Die Mädchenfrage:

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Zu Beginn ein kleiner Exkurs: Für seine Fotoserie namens „The Men under the influence" fotografierte der Fotograf John Uriarte drei Jahre lang Männer aus den USA und Spanien in den Klamotten ihrer Freundinnen. Das Ganze entstand aus der Beobachtung, dass sich das Verhältnis zwischen Mann und Frau in der heutigen jungen Generation grundlegend von demjenigen der Elterngeneration unterscheidet. Wie der Titel der Serie bereits verrät, will Uriarte mit seinen Bildern zum Nachdenken darüber anregen, was der Wandel der Geschlechterrollen denn nun eigentlich wirklich mit dem Selbstverständnis des Mannes macht.

Dass die Typen auf den Bildern nun allesamt recht unbehaglich aus der Wäsche gucken, ist nicht zu leugnen. Das vermittelt im ersten Moment den irritierenden und sicherlich nicht zutreffenden Eindruck, dass der Mann heutzutage nur noch eine rechtlose Marionette der Frau ist. Ob dieser Eindruck tatsächlich mit dem kulturellen Unbehagen des Geschlechtes zu tun hat, oder einfach nur damit, dass niemand sich in zu engen Klamotten und zu kleinen Schuhen wohlfühlt, kann man jetzt erstmal offen lassen.

Was uns daran eigentlich interessiert, ist Folgendes: Angenommen, es gäbe unser Frauenklamottensortiment in euren Größen und Schnitten und ihr müsstet euch da nicht hineinquälen wie die Männer auf Uriartes Fotos – würdet ihr so was tragen wollen?

Ich weiß, diese Frage mag im ersten Moment völlig verdreht und absurd klingen, aber ich bitte euch, mal ernsthaft darüber nachzudenken. Denn so absurd ist meine Frage nicht. Ich habe es schon mehrere Male erlebt, dass ich mit einem heterosexuellen Mann einkaufen war (einer von ihnen war mein Vater, falls hier jetzt jemand mit Jaja-alles-junge-Hipster-Argumenten kommen will), und er sich begeistert für Jacken, Pullover, Hosen, Farben aus dem Frauensortiment interessierte, bis er merkte: „Huch, alles so klein, oh, .... äh...schade eigentlich, falsche Abteilung!"

Also: Wie ist das mit euch und eurem Verhältnis zu unseren Sachen, so rein geschmacksmäßig? Sollte man Frauenentwürfe größenmäßig „maskulinisieren"? Wenn ja, warum? Und hält euch vielleicht wirklich nur eine anerzogene Das-tut-man-nicht-Hemmung davon ab, unsere Sachen tragen zu wollen?

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Die Jungsantwort von eric-mauerle:

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Ich beginne diese Antwort auch mit einem Exkurs. Mit einem Exkurs zu mir nach Hause. Da steht nicht selten ein Wäscheständer herum, auf dem sich Anziehsachen von mir und meiner Freundin befinden. Immer wenn ich damit an der Reihe bin, selbige in den Kleiderschrank zu räumen, habe ich ein Problem. Ich muss dann ins Nebenzimmer rufen: „Du, wo gehört denn dieses, äh, Dings hin, das blaue langärmelige, weißt schon!“ Bei uns ist das ja einfach. Wir haben je ein Fach für Hosen, Unterhosen, Socken, T-Shirts, Hemden Pullis. Ein paar Hemden und Sackos hängen auch noch rum. Alles klar definiert, man weiß, wo man dran ist. Bei euch hingegen: Blusen und Hemdchen, T-Shirts und Tops, Jacken, Jäcken und Boleros. Und dann noch die Dinger, die irgendwas zwischendrin sind! Die kann ich nicht zuordnen und weiß nicht wohin damit.  

Das mag jetzt sehr pedantisch geklungen haben. Ist aber egal. Was ich mit dem Exkurs sagen will: Wir sind nicht unbedingt traurig darüber, dass das Kleidungssortiment, auf das wir zurückgreifen können, nicht so üppig ist wie eures. Wir sind ja Freunde von Klarheit und Geradlinigkeit, so generell. Sich zwischen ein paar Hosen zu entscheiden und dann noch zwischen ein paar Hemden und T-Shirts zu wählen ist nun mal einfacher als Tausende von möglichen Kombinationen durchzudenken und womöglich noch auszuprobieren. Ist ein bisschen wie in der Eisdiele: Eine große Auswahl ist nicht schlecht, kann aber auch nerven, weil man ja gerne ganz viele verschiedene Sorten hätte, aber leider nicht 15 Kugeln essen kann.  

Aber: Manchmal ist manchen von uns auch ein bisschen langweilig, klamottentechnisch. So, wie man nach zwei Wochen lang jeden Tag Schoko-, Vanille- und Stracciatellaeis vielleicht auch mal Pflaume oder Pinienkerne-Caramell probieren will, sehnen wir uns dann ein bisschen danach, ein bisschen mehr zum Improvisieren zu haben. Es nervt uns dann, dass es bei Jungs schon als ausgeflippt gilt, wenn unser Pulli einen ausgefallenen Kragen hat oder die Schuhe eine blaue Sohle. Und wir sind ein bisschen neidisch, wenn wir euch dabei zusehen, wie ihr euren Kleiderschrank durchforstet, all die Kombinationen testet und dann freudig entdeckt, dass dieses schwarze Dings wider Erwarten ganz hervorragend zu diesem Rock passt und dass man diese Jacke ja auch wunderbar über diesem Kleid tragen kann.  

Damit erklärt sich vielleicht unser gelegentliches Interesse an Dingen in der Mädchenabteilung. Dazu kommt natürlich noch das, was ich mal das Kurze-Hosen-Problem nennen möchte. Im Sommer lauft ihr in megakurzen Hosen oder Röckchen herum, mit freien Schultern und nichts an den Füßen als ein paar Lederriemchen mit Sohle. Wir hingegen dürfen all das laut einem naturgesetzgleichen Klamottenkodex nicht. Sobald wir uns in einer nicht freizeitlichen Umgebung bewegen, muss alles zugeknöpft, verpackt und verschnürt sein, sonst gelten wir als nicht ernstzunehmende Hallodris und Kindsköpfe. In solchen Momenten fänden wir es tatsächlich nicht schlecht, wenn Will Smith mal mit seinem Erinnerungsvernichter aus „Men in Black“ blitzdingsen würde, sodass mal kurz alle geschlechtsspezifischen Klamottengesetze vergessen werden.  

Du merkst schon: Meine Antwort steuert zielstrebig auf ein klares Jein zu. Wir sind froh, dass unsere Welt in Kleiderfragen nicht zu kompliziert ist, hätten manchmal aber auch ein bisschen mehr Möglichkeiten. Sicher kann ich hingegen nur sagen: Kleidchen müssen nicht unbedingt sein. Die sehen an euch einfach viel besser aus. 


Text: martina-holzapfl - Cover: Trul / photocase.com