570625

Die Mädchenfrage: Also Jungs, heute muss ich mir was von der Leber reden. Ja, genau, es geht um Alkohol. Also darum, was er aus uns macht, in euren Augen. Sehr betrunkene Mädchen sind nämlich etwas anderes als sehr betrunkene Jungs. Wenn ihr so richtig dicht seid, grölend und torkelnd und auch aufdringlich – dann seid ihr halt Männer. Ihr seid vielleicht nicht bei allen Anwesenden beliebt, aber man wird euch euer Verhalten nicht vorwerfen. Vor allem werft ihr es euch selbst und gegenseitig nicht vor, im Gegenteil. Denn euer Exzess ist eine Geschichte, er gehört, genau wie Fußball gucken oder Hintern ansehen zu einem kulturell abgesegneten Inventar der Männlichkeit. Sind wir so richtig voll und knülli, wackeln und grölen und kichern wir enthemmt umher – dann sind wir peinlich. Anderen Frauen und euch offenbar auch oft. Oder wieso hört man den Spruch „Es gibt nichts schlimmeres als eine betrunkene Frau“ so oft? Da hilft es nichts zu protestieren, dass besoffene Kerls auch ätzend sind, wir merken es an der Fallhöhe eurer Augenbrauenminik wenn ein dichtes Mädchen oder ein zugeknallter Kerl an euch vorbeieiert. Das ist nicht unbedingt eure Schuld, ich glaube ja nicht, dass ihr uns aus eurem bierseligen Vergnügen heraus halten wollt. Und wir sind untereinander ja auch schnell dabei, uns gegenseitig für alkoholinduziertes Danebenbenehmen abzuwatschen. Beispiel gefällig? Auf Musikfestivals gehört es ja zum guten Ton, 24 bis 72 Stunden am Stück hauptsächlich Alkoholisches zu sich zu nehmen. Dementsprechend unangenehme Erfahrungen mit entgrenzten Artgenossen macht man dort. Aber komischerweise werden die dichten Männer mit ihren nackten Oberkörpern höchstens als extrem unangenehm empfunden. Den Horden von Mädels, die eigentlich nichts anderes machen, als genauso zu nerven, wird gerne ein „Die können einem nur leid tun“ oder „Ganz schöne Opfer“ entgegen geraunt. Anders als euch selbst gesteht ihr uns ein autonomes Sich-zu-saufen nicht zu. Wir können nicht einfach dicht sein, weil wir halt Bock drauf haben, sondern wir sind dann gleich peinlich. Und nicht nur das. Betrunkene Mädchen sind eurer Ansicht nach direkt eine Gefahr, natürlich nur für sich selbst. Sobald wir mal ein bisschen die Kontrolle verlieren, wird uns sofort damit gedroht, dass jemand genau das ausnutzen könnte. Also sollten wir wohl besser immer schön ordentlich bleiben. Ich denke, darin liegt der Knackpunkt. Ihr erwartet von uns „weibliches“, sprich: geordnetes, sauberes und vor allem kontrolliertes Verhalten. Das entspricht dem allgemeinen gesellschaftlichen Anspruch an uns. Wir sollen uns im Griff haben, egal, ob es um unseren Nahrungsmittel- oder unseren Alkoholkonsum geht. Oder liege ich damit falsch? Ich meine, klar, eine weibliche Alkoholleiche ist auch nicht besser als eine männliche. Aber ist sie denn schlechter? Oder anders gefragt: Jungs, findet ihr uns denn wirklich so scheiße, wenn wir betrunken sind?


Die Jungsantwort: Zunächst müssen wir einmal sagen: Es ist super, wenn ihr trinkt. Es ist sogar super, wenn ihr sauft. Weil saufen einfach eine tolle Sache ist, bei der jeder – egal welcher Nationalität, Religion oder Geschlechts – mitmachen darf. Und es gibt nichts Schlimmeres als diese Apfelschorledrosseln und Milchkaffeemädchen, die panische Angst vor Kontrollverlust haben und sich um ein Uhr früh noch einen KiBa bestellen. Nicht, dass es uns jetzt darum ginge, eure fehlende Kontrolle auszunutzen, aber lockere, unkomplizierte und lachende Frauen mit einem Kräuterschnaps in der Hand sind einfach umwerfend. Allerdings hat deine gesellschaftliche Analyse etwas für sich: Weibliche Dichtlinge finden wir irgendwie nicht so toll. Es gibt nämlich nur zwei Möglichkeiten: 1. Mädchen, die saufen nicht checken Weil Mädchen seltener richtig viel trinken (nur damit wir uns richtig verstehen: Wir reden hier nicht geselligen Trinken-wir-mal-ein-paar-Bier-zusammen, sondern vom selbstdestruktiven Vollrausch, bei dem leichte Alkoholika wie Bier lediglich den Fuß bilden, die Spitze des Rausches aber durch Schnäpse und/oder Longdrinks hervor gerufen wird), weil Mädchen also im Allgemeinen seltener richtig voll sind, haben sie darin keine Übung. Los geht es mit einem wahnsinnig infantilen Gekichere, irgendwann wird dann mit greller Stimme durch die Bar geplärrt und am Ende liegt dann ein Haufen Erbrochenes rum, wo er nicht sein sollte. Im schlimmsten Fall liegt die Frau sogar selbst darin. Das T-Shirt ist verrutscht, die Haare angekotzt und jedem Dahergelaufenen schmeißt sie sich um den Hals. Das kann Jungs zwar auch passieren, aber um unsere Kumpels müssen wir uns nicht kümmern. Die kommen schon irgendwie klar. 2. Mädchen, die saufen können Sind faszinierend. Anfangs. Wenig ist beeindruckender als eine Frau, die, ohne uns zu fragen, noch zwei Wodka bestellt und nicht „Findest Du nicht, dass es langsam mal reicht?“ fragt. Frauen, die saufen können, haben keine Angst vor Kontrollverlust. Das wirkt unglaublich selbstbewusst und imponiert uns. Zwischen dem dritten und sechsten Bier sind wir ein bisschen verliebt. Aber was kommt dann? Was sollen wir von einem Mädchen halten, das Herrenwitze macht? Das sich aus Schnaps und Bier ein „U-Boot“ baut? Mit dem wir uns irgendwann in die Arme fallen und uns ewige Freundschaft schwören? Das machen wir dann doch lieber mit unseren Kumpels. Tertiam non datur. Vielleicht ist Saufen einfach ein Hobby, bei dem Jungs und Mädchen unter sich bleiben sollten. johannes-siebold