Die Mädchenfrage:

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Die Bloggerin Maike hat auf Twitter darüber geschrieben, dass ihre Waage kaputtgegangen ist und sie sich keine neue kaufen möchte. Viele andere Twitter-Nutzerinnen fanden das gut. Darum hat Maike auf dem Kleinerdrei-Blog (bekannt von der #Aufschrei-Aktion) einen längeren Eintrag über ihr Verhältnis zu ihrem Gewicht und dem täglichen Wiegen geschrieben, über Schwierigkeiten mit dem Essen und dem eigenen Körper. Sie fordert Frauen auf, sich ebenfalls von ihren Waagen zu trennen (falls sie eine haben), unter dem Hashtag #Waagnis Fotos davon zu posten und ihre eigene Waagen-Geschichte zu erzählen.  

Maikes Text hat online eine ziemlich große Diskussion ausgelöst. Die einen finden ihre Idee gut, die andere finden es naiv, zu glauben, das Abschaffen einer Waage könnte etwas an dem problematischen Verhältnis ändern, das viele Frauen zu ihrem Körper haben. Egal wie man zu der Idee steht, klar ist, dass sehr viele Mädchen und Frauen sich sehr viel mit ihrem Gewicht beschäftigen.  

Ich besitze zwar keine Waage – aber wenn es irgendwo eine gibt, stelle ich mich drauf. Früher habe ich das täglich getan, denn meine Eltern hatten eine Waage im Badezimmer stehen. Angefangen hat das in der Pubertät, als ich mich das erste Mal richtig mit meinem Körper und mit einem Idealbild davon auseinandersetzte, das mir vorgelebt wurde. Mein Blick auf die anderen Mädchenkörper wurde kritischer, vor allem im Vergleich mit mir selbst. Die Attribute „dick“ und „dünn“ wurden wichtig, der Po und die Beine wurden zum Problem. Irgendwo habe ich Angaben zum Normalgewicht aufgeschnappt, an denen ich mich fortan orientierte, und die Formel, mit der man den eigenen Body Mass Index ausrechnet, konnte ich irgendwann auswendig hersagen. Ich lernte, dass man sich besser morgens wiegt als abends und dass man oft mehr wiegt, wenn man seine Periode hat. Und ich bin nicht alleine durch diese Gewichtsschule gegangen, die meisten Mädchen waren dabei und wussten bescheid über Kilozahlen und BMI.  

Zum Glück hat dieser ganze Körper- und Gewichtsstress irgendwann nachgelassen. Richtig aufgehört hat er nie, bei vielen Frauen nicht. Ich habe mich zwar schon sehr lange nicht mehr gewogen und mache das höchstens mal, wenn ich im waagenbewehrten Badezimmer meiner Eltern zu Besuch bin. Aber trotzdem habe ich immer noch eine ziemlich genaue Vorstellung davon, welches mein Normal-Gewicht in Relation zu meiner Größe und welches mein sogenanntes „Wohlfühl-Gewicht“ ist. Ich glaube auch, immer noch relativ gut einschätzen zu können, wie viel jemand anders wiegt, wenn man mich darum bitten würde.  

Da diese ganze Gewichtssache in meiner Wahrnehmung aber immer ein reines Mädchenthema war, wüsste ich gerne: Wie war das bei euch, Jungs? Hattet ihr auch eine Waagenphase zwischen 13 und 18? Und wie ist das heute: Wisst ihr, wie viel ihr wiegt und was euer Normalgewicht ist? Habt ihr den Begriff „Body Mass Index“ überhaupt schon mal gehört – oder seid ihr schon immer desinteressiert an jeder Waage vorbeigelaufen?

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Die Überraschung zuerst, die Relativierung kommt dann gleich: Ja, ich weiß genau, wie viel ich wiege. Und zwar sogar auf eine Stelle hinterm Komma. Perplex? Denke ich mir. Aber keine Sorge, erstens bin ich damit auf weiter Flur ziemlich alleine und zweitens ist der Grund sehr banal: In meinem Bad steht eine digitale Waage. Und weil sie da nun mal steht, stelle ich mich eben drauf.  

Das heißt, halt, ein Einschub: Ganz alleine bin ich damit gar nicht. Ein guter Freund kennt sein Gewicht auch sehr exakt – weil er damit kämpft. Er hat in einem sehr gesunden Maße abgenommen und sich dafür mit Dingen wie Energiebilanzen und dem unterschiedlichen Gewicht (?) von Fett- und Muskelmasse beschäftigt. Und der weiß auch, was der BMI aussagt.  

Ich nicht. Und ich behaupte mal, dass das bei den meisten Jungs so ist. Die Zahl, die die Waage mir anzeigt, funktioniert für mich zwar als absoluter Wert – ich merke zum Beispiel, dass sie in den letzten zehn Jahren tendenziell gestiegen ist – aber ich kann sie darüber hinaus nicht einordnen. Ein bisschen wie beim DAX-Kurs. Weder weiß ich, was Ideal-, Wohlfühl- oder Übergewicht allgemein sind, noch, wo sie bei mir konkret anfangen und aufhören. Was das Wiegen freilich zu einem Akt erhabener Überflüssigkeit macht.  

All das heißt nun wiederum nicht zwangsläufig, dass uns unsere Figur egal wäre. Nur sind unsere Maßeinheiten andere: Sie heißen zum Beispiel „Bauch“ oder „Doppelkinn“ und sind weniger absolut als Zahlen. Eher optisch. Eher Verhandlungssache: „Sieht noch gemütlich aus.“, „Habe ja auch gerade gegessen!“, „Ich glaube, das Laufen zahlt sich aus.“.  

Das Gewicht gehört bei uns damit in die lange Reihe von Dingen, mit denen wir uns frühestens beschäftigen, wenn sie zum sichtbaren Problem werden – so wie unsere Frisuren, der Schreibtisch oder das Badezimmer. Was wiederum auch deine Frage nach der frühen Jugendzeit beantwortet: Nein, da haben wir das ganze Thema überhaupt nicht auf dem Schirm. Da sind wir so viel gerannt, dass wir nicht dick wurden. Und unsere Körper haben uns, falls wir doch nicht so viel gerannt sind, noch ziemlich wenig interessiert – vermutlich auch, weil uns eure Körper noch weniger interessiert haben und wir euch noch nicht so sehr gefallen wollten.  

Eine seltsame Beobachtung habe ich als fleißiger Wieger übrigens gemacht: Mein Bauchgefühl und die Zahl auf der Waage stimmen sehr selten überein. Manchmal scheint der Wanst größer, obwohl die Waage eine kleinere Zahl zeigt. Und umgekehrt. Verwirrend. Vielleicht müsst ihr uns das bald mal erklären.