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Wann immer ich in ein Restaurant gehe, eine Bar, einen Club, ein Konzert, auf die Straße oder in ein Cafe – mich also an Plätze begebe, an denen sich außer mir auch noch andere Personen befinden, dann schaue ich mir die an. Manchmal nur für eine Millisekunde; und wenn mich diese Menschen interessieren, dann auch ein bisschen ausführlicher. Ich höre womöglich den Gesprächen zu, beobachte aus der Ferne ihre Gestik, sehe, wie sie mit ihren Mitmenschen interagieren und trage all diese Informationen zusammen, um sie für mich zu ordnen. Das klingt jetzt mächtig zeitaufwändig und kompliziert, ist aber eigentlich eine voll automatisierte Angelegenheit von Sekunden oder Minuten. Das gleiche mache ich übrigens automatisch auch bei Menschen, die mir wichtig sind. Zum Beispiel beobachte ich meinen Freund etwas genauer wenn er sich irgendwie außergewöhnlich benimmt und konnte aus diesen Beobachtungen schon einige Schlüsse ziehen, die sich bis auf weiteres als weitestgehend anwendbar herausgestellt haben. Zum Beispiel: Bei schlechter Laune seinerseits nicht gleich Sorgen kriegen, sondern fragen, ob er wieder mal vergessen hat zu essen. Das löst in acht von zehn Fällen das Problem und die Laune. Oder dieses komische Bauchgefühl, die „weibliche Intuition“, von der immer alle reden? Ist nach meiner Erfahrung einfach nur die Ansammlung eigenartiger Fakten, Verhaltensweisen oder Gegenstände, die für sich nichts bedeuten, zusammengenommen und fein säuberlich in einem inneren Karteikasten mit seinem Namen drauf abgelegt aber in dem ein oder anderen Fall ziemlich Leuchschriftmäßig darauf hinwiesen, dass da „was“ nichts stimmt. Ich habe zum Beispiel auch über die allermeisten Schwangerschaften meiner Freundinnen lange bescheid gewusst, bevor sie es offiziell verkündet hatten. Nicht, weil ich ihnen in die gynäkologische Praxis hinterher spioniert hätte, sondern weil ich einzelne Merkmale bemerkt hatte: der völlig ungewöhnliche Verzicht auf Wein zum Essen, nicht weiter erläuterte Arztbesuche, eigenartige Klamottenwahl und so weiter. Wer in der Lage ist, zwei und zwei zusammenzuzählen, der weiß doch, welche Stunde da geschlagen hat. Oder? Aber offensichtlich trifft das auf eine Mehrzahl von euch nicht zu. Denn wenn ich zum Beispiel nach einer Party auf dem Nachhauseweg meinem Freund von meinen neuesten Theorien zum Stand der Beziehungen von X und Y erzähle oder dem wortlosen Streit zwischen M und H, den ich vor dem Klo anstehend beobachtet habe, dann schaut er mich oft an wie ein Pferd und weiß nicht, wovon ich spreche auch wenn er den ganzen Abend im gleichen Raum war wie ich und all diese Menschen. Ignorant würde ich dieses Verhalten jetzt nicht gleich nennen, aber ein bisschen blind kommt ihr mir manchmal schon vor für das, was direkt vor eurer Nase vorgeht. Und manchmal auch ein bisschen faul. Aber andererseits ist es natürlich auch irgendwie vornehmer, den Leuten nicht allzu sehr auf den Pelz zu rücken mit all den Beobachtungen oder vorschnellen Schlussfolgerungen. Und deshalb könnte man euer Verhalten auch ausgesprochen höflich finden, wenn man nett zu euch sein will. Oder wie würdet ihr eure Ahnungslosigkeit im Zwischenmenschlichen gerne nennen? Auf der nächsten Seite: die Jungsantwort


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Natürlich können wir zwei und zwei zusammenzählen. Aber anders als bei dieser einfachen mathematischen Addition gibt es für die von dir beschriebene „weibliche Intuition“ keine Regeln, an die wir uns halten könnten. Es ist vielmehr so, dass wir hier von einem reinen Glücksspiel sprechen. Denn natürlich kommt es vor, dass ihr wortlosen Streit beobachtet. Ehrlicherweise muss man aber dazu sagen, dass sich dieser oft genug in Nichts auflöst und ihr mit eurer Intuition ziemlich ratlos heimgeht. Die Beobachtungsgabe, die du beschreibst, lässt sich wohl am ehesten mit der männlichen Fähigkeit, Spielergebnisse beim Fußball vorherzusagen, vergleichen. Es gibt ganze Sendungen im Fernsehen, die nur darauf beruhen, dass Jungs und Männer sich etwas darauf einbilden, ihre Beobachtungsgabe (beim Fußball) so einzusetzen, dass sie daraus Schlüsse auf das Ergebnis der nächsten Partie ziehen. Natürlich ist das pures Gelaber, aber eben eins, das Jungs fasziniert. Vermutlich – und ich gehe hier bewusst weiträumig um den mit dünnem Klischee-Eis überzogenen See herum – liegt eure Faszination weniger in der Vorhersage von Fußballergebnissen als in der Beobachtung eures direkten sozialen Umfelds. Ihr beobachtet Freunde und deren Kleidung, Beziehungen und Frisuren und macht anschließend das gleiche wie Franz Beckenbauer und Udo Lattek beim Fußball. Ihr zieht Schlüsse und spekuliert. Das ist womöglich unterhaltsam, aber eben nichts, was uns Jungs interessiert. Denn – und abermals gehe ich ein paar Schritte weg vom Klischee-See – wir haben gar keine Zeit, uns mit den Details im Aussehen und Benehmen einer Partybesucherschaft zu befassen – wir müssen ja über Fußballergebnissen sprechen. Da ich mich jetzt doch mitten drin im befinde im Klischee, gestehe ich zum Abschluss: Es mag schon stimmen, dass manche Jungs sich etwas weniger für ihr soziales Umfeld und dessen Launen begeistern als ihr das tut. Aber das geschieht nicht aus Desinteresse, sondern nur aus Müdigkeit. Denn ein Junge zu sein, ist recht anstrengend, da bleibt wenig Zeit und Kraft für Anderes. Und zwei plus zwei, da bin ich mir wirklich sicher, ist übrigens vier. christian-berg