Jungs, wie bewältigt ihr eure Ängste?

Immer zum Wochenende: Jungs fragen Mädchen fragen Jungs. Weil manches kapiert man einfach nicht, bei denen. Heute: Jungs, wie bewältigt ihr eure Ängste?
juliane-frisse



Vor ein paar Tagen bin ich das erste Mal wieder mit einem Rennrad gefahren und hatte mächtig Bammel. Es ist noch kein Jahr her, da bin ich über den Lenker eines solchen Gefährts gegangen und habe mir drei Zähne ausgeschlagen. Aufs Fahrrad bin ich schnell wieder geklettert, aber in diese gefühlt besonders gebissgefährdende Rennrad-Haltung, den Kopf weit vorn und tief unten, quasi schon auf dem Asphalt, habe ich mich erstmal nicht mehr getraut. Bevor ich mich jetzt endlich imstande sah, es zu wagen, musste ich erstmal mein gesamtes Umfeld jammernd über meine Unfallangst in Kenntnis setzen. Ich brauchte die beruhigenden Worte und die sanfte Ermunterung der anderen, um mich zu trauen. Wenn das beim Fahrradfahren nicht so unpraktisch wäre, hätte ich mir wahrscheinlich noch jemanden zum Händchen Halten dazu geholt. Aber immerhin: Ich saß auf dem Rennrad und bin diesmal nicht runtergefallen.

Die andere gerne genommene Strategie für Situationen, denen ich mich nicht gewachsen fühle, ist nämlich, ihnen aus dem Weg zu gehen. Zu sagen, ich kann das nicht, mach du mal, oder stattdessen nach einer völlig umständlichen Alternative zu suchen. Jammern und sich so emotionale wie handfeste Unterstützung holen oder ausweichen, das sind typische Mädchenmethoden, um mit all den Dingen klarzukommen, die uns Angst machen oder von denen wir denken, dass sie uns überfordern: Wir heulen uns stundenlang gegenseitig vor, dass wir bestimmt durch die Zwischenprüfung fallen werden oder zumindest niemals nie eine gute Note kriegen werden. Jede von uns hat mindestens eine Freundin, die alle Autofahrten vermeidet, wenn irgendwie möglich. Entweder soll dann wer anders ans Steuer oder es wird eine absurd komplizierte Alternativanreise gewählt. Und wenn wir ein Loch in die Wand bohren müssen, um eine Gardinenstange anzubringen, arrangieren wir uns lieber erstmal mit der Vorhanglosigkeit und ziehen uns solange immer im fensterlosen Flur um, bis sich jemand findet, der das für uns erledigt. Weil: Vielleicht verläuft ja genau da, wo wir die Bohrmaschine ansetzen würden, irgendeine Leitung in der Wand. Oder wir machen was falsch und dann ist diese Bohrmaschine irreparabel kaputt.

Ihr dagegen: Macht alles, könnt alles, easy, kein Problem. Das glauben wir euch zwar nicht so ganz, bewundern tun wir es trotzdem. Vielleicht können wir ja was davon lernen, weil ihr den ultimativen Weg wisst, wie man mit den eigenen Ängsten klar kommt und sich todesmutig den Situationen stellen kann und zwar ohne vorher andere mit dem eigenen Gejammer zu nerven.

Denn, ab und zu habt ihr doch schon auch mal ein wenig Angst, oder? Wir können uns nicht vorstellen, dass ihr beispielsweise damals als Zivi - oder neuerdings als Bufdi - nicht Muffensausen hattet, als gerade volljähriger Fahranfänger den riesengroßen Bus mit tobenden Kindern oder alten Menschen, denen bei einer Vollbremsung wahrscheinlich sämtliche Knochen brechen, durch euch unbekannte Stadtviertel zu lenken. Oder dass euch vor dem entscheidenden Besuch beim schlechtgelaunten Drachen im Prüfungsamt, der erhebliche Konsequenzen für den weiteren Studienverlauf haben wird, nicht auch mal ziemlich flau im Magen ist. Also Jungs, ihr sagts ja sonst nie: Was macht euch Angst und wie kommt ihr dann damit klar?





Die Jungsantwort:

„The Cure“ hatten am Anfang ihrer Karriere einen Hit, der genau davon handelt und bereits im Titel die Antwort liefert: „Boys don’t cry“. Von nicht wenigen Jungs wird dieses mittlerweile geflügelte Wort jedoch ein bisserl falsch verstanden – entgegen der eigentlichen Aussage des Textes. Nämlich als Imperativ, als testosterongetränkten Schlachtruf emotionaler Verkapptheit.  

Wir haben nämlich sehrwohl Angst, und das nicht zu knapp. Das ist sogar öfter der Fall als nur „ab und zu“ und mehr als nur „ein wenig“. Wir haben manchmal brutalst viel Schiss. Und am allermeisten wohl davor, dies zuzugeben. Jungs weinen nunmal nicht, und das wird uns auch von klein auf so beigebracht. Insofern haben wir es auch nicht unbedingt leicht, denn ein jammernder oder gar weinender Mann gilt gemeinhin als schwach und wandert auf der Attraktivitätsleiter ein paar Sprossen nach unten. Tut er dies nicht von selbst, so helfen seine Artgenossen mit einem kleinen Tritt nach.

Man könnte das jetzt alles sehr eloquent und ausschweifend erklären, Theorien aus der Sozialpsychologie und sämtlichen anderen wissenschaftlichen Schubladen ziehen und mit Begriffen wie „Rolle“, „Sozialisation“ oder „Geschlechtskategorien“ um sich werfen. Ich ziehe aber den weniger schwafeligen Weg vor, weshalb ich stattdessen die Helden meiner Kindheit zur Erklärung heranziehen will: die Schlümpfe. Wenn Schlumpfine in einer brenzligen Situation geweint hat, so war das vollkommen okay. Schließlich war ja Hefty-Schlumpf zur Stelle, um sie zu retten. Und der hatte nie Angst; zumindest hat er sie nie gezeigt. Man könnte hierbei jede x-beliebige andere Serie anbringen: Es läuft überall gleich ab.  

Haben wir als kleine Jungs dieses Bild erst einmal geschluckt, so übersetzt es sich in jede weitere Phase unserer Entwicklung, vom Eintritt in den Sportverein bis zum Abitur: der Junge, der als erster vom Zehnmeter-Turm springt, ist eine ziemlich coole Sau. Der aber, der vorm Referat bibbert vor Aufregung, mit dem hängen die meisten nur ungern ab. Das ist der, der in der Pause meist alleine isst. 

Und so schaffen es Jungs über die Jahre, sich diverse Selbstschutzstrategien anzueignen, um ihre Angst ja nicht öffentlich zu zeigen. Sei es durch Herumgeprolle oder durch das zur Schau stellen von total krasser Gechilltheit. Das wird dann meistens als Balzverhalten missgedeutet. Wo es doch eigentlich völliger Blödsinn ist, und darüber hinaus ziemlich unsexy. Aber unter Jungs ist es nun mal so, dass man seine Angst erst hinterher zugibt. Der Moment vor dem Sprung, in dem die Augen kurz über den Rand des Sprungbretts hinaus lugen, der Moment also, in dem einem am eigenen Leib bewusst wird, dass zehn Meter nun doch scheiße hoch sind, über den heißt es danach: Okay, das war kurz unentspannt. Obwohl man eigentlich die Hosen gestrichen voll hat.  

Wir haben genauso Angst, und wohl auch genau die gleichen Ängste. Nur haben wir oft nicht die Eier, es zu sagen. Insofern: 1:0 für euch.

josef-wirnshofer