin glaubt ihr, besteht die Gefährdung eurer Reize? Was ist eure größte männliche Furcht? Auf der nächsten Seite: Die Jungs-Antwort von Stefan Winter.


Die Jungs-Antwort:

Vielleicht reden wir zunächst über den Schutzmechanismus, den wir verwenden und der ziemlich gut wirkt. Und wenn ich mich dann traue, erzähle ich vielleicht auch von den Ängsten, die er verdecken hilft. Das weiß ich aber noch nicht. Denn Jungs, das haben wir von Fernfahrern, Raubeinen und älteren Brüdern gelernt, Jungs haben keine Angst, Jungs haben höchstens Respekt. Angst ist was für Menschen mit Gefühlen. Respekt hingegen ist die weltgewandte Variante für die Starken und Souveränen – also für uns. Sie sagt: „Klar, das ist jetzt eine blöde Situation, aber man muss sich ihr stellen. Dann wird’s schon.“ So sind wir Jungs, bzw.: So wollen wir gerne sein. Denn so sind auch die Männer, die sich bei „Wetten dass ...?“ von einer vier Kilometer hohen Klippe in einen Haufen spitzer Glasscherben stürzen – ohne Helm! Sie sind wahlweise Fernfahrer oder großer Bruder und meist die Art von markigem Superheld, die uns gefällt. Sie antworten jedenfalls immer auf die vorab gestellte Frage nach Angst mit der Respekt-Platitüde. Und deshalb haben wir uns diese schon damals zu eigen gemacht, als wir im Frotee-Schlafanzug vor dem Fernseher saßen und unsere größte Angst war, dass die Chips ausgehen könnten, denn dann hätten wir in den Keller gehen müssen. Dort war es dunkel und kalt und dort war das Regal mit den Vorräten. Das Erstaunliche daran ist: Dieser Mechanismus ist unfassbar tauglich. Er wirkt vor schlimmen Prüfungen, unangenehmen Telefonaten und sogar bei schmerzhaften Arztbesuchen. Wir stellen uns dann immer einen Thomas Gottschalk vor, der sich neben uns stellt und besorgt fragte: „Stefan, haben Sie jetzt gar keine Angst?“ Die Souveränität, mit der ich dann ins imaginäre Mikrofon spreche, bringe ich im echten Leben natürlich nie auf. Aber das ist egal, weil ich vor jeder angstbringenden Situation ja einen eingebildeten Gottschalk neben mir habe, der meine Angst in Respekt tauscht. Darauf vertraue ich auch bei den Ängsten, die vermutlich alle Jungs teilen. Die haben übrigens genauso mit Verfall zu tun wie bei euch. Dass die Haare weniger werden oder unsere männliche Spannkraft nachlässt, ist zur Zeit natürlich unrealistischer als die Nominierung zum Friedensnobelpreis. Trotzdem wissen wir: Es gibt einige Fernfahrer und große Brüder, die davon betroffen sind, vielleicht kommt das also auch auf uns zu. Aber wie gesagt: Bis dahin wird uns sicher noch was Passendes einfallen. P.S.: Okay, damit hätte ich mich jetzt raus stehlen können, aber euch komme ich damit natürlich nicht davon. Deshalb hier die Antwort auf die Frage nach der Angst: Es ist eine, die keineswegs männlich geprägt ist und die euch genauso trifft wie uns. Es ist die Angst vor dem Tod. Nicht vor unserem eigenen. Wenn der tatsächlich kommen sollte (manchmal ziehen wir ja ernsthaft in Erwägung unsterblich zu werden), nehmen wir einfach unseren imaginären Thomas Gottschalk mit, der vor dem Himmelstor fragt: „Stefan, haben Sie jetzt gar keine Angst? “ Wir werden dann souverän an das Wort Respekt denken und durch die Tür gehen. Das wird schon. Es wird nur leider nicht, wenn jemand stirbt, der uns wichtig sind. Dann hilft kein Thomas Gottschalk und kein Respekt. Und das macht uns Angst.

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