jungsmaedchen schweres tragen cover
Foto: Fliegenpilz 11 / photocase / Illusration: Daniela Rudolf

Liebe Jungs,

wir wissen es ja immer zu schätzen, wenn ihr euch um uns bemüht. Wirklich. Ob ihr uns gelegentlich die Tür aufhaltet oder uns mal zum Essen einladet: Es muss natürlich nicht sein, aber wir freuen uns darüber. Und das Tolle daran, im Jahr 2018 zu leben, ist ja, dass ihr euch umgekehrt genauso freuen könnt, weil es inzwischen eben ganz selbstverständlich ist, dass auch Frauen Männern mal die Tür aufhalten oder für sie mitbezahlen. Wir haben also schon viel erreicht in Sachen Geschlechtergerechtigkeit.

Aber da gibt es eine Sache, bei der wir in der Hinsicht noch ganz am Anfang sind. Und die irritiert uns. Wirklich. Es erwischt uns überall, am Flughafen genauso wie im Supermarkt: Sobald wir etwas in der Hand haben, das mehr als fünf Kilo wiegt, sind wir es sofort wieder los. Ob Koffer, Wasserkiste oder Umzugskarton: „Ich nehm das schon“, sagt ihr. Wir laufen mit leeren Händen hinterher und kommen uns komisch vor. Wie Marie Antoinette in Nikes.

Dagegenzuhalten gestaltet sich aus mysteriösen Gründen schwierig bis unmöglich. Ich hab es am Wochenende wieder versucht. Mein Freund und ich verließen den Edeka mit zwei übervollen Einkaufsbeuteln vom Samstagseinkauf. Also: Er verließ den Edeka mit zwei übervollen Einkaufsbeuteln. Ich trug in der rechten Hand eine Tüte halbvoll mit Spaghetti-all’arrabbiata-Utensilien und konnte mir mit der linken gerade noch so ein Bund Bananen angeln, das oben auf fünf Litern Saft, Wein und Sojamilch in einer seiner Taschen thronte.

Den „Lass-mich-doch-auch-was-tragen“-Tanz müssen Frauen ständig aufführen

Meine Bewegung wurde sofort argwöhnisch registriert: „Ich trag das schon.“ – „Aber ich kann ja auch noch eine Tasche nehmen!“ – „Nein, warum denn?“ – „Das ist so schwer. Und ich trag hier fast gar nichts. Wir könnten sie zusammen...?“ – „Ich mach das schon!“  – „...“

Ungefähr so verlief der Dialog. Es war kein Streit, aber sein Standpunkt war klar: Ich kann sie doch nicht die schweren Sachen schleppen lassen. Ich wiederum fühlte mich weder entlastet noch weiblicher mit meinem Einkaufstäschchen, sondern doof.

Den „Lass-mich-doch-auch-was-tragen“-Tanz musste ich schon bestimmt 30, 40 mal aufführen – gegenüber Freunden, Vätern, Hotelangestellten, Verkäufern, Handwerkern. Ich kann mich dagegen nicht daran erinnern, mal eine Frau gesehen zu haben, die den Koffer eines Mannes schleppte.

Jungs, was ist da los? Habt ihr Angst, dass unser Rückgrat irreparabel geschädigt wird (und eures wie durch Zauberei nicht)? Findet ihr es unsexy, unsere Muskeln zu sehen? Habt ihr Sorge, dass euch die Leute als unmännlich betrachten oder als den Arsch, der seine Freundin schwer tragen lässt? Denn ihr müsst wissen: Wenn keiner guckt, kriegen wir den Karton mit der Ikea-Kommode auch alleine ins Auto und die Treppe hoch gewuchtet. Oder, wir wagen es kaum zu denken: Ertragt ihr es tatsächlich nicht, dass wir genauso stark sein können wie ihr?

Eure Mädchen

Jungs-Antwort

Liebe Mädchen,

erwischt. Ich bin auch einer der Ich-nehm-das-schon-Jungs. Die schweren Teile des gemeinsamen Einkaufs landen in meinem Rucksack und nicht in dem meiner Freundin. Wenn wir das Auto für den Urlaub packen, gehe ich drei Mal mit Koffern und Taschen beladen die Treppe rauf und runter, sie bringt den Kleinkram mit. Ehrlich gesagt bin ich gerade auch ein bisschen verwundert, dass ihr so ein Verhalten dermaßen bescheuert findet.

Diese Verwunderung hat nichts damit zu tun, dass ich (beziehungsweise wir Jungs generell) an veralteten Klischees hängen würde. Im Gegenteil: Grundsätzlich finden wir modernen Jungs und Männer es ja sehr gut, dass ihr Autotüren selbst öffnet, eure Mäntel selbst anzieht und niemand mehr von uns erwartet, dass wir euch dabei helfen. Dieses ganze Gentlemen-Gedöns kommt uns nicht mehr zeitgemäß vor, es wirkt wie aus einer Zeit, als man noch „Frollein“ sagte und „Gnä’ Frau“. Wir finden es unpassend, weil es impliziert, dass ihr qua Geschlecht zu blöd und schwach seid, einfache Handlungen des alltäglichen Lebens durchzuführen.

So, und jetzt bin ich an einem Punkt, wo sich die Aussagen des letzten Absatzes mit meiner Angewohnheit, euch schwere Sachen abzunehmen, verkanten und ich ins argumentative Stolpern gerate. Denn natürlich schafft ihr es auch, einen Kasten Bier in den dritten Stock zu schleppen und einen Umzugskarton in den Sprinter zu hieven. Eigentlich gibt es also keinen Unterschied zwischen den Handlungen „Tür aufhalten“ und „Bierkasten tragen“. Und trotzdem ist da etwas, das uns das eine veraltet und blöd finden lässt und das andere total normal.

Ihr könnt zwar auch schwer tragen – es bedeutet für euch aber mehr Aufwand, oder?

Was das ist? Bleiben wir mal beim Tür-Bier-Vergleich. Beide Aufgaben könnt ihr natürlich bewältigen. Die meiner Meinung nach entscheidenden Fragen sind: Mit welchem Aufwand? Und wie sehr wollt ihr sie auch bewältigen?

Eine Tür zu öffnen, ist eine simple und nicht weiter anstrengende Handlung. Zehn Kilo in einem wenig handlichen Kasten in den dritten Stock zu tragen, ist schweißtreibend und nervig. Ich wage zu behaupten, dass das sogar Fitnessstudio-Dauergäste mit Oberarmen vom Umfang eines prächtigen Serranoschinkens so sehen. Wir gehen also davon aus, dass es euch, die ihr nun mal meistens ein bisschen weniger Muskelmasse aufweist als wir, mehr anstrengen muss als uns. Und wir euch ergo wirklich etwas Gutes tun und euch das Leben ein wenig angenehmer machen, wenn wir die Schlepperei übernehmen.

Deswegen schwingt bei dem Trage-Angebot in unserer Wahrnehmung hier nicht der schon beschriebene patriarchalische Unterton mit, den das Tür-aufhalten und In-den-Mantel-helfen immer beinhaltet, weil da keine objektiv messbaren Vorteile für euch drin sind, sondern diese Handlungen rein symbolisch sind.

Offenbar liege ich aber mit dieser Einschätzung falsch und in eurer Wahrnehmung ist dieser überhebliche Unterton sehr wohl vorhanden. Und weil es letztendlich in dieser Angelegenheit auf eure Wahrnehmung ankommt und nicht auf unsere, sage ich an dieser Stelle: Sorry fürs Tragen, schleppen, hieven. Kommt nicht wieder vor. Dürft ihr in Zukunft ruhig selbst machen. Aber wenn es euch doch mal zu anstrengend werden sollte, sagt einfach kurz Bescheid.

Eure Jungs

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