Wie redet ihr denn über uns?

Die Mädchenfrage Neulich stolperte ich in einer überregionalen Wochenzeitung über den Text eines Kolumnisten.
fabian-fuchs

Die Mädchenfrage

Neulich stolperte ich in einer überregionalen Wochenzeitung über den Text eines Kolumnisten. Darin ging es um Frauen und womit die sich so im Allgemeinen beschäftigen. Der Kolumnist ist ein Mann und für seine Recherche hat er das gelesen, was man Frauenliteratur nennt, Bücher, die von weiblichen Autorinnen für eine spezifisch weibliche Leserschaft verfasst sind. Der Autor stellte fest, dass es in all den Büchern immerzu nur um eines ging: Männer nämlich. Er konnte nicht glauben, dass das in der Realität auch so sein sollte, also begab er sich zur Feldforschung in ein paar Cafés und siehe da – überall wo Frauen waren, wurde über Männer gesprochen. Der gute Kolumnist schlug also drei Kreuze und freute sich seiner männlichen Natur, die es ihm erlaubt, sich mit den wirklich wichtigen Angelegenheiten der Welt zu beschäftigen: Philosophie, Politik und für den obligatorischen Höhö-Faktor, Fußball. An dieser Stelle gibt es Zweierlei zu klären. Erstens würde kein ernstzunehmendes Mädchen Frauenliteratur mit etwas anderem als äußerst spitzen Fingern anfassen. Und zweitens ist die Behauptung, Mädchen würden nur über Jungen reden, absolut haltlos. Genauso wie mit euch, sind wir auch mit unseren Freundinnen in der Lage, über Literatur, Fragen der praktischen Ethik und die diversen medialen Blödmänner unserer traurigen Zeiten zu parlieren. Aber zugegeben – das Jungsgespräch ist ein Meilenstein innerhalb der Mädchenfreundschaft. Denn es ist reizvoll und erinnert uns an die Zeit, in der wir noch präpubertäre Geheimnisse austauschten. Und so richtig gültig ist eine Freundschaft erst, wenn wir wissen, dass wir Verständnis und Aufschluss bei einer Freundin finden, wenn es um euch geht. Wir reden also nicht ausschließlich über euch – nur eben sehr gerne. Und jetzt mal Mund auf, Hosen runter: Redet ihr denn unter euch etwa nie über uns? charlotte-schneider Die Jungsantwort

Wenn man Junge und ehrlich ist, muss man jetzt sagen: Wir reden tatsächlich nicht viel über euch. Freilich, wenn ihr uns gerade verlassen habt, teilen wir genau einen Abend lang den Schmerz in großen Thekenmonologen mit genau dem Kumpel, den wir wegen euch vernachlässigt haben. Und vielleicht sprechen wir mit ihm zwei Monate später auch darüber, wie gerne wir mit der Kleinen aus der Bibliothek rummachen würden. Aber dieses Gerede bleibt größtenteils abstrakt und vor allem schrecklich selbstbezogen. Solange mit euch alles gut läuft, ist uns das kaum eine Erwähnung wert. Warum nicht? Man stelle sich eine Gruppe Jungs vor, sagen wir beim Konzert einer Jungsband oder beim Sitzen am Flussufer und einer sagt plötzlich: „Gestern war Inka wieder so seltsam still, als wir bei ihrer Mutter waren, da denke ich mir manchmal, sie steht überhaupt nicht zu mir und in anderen Momenten ist sie dann wieder so aufopfernd.“ Utopisch, das geht nicht. Wir machen das nicht, weil wir ahnen, dass wir unsere Freunde damit peinlich berühren würden und dass außer einem gemurmelten „Das kriegst du schon hin!“, von ihnen kein Trost zu erwarten wäre. Siehe Marcus Wiebusch, dem in „Keine Lieder über Liebe“ angesichts der heftigen Beziehungsbrüllerei seines Kumpels nichts anderes einfällt, als ein genuscheltes „Na, wegen eurer Affäre, oder?“. Das Ganze hat auch noch eine andere Seite. Die Liebe ist uns immer irgendwie unheimlich, in ihrer ganzen Schönheit. Wir begreifen es nicht, dass wir bei ihr mitmachen dürfen, wo wir doch heimlich in der Nase bohren und an Alf denken, wenn wir eine Katze sehen. Dass wir trotzdem eine Liebe abgekriegt haben, erscheint uns deswegen wie ein kleiner Irrtum oder so. Und wir fürchten uns davor, dass einer unserer Kumpels irgendwann sagt: „Du bist in Liebe, obwohl du beim WIZO-Konzert das Bier-Catchen gewonnen hast. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen!“ Also halten wir mal lieber schön die Klappe und hüten euch wie man ein herrliches Geheimnis hütet, von dem man ahnt, dass es einem eigentlich nicht zusteht. Illustration: dirk-schmidt