Jungs, was soll der Trash-Film-Kult?

Was findet ihr an Slapstick und dummen Dialogen?
Von Pia Rauschenberger und Jakob Biazza

Hauptsache: Reset - Geschichten übers Neuanfangen. Hier findest du alle Texte aus unserem Schwerpunkt-Thema.

Illustration: Katharina Bitzl

Die Mädchenfrage:

Schöne Frau im roten Kleid: "Ich habe gehört, dass Polizeiarbeit sehr gefährlich sein kann."

Frank: "Das ist sie, darum habe ich eine große Kanone."

Schöne Frau im roten Kleid: "Haben Sie keine Angst, dass sie mal versehentlich losgehen könnte?"

Frank: "Früher hatte ich mal das Problem."

Schöne Frau im roten Kleid: "Und was haben Sie dagegen getan?"

Frank: "Ich denke einfach an Baseball."

Na, erkennt ihr die Szene? Klar, ist ja einer eurer Lieblingsfilme! So schön spaßig und subtil geht es in der Slapstick-Komödie „Die Nackte Kanone“ zu.

Gut, früher war das schon sehr lustig, wenn da ein Kernkraftwerk aussieht wie riesige Brüste, oder der Polizist Frank fast von seinem eigenen Auto überfahren wird. Irgendwann haben wir dann aber erkannt, dass es da auch noch feinsinnigere Arten gibt, Filme zu drehen. Das war der Punkt, als  „Die Nackte Kanone“ oder „Dumm und Dümmer“ auf den Schrottplatz der eigenen Filmgeschichte abgeschoben wurde. Zumindest bei uns. Deshalb unserer Frage an euch: Liebe Jungs, kann es sein, dass ihr diesen Schritt übersprungen habt?  

Klar, viele von euch haben einen ausgezeichneten Filmgeschmack und stellen ihre Coppola- und Wenders-Kollektionen im Glasschrank zur Schau. Aber selbst mit den Oberstrebern der Filmkunst unter euch kommt es immer wieder zu Gesprächen wie: „Das ist wie in Dumm und Dümmer mit dem Abführmittel“ - „Was?“ - „Ja, kennst du den? Krasser Film!“. Und dann kommen Schlagworte wie aus schlechten Filmreviews hinter denen ganz viele Ausrufezeichen stehen: „Einmalig!!!!“, „Kult!!!!“, „Mustsee!!!!“, „Jahrhundertfilm!!!!!“.  

Oft stehen diese Filme, die offensichtlich einfach an den großen Filmmagazinen vorbeigegangen sein müssen, in der Videothek in der Kinderabteilung, manchmal bei den asiatischen Kampfkunstklassikern. Und eigentlich immer ist von Anfang an klar, dass ihr uns von solchen Filmen nicht überzeugen könnt. Argumente wie „Muss man eben einfach mal bekifft gesehen haben!“, helfen da nicht besonders. Umso mehr haltet ihr daran fest, dass euer Lieblingstrashfilm irgendwelche ungeahnten cineastische Höhepunkte beinhaltet, die nur wahre Kenner mitbekommen. Wir merken das ja, ihr seid verdammt stolz in solchen Momenten. Wenn noch euer bester Freund dabei ist, fangt ihr direkt damit an, aus euren Lieblingsstellen zu zitieren. Und dann kommt raus, dass ihr seit zehn Jahren an Weihnachten den Film  zusammen schaut und eure Freundschaft ohne diesen Film etwas ganz anderes wäre.  

Kapieren wir nicht: Schweißt euch so ein Film zusammen, wenn ihr ihn gegen elitäre Angriffe verteidigen müsst? Oder ist eurer Lieblingstrashfilm ein Relikt aus Zeiten, als Pimmel-Witze noch Alltag waren? Kompensiert das irgendwie für den Rest der Zeit, in der ihr so verdammt seriös sein müsst? Macht euch eure Nostalgie auf eurem cineastischen Auge blind?  

Es ist ja nicht so, als ob es viel Schaden anrichten würde, sich einmal im Jahr die abgegriffene Videokassette in den Rekorder zu schieben und über flache Witze zu lachen. Aber es wäre schon ganz gut zu wissen, ob man euch da endlich mal die Augen öffnen sollte. Oder habt ihr sogar den geheimen Wunsch, dass wir den Film das nächste Mal mit euch zusammen schauen und dann bei den richtigen Stellen lachen? Langsam wird uns flau im Magen. Und jetzt bitte keine Witze über Abführmittel!  

Die Jungsantwort von Jakob Biazza:

Ah, du meinst „Eine Leiche zum Dessert“:

Frau zum Butler: „Sehr freundlich. Sie sind?“

Butler: „Bensonmum.“ (in der deutschen Synchronisation ausgesprochen wie Benson, ma’am)

Frau: „Danke, Benson.“

Butler: „Nein, nein, nein, ma’am. Bensonmum. Mein Name ist Bensonmum.“

Mann: „Bensonmum?“

Butler: „Ja, Sir, Jamessir Bensonmum.“

Mann: „Jamessir?“

Butler: „Ja, Sir.“

Mann: „Jamessir Bensonmum?“

Butler: „Ja, Sir.“

Mann: „Merkwürdig.“

Butler: „Das war der Name meines Vater, Sir.“

Mann: „Wie war der Name Ihres Vaters?“

Butler: „Seltsam. Seltsam Bensonmum.“

Mann: „Ihr Vater hieß Seltsam Bensonmum?“

Frau: „Dring nicht weiter in ihn, Liebling. Das irritiert mich.“

Murder by death

„Einmalig!!!!“, „Kult!!!!“, „Mustsee!!!!“, „Jahrhundertfilm!!!!!“.

Inhalt: Der exzentrische Millionär Lionel Twain, gespielt von Truman Capote – in Worten: Truman Capote!!! – lädt die bedeutendsten Detektive ihrer Zeit (Parodien auf Miss Marple, Hercule Poirot, Nick und Nora Charles, Charlie Chan und Sam Spade – gespielt von Columbo-Darsteller Peter Falk) auf sein Schloss ein, um ihnen zu beweisen, dass er selbst der größte Kriminalist aller Zeiten ist. Es gibt ein paar Morde, der Butler ist blind und muss mit einer taubstummen Köchin kommunizieren und der Japaner beherrscht die Artikel nicht.

 

Wahnsinn! Irrsinnig witzig ist das! Kaum zu ertragen eigentlich. Würdet ihr im Leben nicht verstehen, wie witzig das ist! Oder warum.

Und ziemlich genau darum geht es auch. Eigentlich nur darum. Unsere Liebe zum dödelhaften Pennäler-Film oder der Martial-Arts-Massaker-Groteske – oder dem Genre, das das beste aus allen Welten vereint: der Mutanten-Monster-Film – ist (neben absolutem Filmgeschmack natürlich) vor allem: Abgrenzung.

 

Sich mit anderen Typen auf einen offensiv blöden Film einigen zu können, auf all seine Codes und seinen Tonfall, auf die Beschränktheit und die halbgaren, unreflektierten Aussagen, das ist tatsächlich ein kleiner Rest von „Wir gegen euch“. Ein winziger, dick in Ironie-Luftpolsterfolie verpackter Ausbruch aus einem Leben, in dem wir (also ihr und wir) uns in vielen wichtigen Bereichen sehr ähnlich sind. Und uns in den anderen auf Augenhöhe begegnen.

 

„Ein kleiner Rest“ deshalb, weil das nichts mit aktuellen, altersgemäßen Geschlechterrollen und Gender-Klischees zu tun hat. Es ist nicht der Blödsinn von den Typen, die in Action-Filme wollen, und den Mädels, denen eine romantische Komödie lieber wäre. Es ist ein gezielter, ein kalkulierter Rückfall ins Präpubertäre. In eine Zeit also, in der Mädchen noch suspekte Wesen waren. Nicht unbedingt der Feind. Aber „die anderen“ schon. Und damit etwas, vor dem man eine klare Linie gezogen hat.

Früher war das einfach mit diesen Linien. Man hat gesagt „Du bist blöd“ und ist abgerauscht und der Fall war für die kommenden Wochen geklärt. Das geht heute nicht mehr so direkt. Klar. Deshalb müssen wir einen Umweg gehen. Wir müssen ein Feld bestellen, auf das ihr uns nicht folgen könnt und wollt. Deshalb der extreme Trash-Faktor. Deshalb die übertriebene Überhöhung. Das Thema so hoch hängen, dass Außenstehende nicht mehr rankommen. Das passiert, wenn es passiert, eher intuitiv. Aber es vollzieht sich trotzdem bewusst. Ihr müsst uns da also aus nichts aufwecken. Es gibt kein Auge, das ihr uns da öffnen müsstet.

 

Was aber viel entscheidender ist: Versucht auf keinen Fall, uns auf dieses Feld zu folgen! Verständnis wäre das Schlimmste, mit dem ihr reagieren könntet. Verständnis wäre der Tod für die Abgrenzung. Für den Kult. Für den Film. Deshalb: Finger weg von unseren Kult-Trash-Filmen. Wagt es ja nicht, sie auch nur in einem Aspekt gut zu finden. Nicht mal bekifft! Wobei die Gefahr ja zum Glück nicht groß ist – ihr kifft schließlich nie

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