Jungs, was soll das Gesprächsbattle?

Immer zum Wochenende: Jungs fragen Mädchen fragen Jungs. Weil manches kapiert man einfach nicht, bei denen.
juliane-frisse



Beginnen wir mit einem Kompliment: Jungs, ihr – zumindest ein Großteil von euch – schafft es immer wieder, eigentlich nur mittelmäßig spannende Kneipenrunden, Konferenzen oder das Kaffeekränzchen zu Ommas Geburtstag zu einer vergnüglichen Zusammenkunft zu machen. Megamerci dafür.
Voraussetzung für eure Belustigungshöchstleistungen scheint zu sein, dass ihr mindestens zu zweit seid, obwohl sich unter euch auch mehr oder minder begabte Alleinunterhalter tummeln. Dennoch, das volle Gagpotential entfaltet ihr erst im Team.In praktisch jeder gemischgeschlechtlichen Sozialkonstellation läuft es nach folgendem Prinzip ab: Irgendwann, mitten in einer öden Konversation, reißt Junge A einen Witz, womöglich bloß, weil ihm gerade einer eingefallen ist. Egal, wie gelungen der Jux ist, die Reaktion ist überwältigend: Allgemeines Grinsen und Dankbarkeit, alle wieder wach und volle Aufmerksamkeit für den Scherzkeks.
 Das fordert Junge B heraus, noch einen draufzusetzen. Das Publikum reagiert erneut positiv. Woraufhin Junge C es sich nun wirklich nicht nehmen lassen kann, auch noch mitzumischen. Und so reiht sich eine lustige Bemerkung an die nächste. Ihr scheint euch gegenseitig zu humorigen Höchstleistungen anzustacheln.
Das Ganze ist auch in der Schlauberger-Variante zu beobachten: Hat Junge A etwas ziemlich Kluges über die Finanzkrise gesagt, bemühen sich B bis Zett, ihn mit tiefgründigen Einsichten oder steilen Thesen zu übertrumpfen. Oder wenigstens einem Spitzengag, wenn klar ist, dass ihr euch auf dem Gelände von Bonitätsratings und Rettungsschirmen nicht so sicher bewegt wie A.Die anwesende Damenwelt lauscht und amüsiert sich, falls eure Scherze gut sind. Oft sind sie das. An eurem Witzewettkampf nehmen wir allerdings nicht teil.
So schnell, wie ihr immer noch eine Pointe aus dem Ärmel schüttelt: Auch weiblichen Wesen, denen eine gewisse Schlagfertigkeit nachgesagt wird, fühlen sich von eurer Gagfrequenz überfordert.Dabei war das mit 15 auf dem Pausenhof noch ganz anders. Während wir Mädels uns damals laut giggelnd über die Party vom Wochenende oder die unmöglichen Klamotten unserer Lehrer ausließen und versuchten, uns gegenseitig mit unseren Sprüchen zu überbieten, kicher, kreisch, standet ihr daneben, habt euch in eure Kapuzenpullis vergraben und schient nicht so richtig zu wissen, was ihr von der aufgekratzten Fräuleinrunde halten sollt, ob ihr genervt, ob ihr eher angetan, oder, so wie wir heute umgekehrt oft, dankbar sein solltet, dass wir den Belustigungsjob übernommen haben. Irgendwann in der Postpubertät ist die Animateursrolle unbemerkt von uns zu euch rübergewandert.

Sagt mal, Jungs, übt ihr eure Gesprächsbattle an exklusiven Männerabenden, so dass wir uns nicht minder begabt fühlen müssen, sondern einfach nur vergleichsweise schlechter trainiert? – schließlich wird in Frauenrunden ja nicht gebattlet, sondern hauptsächlich Gefühlskram besprochen. Oder versucht ihr euch nur bei weiblicher Anwesenheit gegenseitig zu übertrumpfen – ist das also eine Art Balzstrategie? Oder womöglich einfach die Freude am humorigen und intellektuellen Kräftemessen? Wie ihr ja auch sonst gern allem das Wettkampfprinzip überstülpt? Würdet ihr euch eigentlich wünschen, dass wir da auch mal mitmischen, Jungs? Und imponieren euch die raren Exemplare Mädchen, die es wagen, oder seid ihr eher genervt, dass sie sich auf euer Territorium begeben? Jungs, erklärt uns doch bitte mal das Gesprächsbattle!



Die Stimmung war gut, die Küche verraucht, die Flasche Wein fast leer. Der Bauch tat weh vor Lachen. Es ging um Helmut Schmidt, weil der noch immer im Fernsehen rauchen darf, dann ums Rauchverbot und darüber, dass man früher ja überall rauchen konnte, sogar im Zug. Evi erzählte, wie sie damals in der Schule immer heimlich auf dem Klo geraucht hatte. Für Bernd war das Zeichen, die Geschichte von Tom zu erzählen.

Bernd sagte: „Der Tom hat sich mit 15 einmal in der S-Bahn einen Furz angezündet!" Woraufhin Patrick sagte: „Ich kannte mal einen, der hieß Mirko, der hat im Klassenzimmer einen Furz angezündet. Aber einmal hat er keine Jeans angehabt und dann ist der Furz ihm reingebrannt. Der konnte drei Tage nicht mehr kacken."
Schließlich meinte Adrian: „Ein Freund von einem Freund von mir, der hat das täglich gemacht. Wirklich, der konnte gar nicht mehr anders! Der hat jetzt einen künstlichen Darmausgang."
Evi fand die erste Geschichte verrückt, die zweite derb, die dritte ein bisschen eklig. Sie lachte jedoch bei allen dreien, einfach weil sie den ganzen Abend gelacht hatte.

Erklärungen, in denen die Wörter „Steinzeit" und „Lagerfeuer" vorkommen, funktionieren ja immer gut. Deswegen jetzt noch mal in Kürze unsere Mensch- bzw. Jungswerdung. Früher, also in der Steinzeit, galt das Recht des Stärkeren. Der, der am meisten Muskeln hatte, ballerte einfach allen Mitbewerbern eine rein. Wenn dann alle tot oder eingeschüchtert war, hatte er freie Mädchenwahl. Die Frauen, und die schwächeren Jungs, haben sich irgendwann überlegt: Ist nicht gut, wenn alle tot sind und/oder wir von einem Gorilla vergewaltigt werden – wir nehmen ab jetzt den, der am witzigsten ist! Dann gibt es keine Toten mehr, wir können uns aussuchen, von wem wir uns besteigen lassen und alle haben was zu lachen! So ist es dann auch gelaufen, weshalb heute, 2011, Konversationen wie die von Ulf, Bernd und Adrian zustande kommen.

Anekdoten erzählen ist der postindustrielle Schwanzvergleich. Wir können nicht anders: Sobald es einer schafft, die Runde zu lachen zu bringen, müssen wir einen draufsetzen – eine noch lustigere, noch krassere, noch verrücktere Geschichte erzählen. Das ist natürlich furchtbar anstrengend – wir müssen geistesgegenwärtig bleiben, die Pointen nicht vermasseln, aufpassen, dass die Geschichte nicht zu derb oder noch schlimmer zu langweilig wird. Irgendwann im Laufe des Abends überschlagen wir uns, reden und reden, verrennen und verlieren uns im Rumhengsten und Gegockel.

Die Mädchen? Sind längst mit dem stillen Typ abgezogen, der anfangs schüchtern in der Ecke saß, tatsächlich aber so souverän war, sich an diesem anachronistischen Schwanzvergleich nicht zu beteiligen.

philipp-mattheis


Text: juliane-frisse - Cover: kallejipp / photocase.com

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