Jungs, warum schreibt ihr kein Tagebuch?

Habt ihr Angst davor, euch mit euch selbst auseinanderzusetzen?
Von Charlotte Haunhorst und Kolja Haaf

Männer scheinen massive Tagebuch-Hemmungen zu haben.

Foto: Patrick John / photocase.de Bearbeitung: jetzt

Liebe Jungs,

Tagebuchschreiben ist wieder hip. Was ich lange vor allem mit meiner unglücklichen Jugend verbunden habe („Liebes Tagebuch, warum nimmt Basti mich einfach nicht wahr??? Bin ich so hässlich? Heute Mittag gab es Schnitzel mit Bratkartoffeln.”), ist in Zeiten von #Achtsamkeit wieder zum Trend geworden. Psycholog*innen raten zu Erfolgstagebüchern. Wer „Journaling“ bei Google eintippt, bekommt direkt Tausende Texte angeboten, die beschreiben, wie diese gefühlsorientierte Form des Tagebuchs das Leben verändert. 

Und tatsächlich ist Tagebuchschreiben ja auch etwas Schönes: Man nimmt sich bewusst Zeit für sich und seine Gedanken. Kann Jahre später noch nachlesen, wie man sich damals gefühlt hat, als die erste Liebe zerbrochen ist. Und im besten Fall, wenn man später sehr berühmt wird und hoffentlich eben nicht nur über Herzschmerz, sondern auch über die Gesellschaft generell geschrieben hat, werden sich die Verlage darum reißen, jene Tagebücher zu veröffentlichen. Man selbst wird dann hoffentlich sehr reich werden. Am Tagebuchschreiben ist also so gar nichts Schlechtes zu finden.

Habt ihr Angst, euch mit euren eigenen Gefühlen zu konfrontieren?

Und trotzdem fällt mir auf, dass es offenbar etwas sehr Weibliches ist, seine Gefühle und Gedanken mit der Hand aufzuschreiben. Das fängt schon bei den Büchern selbst an: Sie sind sehr oft pastellfarben und mit Schnörkelschrift dekoriert. Kann man sich als Mann natürlich auch auf den Nachttisch legen, wollen nur viele von euch vielleicht nicht. Und auch die Stockfoto-Suche zum Thema „Tagebuchschreiben“ zeigt meist Frauen, die versonnen im Gras liegen und darüber nachsinnen, welchen geistigen Erguss sie jetzt noch festhalten könnten. Männer gibt es in dieser Welt hingegen eher selten. Auch in meinem Umfeld kenne ich tatsächlich nur Frauen, die Tagebuch schreiben. Noch nie hat ein Mann zu mir gesagt: „Sorry, ich muss noch einmal eben mein Tagebuch auf den neuesten Stand bringen.“

Nun wäre es natürlich Quatsch zu behaupten, dass ihr Jungs NIE Tagebuch schreibt. Viele der berühmtesten Tagebuchschreiber waren Männer. Thomas Mann, Victor Klemperer und Franz Kafka zum Beispiel, um nur einige zu nennen. Auf der Frauenseite fällt einem da spontan nur das sehr ergreifende Tagebuch der Anne Frank ein. Das hat natürlich viel mit Literaturgeschichte zu tun, in der Frauen lange einfach unterrepräsentiert waren, egal ob sie nun Tagebuch schrieben oder nicht. Aber trotzdem bleibt der Eindruck: Euch Jungs zieht das Tagebuch weitaus seltener an als uns Mädchen. Weder sitzt ihr in der Pubertät über einem Buch mit Diddl-Cover, um euren Herzschmerz zu kanalisieren, noch sehe ich euch heute, im Erwachsenenalter, in ein schwarzes Moleskine-Heft „Liebes Tagebuch“ schreiben. Wenn überhaupt, dann macht ihr euch „Notizen“.

Deshalb die Frage: Liebe Jungs, warum schreibt ihr denn nun kein Tagebuch? Habt ihr Angst, euch mit euren eigenen Gefühlen zu konfrontieren? Ist es euch zu anstrengend? Könnt ihr am Ende vielleicht auch einfach eure eigene Handschrift nicht entziffern und habt deshalb aufgegeben? Oder wisst ihr selbst, dass ihr vermutlich nicht so berühmt wie Thomas Mann werdet und seht deshalb einfach keinen Nutzen darin?

Schreibt es uns doch bitte auf!

Eure Mädchen

Die Jungsantwort:

Liebe Mädchen, liebes Tagebuch,

(Verträumte Schnörkelschrift setzt ein) heute um 07:50 Uhr aufgewacht. Wieder eingeschlafen. Um 08:15 Uhr wieder aufgewacht. Gewaschen, angezogen, raus. Vorherrschendes Gefühl: Benommenheit. Verspätet in die Redaktion gekommen. Nussschnecke zur Hälfte gegessen und Kaffee getrunken. Um 10:10 Uhr angefangen, Mädchenfrage „Jungs, warum schreibt ihr kein Tagebuch?“ zu beantworten. (Schnörkelschrift bricht ab.)

Ja, doch, ich spüre was. Die bewusste Auseinandersetzung mit mir und meinen Gefühlen und Gedanken tut einfach gut. Wow. Außerdem merke ich, wie das Tagebuchschreiben meine „kognitiven Funktionen verbessert“, „negativen Effekten von Stress entgegenwirkt“, mein „Immunsystem stärkt“ sowie Symptome von „Asthma und Arthritis“ abschwächt

(Schnörkelschrift setzt noch mal ein.) Nachtrag: Um 10:24 Uhr akuter Anflug von Häme. (Schnörkelschrift bricht wieder ab.)

Uns kommt das vor wie emotionales Hording

Demnach: Ja, Tagebuch schreiben gilt unter uns Männern tendenziell als ziemlich alberne Tätigkeit. „Weil ihr Angst habt, euch mit euren eigenen Gefühlen zu konfrontieren?“ Möglich. Auch möglich ist aber, dass wir einfach eine gewisse Abscheu vor der Sache empfinden. Genauer gesagt vor der unerhörten Eitelkeit, die in einem Tagebuch steckt. Ist es wirklich eine so tugendhafte Angewohnheit, sich hemmungslos selbst zu beäugeln und jedes noch so banale Ereignis penibel festzuhalten?

Wir sind mehr von einer Wir-sind-eh-nur-Staub-im-Wind- und Blick-nach-vorne-Mentalität geprägt, in deren Logik es kleinlich ist, jedem Zipperlein ein handschriftliches Denkmal zu bauen. Gefühle kommen und gehen, sowohl gute als auch schlechte. In dem Moment ihres Auftretens kommen sie uns natürlich alle wahnsinnig wichtig vor, aber auf lange Sicht sind sie doch eigentlich ziemlich unwichtig. Sie alle anzuhäufen, kommt uns fast schon vor wie emotionales Hording. 

Und es ist ja nicht so, als ob die wirklich prägenden Gefühle nicht eh im Gedächtnis bleiben. In solchen Fällen ist ja vielleicht sogar das Tagebuchschreiben selbst und nicht das Nicht-Tagebuchschreiben die eigentliche Vermeidungsstrategie: Weil man die Gefühle einfach archiviert, anstatt sie unmittelbar zu bearbeiten.

Ist man nicht irgendwann schockiert von der Ereignislosigkeit und Austauschbarkeit des eigenen Lebens?

„Ist es euch zu anstrengend?“ Definitiv. Wir wollen leben und nicht über unser Leben Protokoll führen. Tagebuchschreiben ist für uns vor allem stupide Fleißarbeit. Wenn man auf einer Marsexpedition oder mit einem weißrussischen Wanderzirkus unterwegs ist, meinetwegen, dann kommt sicher regelmäßig auch was Interessantes zusammen. Aber wenn man als Durchschnittsknilch wirklich diszipliniert jeden Tag was schreibt – ist man dann nicht irgendwann schockiert von der Ereignislosigkeit und Austauschbarkeit des eigenen Lebens? Nicht, dass da nicht ab und an auch mal ein Tusch gespielt wird, aber wie gesagt, wenn der laut genug ist, dann schafft er es doch eh ins Langzeitgedächtnis. 

„Könnt ihr am Ende vielleicht auch einfach eure eigene Handschrift nicht entziffern und habt deshalb aufgegeben?“ Gegenfrage: Gilt es in der Tagebuch-Szene eigentlich als No-Go, ein Word-Dokument vollzuschreiben?

„Wisst ihr selbst, dass ihr vermutlich nicht so berühmt wie Thomas Mann werdet und seht deshalb darin einfach keinen Nutzen?“ Hierzu ein schlichtes Ja.

Aber, um das bis hier Geschriebene zu relativieren, zum Schluss noch ein kleiner Exkurs: In Kolumbien gibt es das indigene Volk der Kogi, in dem nur die Männer Tagebuch schreiben. Jaha! Und zwar, indem sie eine Pampe aus gekauten Kokablättern, Kalkpulver und ihrem eigenen Speichel an den Hals einer Kürbisflasche reiben, die sie immer mit sich herumtragen. Das machen sie jeden Tag. Und über Monate und Jahre wächst so um den Hals der Kürbisflasche ein gelbliches, rundes, leicht phallisches Gebilde aus getrocknetem Schmodder. Das Ganze ist dann der so genannte Poporo. Das Auftragen der Pampe repräsentiert den Gedankenfluss des Besitzers und die Größe und Form des getrockneten Schmodders steht für seine Lebenserfahrung und Weisheit.

Ihr seht, auch wir schreiben Tagebuch. 

Aus dem Fenster blickend den Tag Revue passieren lassend und dabei versonnen einen gewaltigen Poporo streichelnd,

Eure Jungs

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