Mädchenfrage: Warum wollt ihr keinen Sport mit uns machen?

Die Mädchenfrage: Warum wollt Ihr keinen Sport mit uns machen, Jungs?
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Die Mädchenfrage:  

Dies ist keine Einladung für gemeinsame Aerobic-Stunden. Es geht um euch und eure Sportgrüppchen, die ihr meist nur mit männlichen Mitgliedern bestückt - auch wenn durchaus Interesse an der Teilnahme der Mädchen besteht. Um das Problem zu illustrieren, anbei eine persönliche Anekdote:  

Im Kalender meines Freundes befindet sich auf jedem Sonntagsfeld ein umkringeltes F. Fußball. Mittags um zwei trifft er sich mit einer Gruppe von Jungs, um, wie er sagt, zu kicken. Am Sonntag vor ein paar Wochen - als das Wetter noch kurze-Hosen-freundlich war - schien die Sonne, die Luft war klar und ich hatte Lust auf ein wenig Bewegung. Also sagte ich spontan und motiviert: Ich spiele mit. Warum auch nicht? Ich bin nicht die schlechteste Fußballerin, kann Pässe spielen, an guten Tagen sogar mal das ein oder andere Dribbling vorführen. Den Rest meiner fehlenden Fußball-Expertise mache ich durch Schieben und Reingrätschen wett. Und noch viel wichtiger: Mein Spiel-Niveau scheint nicht allzu unkompatibel mit seiner Fußball-Gruppe zu sein. Diese ist meilenweit von jeglicher Professionalität entfernt: Die richtig Guten in der Mannschaft zum Beispiel, das sind einfach nur diejenigen Jungs, die irgendwann mal vor ewigen Zeiten, in der D-Jugend oder früher, im Verein gespielt haben. Seine Reaktion war überraschend verhalten. Naja, ich sei dann ja das einzige Mädchen  und überhaupt ... schnell und akustisch fast unhörbar nuschelte er seine wirkliche Abneigung gegen mein Mitmachangebot: Er müsse dann ja anders spielen. Normalerweise würden die Jungs der Sonntags-Sport-Gruppe -  die versierteren Vereinsfußballjungen ausgenommen - ziemlich viel ruppen und foulen. Das sei schlicht unmöglich, wenn ich mitspielen würde. Ich war empört. Soviel schlechter als der kettenrauchende Mannschaftskollege würde ich bestimmt nicht spielen. Von meinem Unmut angestachelt, erhob ich daraufhin eine unrepräsentative Umfrage unter freizeitsport-affinen Jungs und Mädchen.

Dabei stellte sich heraus, dass die - nach meinem Empfinden - bodenlose Unverschämtheit  meines Freundes doch ziemlich unaufgeregt normal zu sein schien und keineswegs irgendetwas Pärchenmäßiges darstellte. Die Ergebnisse: Joggen, Fahrradfahren, Muckibude; all dieser langweilige Individual- und Partnersportkrams inklusive Tischtennis könne man wohl gut gemeinsam mit Mädchen wie auch mit Jungs machen (sagten sowohl Jungs als auch die Mädchen). Ja, und die Mannschaftssportarten, die seien schwierig (sagten alle Jungs und nur eins der Mädchen). Warum das so ist, verstehe ich aber nicht, liebe Jungs. Natürlich, wenn wir Mädchen in dem besagten Spiel nicht so geübt sind, ist es schlicht logisch von euch, uns nicht einen Pass zuzuspielen, der potenziell ein Gehirnschädel-Trauma verursachen könnte. Aber ihr rempelt und bolzt ja auch ohne Vorsichtsvorkehrungen, wenn euer Mannschafts-Kumpel auf dem Platz herumeiert, als hätte er noch seine Moonboots an den Füßen. Und außerdem: zumindest die freiwilligen Teilnehmerinnen am Fußballspiel - um auf mein Beispiel zurückzukommen - würden bestens mit eurem rabiaten Spiel klarkommen. Behaupte ich jetzt einfach mal. Jungs, was ist denn da der Unterschied? Spielen wir Mädchen anders, auch wenn wir auf dem gleichen Sportlichkeitsniveau sind? Und: Wollt ihr denn überhaupt mit uns Sport machen?  Auf der nächsten Seite, die Jungsantwort von Stefan Winter.

Die Jungsantwort

Illustration: Katharina Bitzl

Es ist so eine Sache mit dem Ehrgeiz. Wer zuviel davon auf den Sportplatz trägt, ist unsympathisch und ein Depp. Wer ganz ohne zum Sport kommt, verdirbt den anderen aber auch den Spaß. Der Ehrgeiz muss wohldosiert sein. Er führt dazu, dass man manchmal etwas aggressiver ist als außerhalb des Platzes, er bringt Menschen zum Schreien, die sonst nie laut werden und er macht deinen freundlichen Freund zu einem Rückraum-Terrier. Kurzum: Den Ehrgeiz richtig einzusetzen ist (übrigens nicht nur beim Sport) eine der wichtigsten Aufgaben, die man als Mensch so zu bewältigen hat. Denn wer ehrgeizig ist, vergisst darüber meist alles anderen im Leben.

 

Und da gibt es eine Sache, die Jungs sehr interessiert: Mädchen! Deshalb ist der erste Teil der Antwort recht einfach: Wenn wir eine Sportart richtig - also ehrgeizig - betreiben, dann so, dass wir dabei nicht auf Mädchen achten. Das ist aber aus zwei Gründen blöd: Zum einen denkt ihr, wir würden uns nicht für euch interessieren und zum zweiten seht ihr uns durch diese sportliche Neuausrichtung auf ein anderes Ziel (als euch) mit ganz anderen Augen. Beides wollen wir eigentlich vermeiden (das ist nebenbei bemerkt auch der Grund, warum Mädchen und Jungen als Paar nur sehr schwer zusammen arbeiten können).

 

Und jetzt zum sportlichen Teil der Antwort: Dabei gilt es zunächst zu bedenken, dass die einmalige, spontane Teilnahme bei uns das Gefühl mangelnden Interesses weckt. Wer "nur mal so" mitkommen will, zeigt uns zunächst: Das richtige Maß an Ehrgeiz fehlt. Wenn wir dann tatsächlich gemeinsam Sport treiben, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten, wie das gehen könnte - und beide sind nicht gut. Entweder ihr seid in einer Sache besser (ganz schlecht) oder schlechter (auch unschön) als wir. Denn wenn ihr besser seid, stachelt das unseren Ehrgeiz an und siehe oben. Und überhaupt: Wer will schon gerne, dass wer anders besser ist. Also: ein Problem. Wenn ihr in einer Sportart schlechter seid als wir ist das aber auch nicht gut, denn ohne eine Herausforderung wird man beim Joggen, Tischtennis und sogar beim Aerobic arrogant, herablassend und unsympathisch. All das wollen wir nicht, nicht mal beim Aerobic.

 

Deshalb reagieren die meisten von uns eher zurückhaltend, wenn ihr euch in die Fußballgruppe einladet oder plötzlich auf die Idee kommt, mit uns Joggen zu wollen. Das alles hat nichts im Geschlechterklischees oder Rollenbildern zu tun, sondern einzig damit, dass man sich schon sehr gut kennen muss um mit den Stärken und Schwächen des anderen umgehen zu können. Und das bezieht sich nicht nur auf den Sport aber eben auch.   Stefan Winter