Jungs, wieso fehlt die Papierrolle am Pissoir?

Immer zum Wochenende: Jungs fragen Mädchen fragen Jungs. Weil manches versteht man einfach nicht bei denen.
valerie-dewitt

Die Mädchenfrage:

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Illustration: Julia Schubert



Als Kind lernt man ja sehr früh gewisse Hygieneregeln: vorm Essen die Hände waschen, nach dem Essen die Zähne putzen, jeden Tag die Unterhose wechseln. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, aber ich bin mir sehr sicher, dass man mir in einem noch sehr zarten Alter auch beigebracht hat, nach dem Toilettengang Papier zu benutzen, damit man sauber und trocken bleibt.

Wenn man allerdings mal aus einer überlangen Mädchenkloschlange ausschert und heimlich in die Männertoilette schlüpft, weil's da schneller geht, dann kommt man auf dem Weg zur Kabine auch an den Pissoirs vorbei. Und siehe da, was sieht man da? Nichts. Oder zumindest kein Toilettenpapier. Ist wohl irgendwie nicht üblich. Man hört ja auch als Mädchen immer mal wieder von diesem ominösen „Abschütteln", das in den Herrentoiletten dieser Welt praktiziert wird und das wir uns nur sehr ungern vor Augen rufen. Überhaupt denken wir uns euch nicht gerne beim Urinieren, am liebsten wäre es uns ja, wenn ihr niemals müsstet.

Aber ihr müsst nun mal und wir können es einfach nicht ändern, dass es uns sehr interessiert, warum die Papierrolle neben den Pissoirs fehlt. Also, warum fehlt sie? Und wäre sie da, würdet ihr sie benutzen? Greift ihr zum Papier, wenn ihr eine unisex-Toilette benutzt? Wenn nein, warum nicht? Wisst ihr noch, ob Mama euch, als ihr noch ganz klein wart, mal etwas in diese Richtung beigebracht hat? Jungs, erklärt doch mal, wie ihr's haltet mit dem Klopapier!


Die Jungsantwort:

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Illustration: Julia Schubert



Naja, das stimmt schon, es gibt kein Klopapier auf den Pissoirs. Und die Tatsache, dass mir das hiermit offiziell zum ersten Mal auffällt, sagt ja schon einiges über mein Durchschnittsverhalten beim Pinkeln und das aller Männer, die ich jemals dabei beobachten konnte bzw. musste. Fast alle waschen sich zwar mittlerweile hinterher die Hände (zumindest in Ballungsgebieten), aber die Gießkanne wird gemeinhin nicht extra gereinigt. Ich bin auch nicht sicher, ob ich als Kind jemals dazu angehalten wurde. Heute jedenfalls, so flüstern vergnügte Jungeltern, die zeitgleich mit ihrem Kind ja auch eine sehr große Offenheit in Ausscheidungsdingen erreicht haben, erzieht man Jungs durchaus zum Papier nach dem Pipi.  

Es gibt meines Erachtens auch keine kluge Argumentation, die dagegen spräche. Weder sind uns tröpfelnde Rückstände angenehm, noch sind sie ganz auszuschließen, ich denke, da ähneln sich die, hurra, Harnröhrenausgänge beider Geschlechter. Ein bisschen Tropfschwund ist bei der besten Teekanne und wer das bestreitet, der lügt. Dieser Umstand plus unsere HauWech!-Mentalität führt zu jenem viel besungenen Vorgang des „Abschüttelns“, zu dem die männliche Körperarchitektur ja durchaus einlädt. Dieses Schütteln ist aber nicht nur ein bisschen lächerlich, sondern durch das unkontrollierbare Ergebnis auch ziemlich riskant, auf eng bestandenen Urintrögen sogar ganz zu unterlassen. Zudem ist das Schütteln natürlich, ihr ahnt es, auch deswegen kein Papierersatz, weil dabei zwar Tropfen gelöst werden, aber nicht mal der liebe Gott kann genau sagen, ob es auch wirklich die letzten Tropfen waren. So schüttelt man also entweder ein halbes Stündlein vor sich hin um sicher zu gehen, oder eben, alltagskompatibler, nimmt billigend in Kauf, dass der letzte Tropfen in die Unterhose geht.

Wo ich das so schreibe, klingt das scheußlich degeneriert. Andererseits, wie du schon sagst, Unterhosen werden täglich gewechselt, eine gewisse Kontamination ist also einkalkuliert und gesellschaftlich auch annähernd vertretbar. Aus allen unseren menschlichen Körperöffnungen tropft es nunmal, also so what? Dass es für euch nun trotzdem eine solche Selbstverständlichkeit ist, schon beim Hinsetzen das Klopapier zu falten und formgerecht zu bügeln und für uns noch nicht, liegt bestimmt auch in den mütterstrengen Hygienevorschriften für eure Untenrumgebiete. Unser Pendant wurde von den Müttern (damals ja noch nicht so verbissen, äh, vorbildlich wie heute), gemeinhin als weniger komplex und kaum anfällig für Unterkühlung, Verschmutzung etc. angesehen. Da wurde einmal die Woche mit der Spülbürste drübergegangen und gut war’s.  

Ich möchte mich an dieser Stelle auch zu der Vermutung versteigen, unsere Entsorgungsdüse würde generell etwas pointierter tropfen als eure und auch schneller trocknen, aber natürlich, eine richtige Entschuldigung ist das auch nicht.

Was ich aber am Schluss noch anmerken möchte ist ein Umstand, der mir in meiner Funktion als überwiegender Sitzpinkler aufgefallen ist und der nicht so leicht in Worte zu fassen ist. Ich will mal so sagen: Aus dem Stand leert sich das Töpfchen schneller und gründlicher, ja eigentlich schöner, als im Sitzen. Irgendwie hängt das mit der Ergonomie zusammen, als hätte der Gartenschlauch beim Sitzen irgendwo einen Knick, der sich beim Aufstehen dann ent-knickt und so bisweilen, nun ja, für einen kleinen überraschenden Nachzügler-Urin sorgt. Um diesen rechtzeitig und korrekt zu entsorgen, muss man sich noch im Aufstehen schnell um 180 Grad drehen und sehr schnell alles richtig justieren. Keine einfache Sache, es droht wieder unkontrolliertes Tropfen und ich glaube, bei euch ist das irgendwie passgenauer gelöst. Jedenfalls ist beim Sitzpinkeln das Klopapier noch deutlich häufiger von Nöten, eben weil man sich nicht so restlos in einem Strahl leer kriegt.  

Wenn ihr uns und euren Söhnen also schon das Sitzpinkeln als Zugeständnis an den gemeinsamen Haushalt abringt, dann solltet ihr auch gleich noch die nicht minder unpopuläre Forderung nach der Papierbenutzung hinterherschicken. Oder aber ihr lasst uns im Stehen pinkeln, das ist insgesamt gesehen vielleicht doch sauberer. Oder ihr versucht es auch mal im Stehen – dann vermisst ihr vielleicht das Klopapier gar nicht mehr.

fabian-fuchs

Text: valerie-dewitt - Cover: stormpic / photocase.com

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