Die Mädchenfrage

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Wenn es ums Essen geht, habe ich ja eher mit Jungs zu tun, die sind wie mein Freund J. Der ist so, dass er erst mal ein belegtes Baguette wegsteckt und dann sagt: „Ich hol’ mir jetzt mal was zu essen.“ Ich werde da immer sehr neidisch. Denn J. genießt das Privileg, zwei Hauptspeisen plus Nachtisch konsumieren zu können, ohne, dass sich etwas an seinem durchaus anständigen Körperbau ändert. Ich dagegen schaffe nicht mal halb so viel, ohne entweder zu platzen oder aber eine schleichende Ausdehnung meines Umfanges zu riskieren. In letzter Zeit passiert es aber immer wieder, dass die wirklich gut gebauten Jungs meiner Bekanntschaft den Salat bestellen. Man bietet ihnen ein Stück Kuchen an und sie lehnen mit Verweis auf ihre Hüftzone bedauernd ab. Und Getränkehersteller bringen kalorienfreie Produkte auf den Markt, die ausschließlich an eine männliche Kundschaft gerichtet sind. Solch ein Essverhalten kenne ich bisher hauptsächlich von meinen Mit-Mädchen. Wir wissen meistens ziemlich genau, was und wie viel wir essen können und wollen. Jahrelange Beobachtung der körperlichen Veränderungen, die ein zu viel oder zu wenig an Nahrungsmitteln bei uns bewirken, haben unser Bewusstsein für die Tücken der Ernährung geschult. Bei euch scheint sich das alles mühelos und stressfrei von selbst zu lösen. Daher finden wir einen Jungen, der Kalorien zählt, eher unerotisch. Mittlerweile bin ich mir nicht sicher, ob das nicht eine riesengroße Ungerechtigkeit ist. Daher muss ich unbedingt wissen: Achtet ihr eventuell genauso wie wir auf eure Figur? Und wie läuft das dann bei euch ab? meredith-haaf +++ Die Jungsantwort

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Ich kann deine Beobachtung nachvollziehen und, ja, bestätigen. Zunächst glaube ich, dass der männliche Körper weniger sogenannte Problemzonen zählt. Ihr Frauen werdet ja für die ansprechende Aus- oder Nicht-So-Ausprägung einer Vielzahl möglicher Rundungen bewundert, um es grob und in aller Eile auf einen Punkt zu wuchten. Bei Männern ist das `ne Nummer anders. Männer haben als One-And-Only-Problemzone nur den Bauch. Am Anfang ist es mit dem Bauch so: Wir trinken Bier und der jugendliche Bauch lacht sich eins und setzt nicht an. Wir trinken weiter Bier, gehen in Ausbildung, Studium oder Beruf, bewegen uns weniger und essen wie immer und trinken weiter und im Zweifel sogar regelmäßiger, weil wir uns nicht mehr in der Clique treffen, sondern abendeweise einzeln mit Freunden. Irgendwann dann in dieser Erwachsen-werd-Phase wird der Bauch des Energie-Überschusses müde und behält die Bier- und auch die Kantinen-Futter-Energie bei sich. Wird ja nicht verbraucht. Mit einem Mal fällt uns dann auf: Bäuchlein. Drängt so ein bisschen über den Gürtel rüber. Vielleicht war früher ein leichter Bauchansatz eine Art Statussymbol, wirkte männlich und erwachsen. Vielleicht war er ein Zeichen für: Der Kerl hinter diesem Bauch kann eine Familie ernähren. Heute aber? Kannst Du die besagte Salat-Beobachtung machen, gerade an Jungs, die schon sehr eindeutig in den Zwanzigern ihres Lebens stehen. Die sich heute beim Bier wie Veteranen darüber austauschen, wie viel Sport sie doch früher gemacht hätten, wie viel weniger Kneipen sie früher besucht hätten. Diese Jungs aber wollen diesen Umstand, im Gegensatz zu früheren Generationen, nicht mehr gutheißen. Wir sind also bauchfeindlich geworden. Warum? Weil wir länger jung sein wollen – ein Bauch ist uns ein Zeichen von Alter. Weil wir leicht und geschmeidig bleiben wollen, um den Wirrnissen und Ungereimtheiten der gegenwärtigen Beziehungs- und Berufszeiten schnell entgegnen zu können – ein Bauch ist uns ein Zeichen von Trägheit. Klingt jetzt komisch, oder? So küchenpsychologisch. Aber ich komme von dem Gedanken nicht los, dass unser neuer Kampf um eine schlanke Linie, speziell um einen flachen Bauch weniger einem Schönheitsideal als vielmehr einem noch nicht näher bekannten Instinkt entspringt, nach dem es besser ist, in dieser Welt gerade nicht träge zu werden. Weil einen sonst die schnelleren Tiere reißen. Aber vielleicht gehe ich zu weit. Am Ende sieht Plauze einfach scheisse aus. durs-wacker