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Jungs, warum ist übersteigerte Männlichkeit im Fußball so wichtig?

Ihr werdet beim Fußball zu grölenden, dosenbiertrinkenden Schimpansen. Und wir würden gerne wissen, warum das so ist.
Von Theresa Hein und Niko Kappel
jungsmaedchen locker room cover
Foto: jala / photocase / Illustration: Daniela Rudolf

Die Mädchenfrage:

Liebe Jungs,

wir hätten da mal eine Frage zu Fußball. Und nein, es geht nicht um die Abseits-Regel, denn die haben wir längst kapiert. Sondern um euer Verhältnis zu Fußball, egal ob jetzt WM ist oder Champions League oder Bundesliga. Es geht um euer Verhalten, wenn ihr Fußball schaut und um die anderen Menschen, die ihr dann in diesem Moment werdet.

An den Abenden ohne Fußball werft jedes blöde Rollenmuster, das es vor 50 Jahren mal gab, über Bord: Ihr kocht gerne für uns, zupft euch die Monobraue weg und könntet euch locker vorstellen, später, wenn wir mal Kinder haben, zu Hause zu bleiben, während wir arbeiten gehen. Und manchmal ruft ihr sogar in Diskussionen „Ich bin Feminist“ und meint es auch wirklich so. Aber wenn Fußball ansteht, werdet ihr plötzlich zu Two-Face aus Batman, zumindest kommt uns das so vor.

Doch dann kommen die Fragen in die Whatsapp-Freundesgruppe, wer heute Abend beim Spiel „dabei ist“ und wir haben das Gefühl, da dürfen eh nur die Jungs antworten. Nach dem Anpfiff ruft ihr bald lautstark in Richtung Fernseher „Schön“, damit die anderen auch ja verstehen, dass ihr wisst, dass diese oder jene Kombination schön war, denn der Fernseher kann euch ja nicht hören. Und wenn Sergio Ramos sich in die Schulter von Mo Salah verkeilt und der auf dem Rasen liegt und vor Schmerzen weint, sagt ihr Dinge wie: „Ja, unsportlich wie Sau, aber kann der nicht in die Kabine gehen zum Heulen?“

Warum soll ein Profifußballer nicht weinen dürfen?

Und das führt zu unserer Frage. Wieso sollten Profifußballer denn nicht weinen, wenn etwas wirklich schmerzhaft war? Wieso muss ein Thomas Hitzlsperger erst warten, bis seine Karriere vorbei ist, bevor er sich zu seiner Homosexualität bekennt? Wieso gibt es, wenn ein Per Mertesacker über Würgereiz und Angstzustände vor Fußballspielen spricht, immer sofort jemanden, der sagt: „Dann darf er halt nicht Profifußballer werden, das weiß man doch, dass man da unter Druck steht“? Und damit meinen wir nicht nur Oliver Kahn und Lothar Matthäus, von denen wir wissen, dass sie oft blödes Zeug reden. Sondern euch, die liberalen, aufgeschlossen, sensiblen Jungs mit denen wir zusammen oder befreundet sind.

Das Argument, dass Profifußballer sich ja wohl zusammenzureißen hätten, weil sie genug Kohle verdienen, lassen wir übrigens nicht gelten. Denn das wäre ja, als würde man sagen, Menschen, die gut verdienen, dürfen keine Depressionen haben oder normale Menschen sein, die vor normalen Lebensfragen stehen. Wir haben das Gefühl, ihr werdet während der 90 Minuten vor dem Fernseher oder im Stadion zu einem total aus der Zeit gefallenen Männertypus, der sich stumm darauf geeinigt hat, dass Emotionen auf Seiten der Fußballer keinen Platz haben. Zu grölenden, dosenbiertrinkenden Schimpansen. Und wir würden gerne wissen, warum das so ist. Habt ihr Angst, dass Fußball irgendwie „verweichlicht“ wird? Geht es darum, dass Fußball so etwas wie die letzte Bastion einer Männlichkeit ist, die ihr ansonsten in Gefahr seht? Dabei denken wir immer, dass euch die olle Männlichkeit größtenteils wurscht ist. Vielleicht könnt ihr uns das ja erklären. Wir würden es so gerne verstehen. Anpfiff für euch!

Eure Mädchen

Die Jungsantwort:

Jungs-Antwort

Liebe Mädchen,

Fußball ist ein Thema, bei dem wir Jungs gerne als hinterwäldlerische Urwaldaffen hingestellt werden. Das finden wir ziemlich anstrengend, sehen aber auch ein, dass es dafür einen Grund geben muss. Zunächst mal: Wir haben euch gerne beim Fußballschauen dabei. Wir finden es cool, wenn ihr euch für etwas interessiert, was uns auch interessiert. Das geht euch vermutlich genauso, wenn wir mit euch Dinge machen, die ihr sonst nur unter euch Mädchen macht.

Fangen wir mal mit dem offensichtlichsten „Männlichkeitsgehabe“ an: dem Brüllen. Warum wir in den Fernseher schreien, wissen wir selbst nicht genau. Vielleicht wollen wir manchmal einfach allen Anwesenden zeigen, dass wir diesen Diagonal-Pass auf den linken Flügel mit dem Außenrist genau so gespielt hätten, wie Toni Kroos – leider sind wir aber nicht mit dem Talent eines Toni Kroos geboren, sondern sitzen hier mit dem dritten Bier in der Kneipe. Vielleicht schmerzt es uns in diesem Moment einfach ein bisschen, dass wir gerade nicht vor Millionen Fernseher-Zuschauern einem Ball hinterherrennen dürfen.

Vielleicht findet man die Lösung auch in dem Ur-Ort des Brüllens. Dort, im Fußballstadion, schreit ihr Mädchen ja für gewöhnlich auch ganz schön laut. Wer oft ins Stadion geht, entwickelt ja möglicherweise dadurch einen Brüll-Reflex, wenn etwas auf dem Rasen passiert. Wenn man dann vor dem Fernseher sitzt, greift dieser Brüllreflex ebenfalls. Nur sieht das dann halt komisch aus, weil man statt im Kollektiv die Spieler auf dem Rasen alleine den Fernseher anbrüllt.

Wenn wir nach einem Tor rumschreien, gibt es tatsächlich wenig, was uns in diesem Moment mehr freuen könnte

Und wir schreien beim Fußball, weil der in vielen von uns Jungs heftige Emotionen auslöst. Wenn wir brüllen, dann sind wir tatsächlich sehr wütend. Wenn wir nach einem Tor rumschreien, gibt es wenig, was uns in diesem Moment mehr freuen könnte. Wir brüllen also nicht, weil wir das männlich finden, sondern, weil wir in diesen Momenten sehr emotional sind. So viel zum Thema „man darf beim Fußball keine Emotionen zeigen“.

Zu den Tränen: Für viele Jungs gibt es im Fußball wenige Momente, die so authentisch und echt sind, wie die, in dem die Spieler unseres Vereins weinen. Wir fühlen uns ihnen dann näher, weil sie in so einem Moment einer von uns sind. Wir merken, dass sie unter einer Niederlage genau so leiden, wie wir. Und das ist selten, in Zeiten von instagrammisierten Kickern, die sich Porsches kaufen und sich anziehen, wie zwölfjährige Hype-Kids.

Den Beweis dafür seht ihr übrigens in der Reaktion der Liverpooler Kurve, nachdem Loris Karius im Champions-League-Finale den Ball und damit den Traum vom Titel durch seine Finger flutschen ließ. Durch seine Tränen wussten die Jungs in der Kurve, dass es Karius wirklich Leid tat und es für ihn genau so schmerzhaft war, wie für sie. Deshalb hatten sie ihm direkt nach dem Spiel wieder verziehen. Wir finden Weinen beim Fußball also ganz und gar nicht doof – meistens zumindest.

Wenn Sergio Ramos die Schulter von Mo Salah (fast) zerstört, dann finden wir das genau so scheiße wie ihr. Auch in so einem Moment dürfen Spieler von uns aus gerne weinen, dass macht sie auf keinen Fall unmännlich. Wir ärgern uns aber sehr, wenn Fußballer ohne Grund „rumheulen“, wie zum Beispiel Arjen Robben nach einer offensichtlichen Schwalbe. Dass wir uns da aufregen, hat aber nichts mit Männlichkeit zu tun, sondern damit, dass so etwas den Sport kaputt macht. Wenn einer bei Hitzlsperger oder Mertesacker etwas sagt, ist das natürlich unfassbar dumm. Mit so jemand wollen wir dann auch kein Fußball mehr gucken.

Für viele von uns ist der Fußball eine kleine Parallelwelt. Man kann mal lauter werden, sich über eigentlich unwichtige Dinge aufregen, kurz gesagt, einfach ein bisschen Dampf ablassen. Der Fußball ist für uns keine Bastion der Männlichkeit. Denn die ist uns tatsächlich ziemlich wurscht.

Eure Jungs