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Sehen Männer den Kita-Hero auch als Helden? Oder eher als Versager, weil er ihnen nicht genügend Geld verdient?

Illustration: Daniela Rudolf / Foto: Natalie Neomi Isser

Liebe Jungs,

Meine Freundin M erzählte mir vor kurzem von einer Bekannten, die die allertollste Frau auf der ganzen Welt sei. Zum Beweis zählte sie auf: diese Frau sei erstens nicht nur grundsätzlich sehr schlau und zweitens ausgerechnet in Naturwissenschaften der absolute Ober-Crack, sondern drittens auch extrem sportlich. Und weil sie eben eine solche Superfrau ist, wurde sie viertens vom Österreichischen Heer dazu auserwählt, fünftens als einzige Frau in der Geschichte des österreichischen Militärs sechstens die Ausbildung zur Kampfjet-Piloten zu machen. Allertollste Frau überhaupt, quod erat demonstrandum.

Und alle anwesenden Damen so: Boah! Wow!!!! Hammer-Frau! Unpackbar, was die alles kann. Also, ich könnt’s ja nicht, aber ich unterstütze sie auf jedem Meter ihrer weiteren beruflichen und privaten Entwicklung. Unbekannterweise.

Jetzt könnte man natürlich auch sagen: Kampfjet-Pilotin? Beim österreichischen Bundesheer? Ufffff. Naja. Klingt ziemlich verschwitzt und autoritätshörig und stressig und überhaupt: Militär und Schießen und Töten und so. Aber gut, wer’s mag.....?

Aber seht ihr – so würden wir niemals argumentieren. Denn wann immer wir einer Frau begegnen, die einen Beruf ergreift, der traditionell eher eine Männer-Domäne ist, zollen wir dieser Frau automatisch unseren allergrößten Respekt und knien (eher metaphorisch) vor ihr nieder. Und da ist es ziemlich egal, ob es sich dabei um einen prestigeträchtigen Job wie Kampfpilotin oder einen eher weniger prestigeträchtigen wie Müllfrau handelt.

Vielleicht liegt es daran, dass wir unterbewusst traditionell „männliche“ Fähigkeiten höher bewerten als „weibliche“, weil die eben auch von der Gesellschaft besser bewertet werden. Vielleicht liegt es daran, dass wir auf diese Pionierarbeit, die solche Frauen leisten, selbst keine große Lust haben – und froh sind, wenn jemand die für unser Geschlecht übernimmt.

Und vielleicht liegt es auch daran, dass wir davon ausgehen, dass Frauen in solchen von Männern beherrschten Domänen tendenziell eher schlecht behandelt werden und häufig irgendwelche blöden sexistischen Sprüche reingedrückt bekommen.

Wie ist das bei euch? Bewundert ihr Jungs, die sich entschieden haben, in einem dezidiert „weiblichen“ Berufsumfeld zu arbeiten? Die Ballettänzer, Erzieher, Grundschullehrer oder Teamassistent geworden sind? Obwohl viele der Berufe gesellschaftlich oft nicht gar so hoch angesehen oder schlecht vergütet sind?

Eure Mädchen

Die Jungsantwort

Jungs-Antwort

Liebe Mädchen,

Kumpel J und ich spielten früher in einer Fußballmannschaft, er hatte nach der Realschule eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht. Der Rest der Mannschaft, alles Einzelhandel-Azubis oder Studenten, schaute nach dem Training neidisch auf seinen nagelneuen 1er BMW, den er sich von seinem üppigen Dorf-Kreissparkassen-Gehalt leisten konnte.

J hatte aber irgendwann keinen Bock mehr auf Kreissparkasse und BMW fahren. Sein Alltag zwischen Zahlen und Bausparverträgen langweilte ihn nach einem Jahr. Er wollte nämlich eigentlich schon immer was mit Kindern machen, erzählte er damals. J kündigte also bei der Bank und fing eine Ausbildung zum Erzieher im Dorfkindergarten an. J hat also den gut bezahlten Job im Anzug gegen ein mickriges Azubi-Gehalt und vollgesaute Bastelkittel eingetauscht.

Mit dem Berufswechsel zeigt J dem Männlichkeitsklischee den Mittelfinger

Das beeindruckt mich und viele andere Jungs, so wie euch die österreichische Kampfjetpilotin beeindruckt. Genau wie sie hat es J nämlich geschafft, aus einer Geschlechterrolle auszubrechen: Mit seinem Bankkaufmann-Gehalt hätte er später locker eine Familie ernähren können. Er hat sich aber für den schlechter bezahlten Job entschieden, mit dem das Ernähren wohl nicht mehr so locker funktionieren wird. Viele von uns hätten sich das nicht getraut.

Der Unterschied zwischen Kindergärtner und Kampfjetpilotin ist der: Ihr bewundert eine Frau in Männerberufen deshalb, weil sie sich trotz aller Hindernisse durchgesetzt hat. Den Mann in Frauenberufen bewundern wir, weil Abstriche beim Gehalt und manchmal, wie im Beispiel Banker und Kindergärtner, Abstriche in der sozialen Anerkennung seines Berufes macht. Das erfordert viel Mut und Leidenschaft, mit seinem Berufswechsel zeigt J dem gesellschaftlich etablierten Bild von Männlichkeit den Mittelfinger.

Leider, leider müssen wir im Jahr 2018 aber auch immer noch sagen, dass die breite Masse vermutlich (bewusst oder unbewusst) immer noch den Automechaniker oder Banker männlicher findet, als einen Erzieher oder einen Putzmann. Sie hält an der alten Rollenverteilung fest, weil die ja auch Sicherheit gibt: War schon immer so, da weiß man, wen man wie bewerten muss oder kann. Aber das Ganze bröckelt. Denn es gibt unserer Beobachtung nach immer mehr Js.

Und wer weiß, vielleicht kommen wir so wirklich mal bald dahin: Dass ein Mann in einem Job, den er aus Leidenschaft gewählt hat, von jedem und jeder genauso respektiert wird wie ein Mann mit dickem Gehaltsscheck. Wir würden es uns wünschen.

Eure Jungs

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